Kein "tiefgreifender Hass auf die Gesellschaft"

Verteidiger versuchen Amokfahrer von Volkmarsener Rosenmontagszug zu entlasten

Am 24. Februar raste der damals 29-Jährige Maurice P. in die Zuschauerschaft des Volkmarsener Rosenmontagszuges.  Foto: Uwe Zucchi/dpa/Archivbild
Am 24. Februar raste der damals 29-Jährige Maurice P. in die Zuschauerschaft des Volkmarsener Rosenmontagszuges. Foto: Uwe Zucchi/dpa/Archivbild
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09. Dezember 2021 - 13:16 Uhr

Er raste mit seinem Auto in einen Rosenmontagszug

Seit dem 24. Februar 2020 hat sich das Leben der Menschen im nordhessischen Volkmarsen verändert: Es ist der Tag, an dem der damals 29-jährige Maurice P. einen silbernen Mercedes vorsätzlich direkt in die Zuschauer des örtlichen Rosenmontagsumzuges lenkte. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft dem heute 31-Jährigen vor, mindestens 88 Menschen, darunter 26 Kinder, teilweise schwer verletzt zu haben. Am Donnerstagmorgen hielten die Verteidiger von Maurice P. in Kassel ihre Plädoyers und präsentierten Gründe, die den Fahrer nun entlasten sollen.

Fahrer Maurice habe ebenfalls gelitten

Die Anwälte Susanne Leyhe und Bernd Pfläging
Die Anwälte Susanne Leyhe und Bernd Pfläging verteidigen Maurice P. im dem Volkmarsen-Prozess. In ihren Plädoyers lieferten sie Gründe, dir für den Angeklagten sprechen sollen.
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Seit seiner Festnahme am Tag des Rosenmontagszuges äußerte sich der Angeklagte nicht zur Tat. Verteidiger Bernd Pfläging erläuterte, dass es das gute Recht der Betroffenen sei, das Motiv der Tat zu erfahren, ebenso sei es aber auch das gute Recht seines Mandanten, eine Aussage zu verweigern.

Aus Sicht des Verteidigers seien die Auswirkungen des Verfahrens auf Fahrer Maurice in dem bisherigen Prozess zu wenig beleuchtet worden. Er sei nach Frankfurt verlegt worden, weil er Angst vor Übergriffen hatte. In Frankfurt kam er für Monate in Einzelhaft, ohne Kontakt zu anderen Menschen gehabt zu haben. Sein Bild war Stunden später in großen Boulevardzeitungen, seine Familie wollte nicht aussagen, weil sie Angst haben. Eine Schwester sei nach Frankreich ausgewandert, weil die Familie massiv durch die Presse bedrängt worden sei.

Charakter des Angeklagten spreche für milderes Urteil

In ihren Plädoyers führten die Verteidiger Bernd Pfläging und Susanne Leyhe noch aus, dass Maurice vor dem Vorfall in Volkmarsen durchaus menschliche Züge zeigte, die einen "tiefgreifenden Hass auf die Gesellschaft" unwahrscheinlicher erscheinen lassen sollen. Demnach habe sich der Angeklagte häufiger und gut mit seiner 80-jährigen Nachbarin unterhalten. Auch mit dem Kassierer des örtlichen Rewe-Marktes soll es sozialen Austausch gegeben haben. "Wenn es dir gut geht, geht es mir auch gut!", soll Maurice P. an der Kasse gesagt haben, nachdem er nach dem Wohlbefinden eines Kassierers fragte.

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Bremste Maurice P. das Auto selbst?

Die Verteidigung plädiere "für eine Verschiebung des Strafrahmens wegen Versuchs", sagte Leyhe. Sie forderte das Gericht zudem auf, bei der Strafzumessung die Möglichkeit zu berücksichtigen, dass der Angeklagte das Tatfahrzeug selbst zum Stillstand gebracht haben könnte. Schließlich habe ein Kfz-Sachverständiger einen technischen Defekt an dem Pkw ausgeschlossen, führte die Verteidigerin aus. Auch die besondere Schwere der Schuld sowie die Bedingungen für den Vorbehalt anschließender Sicherungsverwahrung lägen aus Sicht der Verteidigung nicht vor.

Im Video: Dieser Kassierer verkaufte Amokfahrer Wodka

Lebenslange Freiheitsstrafe gefordert

Staatsanwaltschaft und Nebenklägervertreter hatten in ihren vorangegangenen Plädoyers eine lebenslange Freiheitsstrafe mit dem Vorbehalt anschließender Sicherungsverwahrung sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert. Das Urteil wird für den 16. Dezember erwartet.

(kmü/tel/dpa)