Influencer Sammy Baker in Amsterdam erschossen

Eltern erheben Vorwürfe gegen Polizei: "Es war eine Hinrichtung"

07. Mai 2021 - 19:46 Uhr

Sammy Baker wurde in Amsterdam von Polizisten erschossen

Influencer Sammy Baker wollte im August 2020 in Amsterdam mit Freunden seinen Geburtstag feiern. Doch der deutsche Influencer erleidet nach Haschischkonsum eine Psychose, hält sich ein Messer an den Hals, bedroht angeblich auch Polizisten. Die Situation eskaliert, ein Polizist erschießt ihn. Sammys Eltern sprechen jetzt Im exklusiven RTL-Interview zum ersten Mal über die Ereignisse und ihren Verlust. Sie machen der Polizei schwere Vorwürfe.

Der Influencer hatte mutmaßlich eine Psychose

Influencer Sammy Baker in Amsterdam erschossen
Influencer Sammy Baker wurde in Amsterdam von der Polizei erschossen.
© RTL

Sammy Baker feierte mit Freunden in Amsterdam, sie konsumierten Drogen – was in den Niederlanden nicht verboten ist. Warum und wie die Situation dermaßen außer Kontrolle geraten konnte, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Niederländischen Medien zufolge soll der junge Deutsche die Polizisten mit einem Messer bedroht haben, zudem soll er gedroht haben, sich die Kehle aufzuschneiden. Er habe einen sehr verwirrten Eindruck gemacht.

Zuvor hatten die Polizisten etwa eine Viertelstunde lang versucht, mit Sammy zu reden, ohne dass er reagiert hätte. Ruben Koops, Reporter der Zeitung "Het Parool", sah von seiner Wohnung aus, wie Polizeibeamte einen Verdächtigen in der Grünanlage hinter dem Haus umstellten. Der junge Mann habe gegen einen Zaun gelehnt einfach dagesessen und nicht auf die Rufe der Beamten reagiert. "Er hatte nicht viel an. Er trug nur seine Boxershorts, sein T-Shirt war hochgezogen. Er presste etwas gegen seinen Hals", erinnert sich Koops. Schlussendlich hätten sich die Polizisten dazu gezwungen gesehen, zu schießen. Während die Polizei mit Notwehr argumentiert, sagen die Eltern, dass von ihrem Sohn keine Gefahr ausgegangen sei.

Eltern verstehen nicht, warum Sammy nicht geholfen wurde

Seine Mutter Justine S. sagt, sie habe in den letzten Stunden vor Sammys Tod gemerkt, dass etwas nicht mit ihm stimme. Sie sei nicht mehr an ihn herangekommen. Auf die Frage, ob es ihm gut gehe, habe er mit "nein" geantwortet. "Da ging für mich der Horror eigentlich schon los", sagt sie.

Sie sei nach Amsterdam gefahren, um ihren Sohn zu finden. Es sei ihr gelungen, doch Sammy Baker sei wieder abgehauen. "Ich hätte hinterherlaufen sollen. Vielleicht hätte ich etwas tun können", sagt Justine. "Den Vorwurf mache ich mir schon." Dann kommt es zum folgenschweren Zusammentreffen mit der Polizei. Erst auf dem Polizeirevier habe Justine vom Tod ihres Sohnes erfahren, sagt sie unter Tränen.

Sammys Eltern verstehen nicht, warum die Polizei ihrem Sohn in seiner Psychose nicht geholfen hat. "Das war unterlassene Hilfeleistung", sagt seine Mutter. "Man ruft doch die Polizei, dein Freund und Helfer und nicht die Polizei, dein Feind und Killer."

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Sammys Mutter schließt auch Rassismus bei der Polizei nicht aus

Influencer Sammy Baker in Amsterdam erschossen - Mutter
Sammys Mutter schließt nicht aus, dass bei seiner Tötung Rassismus im Spiel war.
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"Eine Zeugenbefragung gab es nicht, angeblich aus Personalmangel", schildert Justine die Ermittlungen. "Die Bodycam der Todesschützen haben zufälligerweise nicht aufgezeichnet. Das stinkt doch zum Himmel", findet Justine. Auch bezüglich des Messers, mit dem Sammy um sich gestochen haben soll, gäbe es weiter Ungereimtheiten. Er habe nur eine kleine Hüfttasche bei sich gehabt, zu klein für ein 30 Zentimeter langes Messer, glaubt Sammys Mutter. "Die sind mit ihm umgegangen, als sei er ein Terrorist."

Sie fordert, dass der Polizeichef zurücktritt. Er decke die Polizisten, ist sie sicher. Sammys Mutter zieht im Interview einen Vergleich zum Fall von George Floyd. Sie schließe Rassismus auch bei Sammys Tötung nicht aus. "Er hat afroamerikanische Wurzeln, väterlicherseits. Er ist ein dunklerer Typ. Es kann aber auch etwas Rassistisches gegen Deutsche sein", spekuliert sie.

Die vielen Ungereimtheiten zu Sammys Tod würden einfach so hingenommen

Justine glaubt, dass ihr Sohn wusste, dass er Hilfe braucht. "Vielleicht hat er Stimmen gehört, ich weiß es nicht. Das muss furchtbar gewesen sein", sagt sie erschüttert.

"Da ist eine völlig inkompetente Polizei zusammengekommen, die auch noch bösartig war. Die haben meinen Sohn umgebracht", sagt Justine. Die ganzen Ungereimtheiten würden einfach so hingenommen. Es gäbe keine Konsequenzen, bedauert sie.

Sammys Eltern wollen zur Not selbst vor Gericht ziehen

Influencer Sammy Baker in Amsterdam erschossen - Vater
Der Vater des erschossenen Sammy findet für die Verantwortlichen klare Worte.
© RTL

Sammy Bakers Eltern wollen sich weiter für den jungen Mann einsetzen. "Aufgeben ist keine Option. Wir werden kämpfen bis zur letzten Instanz", betont Justine. "Auch, um der Welt zu zeigen, dass da gehörig etwas schief gelaufen ist. Da wird versucht, etwas zu verdecken."

Sammys Vater findet für die Verantwortlichen in den Niederlanden klare Worte: "Da haben die sich die falsche Familie ausgesucht. Hier ist nichts mit sitzen und rumheulen. Wir hören nicht auf." Sollte die Staatsanwaltschaft keine Klage gegen die Polizisten erheben, überlegen Sammys Eltern, selbst vor Gericht zu ziehen.

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