Prozess nach Auto-Attacke vom Rosenmontag begonnen

Keine Antworten für die Angehörigen: Angeklagter von Volkmarsen schweigt

03. Mai 2021 - 16:15 Uhr

14 Monate nach dem Anschlag auf den Faschingszug

Die Gründe für die Autoattacke auf den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen in Nordhessen bleiben auch zu Beginn des Prozesses unklar.

Mammutprozess in Messehalle

Der 30 Jahre alte Angeklagte hat sich nicht zu den Vorwürfen geäußert. Sein Mandant werde vom Schweigerecht Gebrauch machen, sagte der Verteidiger vor dem Landgericht. Der Prozess ist bis in den Dezember angesetzt. Wegen der Corona-Pandemie findet der Prozess in einer eigens umgebauten Messehalle in Kassel statt. Dort haben bis zu 300 Zuhörer Platz. Zum Auftakt kamen jedoch lediglich rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörer.

Der Mann war laut Generalstaatsanwaltschaft am 24. Februar 2020 in die Zuschauermenge des Rosenmontags-Umzuges in Volkmarsen (Landkreis Waldeck-Frankenberg) gefahren. 90 Menschen, darunter viele Kinder, erlitten teils schwere Verletzungen. Weitere Opfer trugen seelische Wunden davon, die Ermittler gehen von insgesamt mehr als 150 Betroffenen aus. Drei von ihnen nehmen als Nebenkläger an dem Prozess teil.

Anklage: 91-facher versuchter Mord

People react at the scene after a car ploughed into a carnival parade injuring several people in Volkmarsen, Germany February 24, 2020. ATTENTION:NUMBER PLATE WAS PIXELATED FROM SOURCE.     Elmar Schulten/Waldeckische Landeszeitung via REUTERS.
Der Mercedes kam erst nach einigen Metern zum Stehen.
© via REUTERS, ELMAR SCHULTEN, rkr/joh/

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten 91-fachen versuchten Mord vor, gefährliche Körperverletzung in 90 Fällen sowie gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Er habe "planvoll und absichtlich" gehandelt, sagte Anklagevertreter Tobias Wipplinger. So habe er seinen Mercedes mit einer Kamera ausgerüstet und in Nähe des Tatortes abgestellt.

Als sich der Umzug näherte, fädelte er sich laut Ermittlern in den Verkehr ein. Doch statt an einer Kreuzung abzubiegen, gab er Gas und steuerte das Auto mit 50 bis 60 Stundenkilometern durch eine Absperrung erst in den Umzug, dann in die Zuschauermenge. Nach 42 Metern kam das Fahrzeug zum Stehen. Die Kollisionen hatten das Auto gebremst.

Angehörige können sich ein Augenzeugen-Video kaum ansehen

Welche Folgen die Tat hatte, macht die Anklageschrift deutlich: Menschen wurden durch die Luft geschleudert, vom Auto überrollt, von umherfliegenden Gegenständen getroffen. Rund eine Dreiviertelstunde verlas Wipplinger die Verletzungen der Opfer: Brüche, offene Wunden, Quetschungen, Traumata, innere Verletzungen, Gedächtnisverlust, Koma, Prellungen. 90 Personen seien körperlich verletzt worden, 28 mussten stationär behandelt werden, zwei wurden lebensgefährlich verletzt. Unter den Opfern waren viele Kinder - einige erst ein paar Jahre alt.

VIDEO-TIPP: So wurde der Rosenmontag in Volkmarsen ein Jahr nach der Attacke begangen

Als das Video eines Augezeugen im Gerichtssaal gezeigt wird, verlassen die Nebenkläger den Saal. auf den Bildern wird deutlich: Der 30-Jährige wollte seine Tat offenbar fortsetzen. Doch mehrere Zeugen hätten ihn daran gehindert, seien zu ihm in das Auto gestiegen und hatten versucht, den Schlüssel abzuziehen und ihn festgehalten.

People sit inside the hall on the fairground of Messe Kassel, converted into a court room, on the opening day of the trial against Maurice P., who crashed his car into a carnival parade injuring several people in Volkmarsen on February 25, 2020, in K
Gericht auf Abstand: Für den Prozess wurde eine Messehalle umgebaut.
© REUTERS, RALPH ORLOWSKI, ror/IVA

Seit seiner Festnahme schweigt der 30-Jährige aus Volkmarsen - vor Gericht wollte er zunächst auch nichts zu seinen Lebensumständen sagen. Warum der Fahrer in die Menge raste, wissen die Ermittler nicht. "Zu dem Motiv haben die Ermittlungen zunächst mal nicht ergeben, dass die Tat einen politischen oder extremistischen Ansatz hatte", sagte Georg Ungefuk, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, unmittelbar vor Prozessbeginn. Das Verfahren sei nun der letzte Versuch, die Motivlage aufzuklären.

Sicher ist die Anklage dagegen: Das Ziel des 30-Jährigen sei gewesen, möglichst viele Menschen zu töten. Er sei schuldfähig, habe zum Tatzeitpunkt nicht unter Drogen gestanden. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft kommt für ihn nach einer Haftstrafe Sicherungsverwahrung in Betracht.

Quelle: DPA

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