Familie von Germanwings-Copilot Andreas Lubitz veröffentlicht Gutachten - Was ist davon zu halten?

08. Mai 2017 - 11:16 Uhr

Vorverurteilungen und Spuren, die nicht verfolgt wurden?

Mehr als zwei Jahre nach der Germanwings-Katastrophe in den französischen Alpen beharrt der Vater von Copilot Andreas Lubitz auf der Unschuld seines Sohnes. Die Familie hat nun wie angekündigt Auzüge ihres umstrittenen Gutachtens zum Absturz mit ingesamt 150 Toten in Auszügen veröffentlicht. Ziel ist die Wiederaufnahme des Verfahrens. Ob das klappt, ist fraglich.

Von 299 Seiten wurden nur 22 veröffentlicht.

Tim van Beveren und Guenter Lubitz leave news conference in Berlin, Germany, March 24, 2017.     REUTERS/Fabrizio Bensch
Günter Lubitz und Tim van Beveren bei der gemeinsamen Presseerklärung am zweiten Jahrestag der Germanwings-Katastrophe.
© REUTERS, FABRIZIO BENSCH, FAB/joh

Die Eltern hatten den Luftverkehrs-Journalisten Tim van Beveren beauftragt, sich mit der Katastrophe zu befassen. Van Beveren hatte das Gutachten zusammen mit Günter Lubitz bereits bei einer Pressekonferenz am zweiten Jahrestag des Absturzes im März vorgestellt und eine Reihe von Details aufgezählt, mit denen er Vorgehen und Rückschlüsse der offiziellen Ermittlungen infrage stellt. Demnach sei nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Copilot allein verantwortlich für den Absturz mit 150 Toten sei.

Das Gutachten zu bewerten, ist allerdings problematisch, denn "von den im Inhaltsverzeichnis aufgelisteten 299 Seiten sind gerade ja nur 22 veröffentlicht worden – und das waren nur die ersten Seiten mit einer Art Einführung", erklärt RTL-Luftfahrtexperte Ralf Benkö. "Dort konnte ich keine wirklich neuen Aspekte erkennen. Ich frage mich, warum um manche Details des Gutachtens so ein Geheimnis gemacht wird."

Schwere Vorwürfe gegen Staatsanwalt und Kripo

Van Beveren spricht in dem etwa 15-seitigen Auszug des Gutachtens von Vorverurteilungen und Spuren, die nicht verfolgt worden seien und die Ermittlungen "in eine Sackgasse geführt" hätten. "In einem sehr frühen Stadium der Untersuchung fokussierten sich sämtliche Ermittlungsansätze nur noch auf die Person des Copiloten Andreas Lubitz." Auch die Medienberichterstattung habe zu einer "irreparablen Kontamination" der Untersuchungen zulasten von Andreas Lubitz geführt. Van Beveren spricht von einem "herausragenden Negativbeispiel" in der Geschichte der zivilen Flugunfalluntersuchung seit 1948.

Auch die Ermittlungsarbeit der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und die ermittelnde Sonderkommission 'Alpen' der Kriminalpolizei Düsseldorf prangert das Gutachten an. So habe es "massive und aus rechtsstaatlicher Sicht bedenkliche" Versäumnisse und Unzulänglichkeiten gegeben. Die Ermittlungsbehörden hätten demnach in den ersten Wochen nach dem Absturz keine sach- und fachkundigen Experten hinzugezogen. Von "eindeutig falschen Schlussfolgerungen" und "falschen Tatsachenbehauptungen" ist die Rede. Inhalte aus Ermittlungsakten - zum Beispiel Fotos einer Hausdurchsuchung in den Privaträumen von Lubitz und seinem Elternhaus in Montabaur - seien während der noch laufenden Ermittlung von der Staatsanwaltschaft durch Anwälte von Angehörigen der Opfer an die Presse gespielt worden. Dies habe keinerlei Konsequenzen nach sich gezogen, eine Dienstaufsichtsbeschwerde von Lubitz' Eltern sei ins Leere gelaufen.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

"Es gab es konkrete Pläne für eine Hochzeit und einen Kinderwunsch"

FILE PHOTO - Andreas Lubitz runs the Airportrace half marathon in Hamburg in this September 13, 2009 file photo.      REUTERS/Foto-Team-Mueller/File Photo
Andreas Lubitz
© REUTERS, FOTO TEAM MUELLER, PK/joh

Nach van Beverens Einschätzung gibt es "erhebliche Zweifel an der erwiesenen Schuld" des Copiloten. Zwar könne er Lubitz mangels eines Verfahrens vor Gericht nicht entlasten, jedoch sei es nach Durchsicht der ihm vorliegenden Indizien und Belege zumindest "nicht über jeden Zweifel erhaben erwiesen, dass Andreas Lubitz in suizidaler Absicht das Flugzeug (...) vorsätzlich und als Folge einer bewussten oder sogar geplanten Aktion zum Absturz gebracht hat". Bisher sei hierfür von den Ermittlern kein plausibles Motiv gefunden und glaubhaft belegt worden.

Auch für Beziehungsprobleme als möglichen Auslöser gibt es dem Gutachter zufolge keinerlei Anhaltspunkte. Seine Lebensgefährtin habe Andreas Lubitz während einer "depressiven Episode im Jahr 2008/2009 maßgeblich unterstützt". Die Beziehung der beiden habe sich in den folgenden Jahren gefestigt. "Zum Zeitpunkt des Unfalles gab es konkrete Pläne für eine Hochzeit und einen Kinderwunsch."

Kognitiver Totalausfall? Schlaganfall? Herzinfarkt?

A wreath of flowers to the memory of victims from Spain is seen at the memorial for the victims of the air disaster in the village of Le Vernet, near the crash site of the Airbus A320 in French Alps March 27, 2015. A young German co-pilot barricaded
Erinnerungsstätte im französischen Le Vernet an die Opfer der Germanwings-Katastrophe.
© REUTERS, ERIC GAILLARD

Das Gutachten präsentiert auch alternative Erklärungen für den Unfallhergang. So könne die Kabinenluft kontaminiert gewesen sein, was bei Lubitz Sehbeschwerden, psychische Veränderungen oder gar einen kognitiven Totalausfall ausgelöst haben könnte, die zu völliger Handlungsunfähigkeit geführt hätte. Lubitz sei diesbezüglich vorbelastet gewesen.

Van Beveren habe Flüge des Copiloten mit sogenannten 'Fume/Smell-Events' abgeglichen. Zwar sei Lubitz nie während eines Piloteneinsatzes akut von einem solchen Vorfall betroffen gewesen, trotzdem sei es auffällig, dass er "überwiegend auf Flugzeugen (...) eingesetzt war, die vor oder nach seinen Flügen in solche 'Fume/Smell'-Vorfälle involviert gewesen" seien. Dafür vorgesehene Wartungsarbeiten seien im Anschluss oftmals "nicht durchgeführt" worden. Eine forensische Analyse von Muskelgewebeproben könne Aufschluss darüber geben, ob Lubitz zu einer der bekannten Risikogruppen gehört habe. Abgesehen davon seien auch ein Schlaganfall, Herzinfarkt oder komatöser Zustand denkbar.

Gutachten: Kein Arzt oder Therapeut diagnostizierte Suizidgedanken

Resuce workers and investigators, seen in this picture made available to the media by the French Interior Ministry April 1, 2015, work near debris from wreckage at the crash site of a Germanwings Airbus A320, near Seyne-les-Alpes. The German pilot, A
Retter am Unglücksort in den französischen Alpen bergen Wrackteile des abgestürzten Airbus A320.
© Reuters, HANDOUT

Tim van Beveren schreibt weiter, es könne aus heutiger Sicht "auch nicht mehr behauptet werden, Andreas Lubitz sei depressiv gewesen". Hierfür hätten dem Gutachten zufolge die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft "keinerlei Anhaltspunkte" erbracht. Vielmehr habe laut Einstellungsverfügung vom Dezember 2016 aus dem das Gutachten zitiert "keiner der 2014/2015 behandelnden Ärzte, psychiatrischen Fachärzte oder sonstigen Mediziner eine Depression diagnostiziert". Auch Suizidgedanken seien zu diesem Zeitpunkt von keinem Arzt oder Therapeuten festgestellt worden.

Ein iPad, auf dem die Polizei verdächtige Suchverläufe mit den Begriffen "Suizid" und "Cockpittür" sichergestellt habe, sei nicht in Lubitz' Wohnung gefunden, sondern erst später "durch eine dritte Person der Polizei übergeben" worden.

Was ist von dem neuen Gutachten zu halten?

In dem Gutachten von van Beveren geht es aber, soweit sich das anhand der Auszüge beurteilen lässt, offenbar eher darum die offiziellen Ermittlungsergebnisse infrage zu stellen. "Meiner Meinung nach ist das Grundproblem bei der Herangehensweise des Gutachters, dass er vor allem Fragen aufwirft aber keine andere Absturztheorie präsentieren kann, die den bekannten Ablauf des Fluges 4U 9525 in anderem Licht erscheinen lassen", meint Benkö. Darauf weisen aus seiner Sicht schon die Anfangsseiten des Gutachtens hin. "Der Gutachter soll, soweit es ihm möglich ist, Entlastungsaspekte und diese belegenden Indizien erheben und im Gutachten aufführen", heißt es dort.

"Hätte sich im Rahmen des Gutachtens wirklich eine ganz neue Beweislage ergeben, die ein anderes Absturzszenario erklären kann, hätte es auch bei den ermittelnden Behörden andere Reaktionen gegeben. Doch bisher ändert das Gutachten nichts an der offiziellen Erklärung der Ermittler, der Copilot sei voll handlungsfähig gewesen, als er das Flugzeug in den Berg flog. Eine andere, schlüssige Erklärung konnte meiner Meinung nach auch der Gutachter nicht liefern", sagt der RTL-Luftfahrtexperte.

Staatsanwaltschaft von Lubitz' Schuld überzeugt

andreas lubitz
Andreas Lubitz

Laut Staatsanwaltschaft Düsseldorf trägt Andreas Lubitz die alleinige Verantwortung für den Absturz, bei dem 150 Menschen starben. Dem Abschlussbericht der Behörden zufolge brachte der Copilot am 24. März 2015 den Airbus A320 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich zum Absturz in Südfrankreich. Zuvor hatte er demnach den Flugkapitän aus dem Cockpit ausgesperrt.