Versicherungsboss will Klima-Aktivistin in München treffen

Allianz-Chef Oliver Bäte in Davos: „Ich wünsche Greta ein bisschen Entspannung“

22. Januar 2020 - 22:33 Uhr

Tanit Koch interviewt Allianz-Chef Oliver Bäte

In Klimafragen hat Oliver Bäte, seit fünf Jahren an der Spitze des Versicherungskonzerns Allianz, kein Mitleid mit der Politik. Warum immer alles so lange dauert, fragen nicht nur seine Kinder, sondern auch der 54-Jährige. Demnächst besucht Greta Thunberg ihn in München. Zuvor sprach Tanit Koch, Geschäftsführerin von ntv und Chefredakteurin Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Deutschland, mit Bäte am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos über Tempolimit, Trump und überfällige Steuersenkungen. Das ganze Interview sehen Sie in unserem Video.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist gewissermaßen das Mekka des Kapitalismus. Das jüngst vorgestellte Trust-Barometer der Agentur Edelman besagt nun, dass die Mehrheit der Menschen auf dieser Welt glaubt, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Besorgt Sie das?

Ja, das besorgt mich sehr. Wir haben in Deutschland eine besondere Sicht auf den Kapitalismus. Wir nennen es Soziale Marktwirtschaft und das war viele, viele Jahrzehnte ein sehr erfolgreiches Konzept. Wenn man mal unabhängig von den Gerüchten hinsieht, haben wir zum Beispiel bei der Einkommensverteilung im Wesentlichen Stabilität. Aber auch bei uns wächst das Gefühl, dass es eine Ungleichverteilung gibt. Das kommt in Deutschland - soweit ich richtig informiert bin - vor allem über Vererben, nicht so sehr über Einkommen. Aber die Unzufriedenheit der Menschen, die müssen wir ernst nehmen und etwas daran tun. Meine persönliche Meinung ist: Es liegt vor allen Dingen an Chancen und Chancengleichheit. Wenn ich mich anstrenge und hart arbeite, habe ich eine Chance, sozial aufzusteigen? Immer mehr Menschen glauben, das geht nicht. Und das sollte uns zu denken geben.

Glauben Sie, dass US-Präsident Donald Trump deshalb so populär ist, weil er zumindest so tut, als lägen ihm die einfachen Menschen mehr am Herzen als die Eliten, die sich hier in Davos treffen?

Das weiß ich nicht. Es ist ehrlicherweise zum Teil schwer nachzuvollziehen, was die Attraktivität ausmacht. Es ist sicherlich so, dass Donald Trump einen Nerv trifft bei Menschen, die sagen: Ich habe keinen Zugang zu guter Bildung. Ich habe keinen Zugang zu den Gesundheitssystemen. Ich habe keinen Zugang zu Chancen in Jobs, weil ich die Bildung vorher nicht genießen konnte. Ich kann eben nicht bei den Tech-Unternehmen arbeiten. Die Leute sind sauer, weil sie sich vergessen fühlen. Auch vom Establishment. Das müssen wir sehr, sehr ernst nehmen.

Gibt es etwas, was wir von Trump lernen können?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Sicherlich zuhören. Was wir nicht lernen sollen, ist eine Polarisierung der Gesellschaft. Wir wissen alle, dass wir Probleme nur gelöst bekommen, wenn wir zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Denn egal, ob das mit Worten passiert oder mit Taten: Feindbilder aufzustellen führt immer nur dazu, dass alle verlieren - und das wissen wir eigentlich.

Nun profitiert Ihr Unternehmen, die Allianz, ja durchaus von Donald Trumps Steuersenkungen in den USA. In Deutschland hat die Diskussion über eine Steuerreform mittlerweile sogar die Linkspartei erreicht. Jedes Jahr gibt es Rekordsteuereinnahmen. Ist es Zeit, dass der Staat dem Bürger etwas mehr in der Tasche lässt?

Ja, unbedingt. Es ist kaum zu verstehen: Wir haben pro Kopf und in Summe die höchsten Steuereinnahmen aller Zeiten. Wir haben durch die sehr, sehr niedrigen, künstlich niedrigen Zinsen noch viel mehr Spielraum als wir hätten, wenn wir die Zinsen fair bepreisen würden. Es ist also überhaupt nicht zu verstehen, dass insbesondere die arbeitende Bevölkerung mit den geringeren Einkommen nicht entlastet wird. Und es ist auch sehr lustig, dass insbesondere eine Partei Leute ab 50.000 Euro Einkommen als "reich" bezeichnet. Das ist schon fast grotesk. Es ist dringend notwendig, etwas zu tun. Vor allen Dingen für die Haushalte.

Auf dem Weltwirtschaftsgipfel dominiert in diesem Jahr das Thema Klima. Sie waren mit Greta Thunberg auf einer Veranstaltung - Titel: Klima-Apokalypse verhindern -, danach haben Sie sich kurz auf der Bühne unterhalten. Verraten Sie uns, was sie Ihnen gesagt hat?

Es war eine sehr persönliche Bemerkung. Die möchte ich ungern wiederholen. Aber wir haben uns verabredet, in München. Die Veranstaltung war sehr, sehr spannend. Es waren im Wesentlichen NGOs da, ich war der einzige Wirtschaftsvertreter auf der Bühne. Der Dialog ist wichtig. Ich kann verstehen, dass Greta und ihre Generation wirklich sauer sind, dass so wenig und so langsam etwas passiert - ich habe selber zwei Kinder.

Machen Ihre Kinder Ihnen in Sachen Umweltschutz zuhause Dampf?

Ja, und wie.

Wie sieht das aus?

Sie stellen einfach Fragen und zwar aggressive. Warum alles immer so lange dauert. Und sie haben recht.

Haben Sie Ihr persönliches Verhalten in den letzten eineinhalb Jahren verändert? Weniger Plastik? Weniger Privatjet? Weniger...?

Privatjet machen wir sowieso nicht so viel, außer es ist dringend notwendig. Das Verhalten verändert sich schon. Was mich im Moment besonders stört, sind die unglaublichen Mengen an Müll, die unsere Gesellschaft produziert. Wir haben einen Hund, ich bin regelmäßig im Wald unterwegs und sehe das. Deutschland war führend mit dem grünen Punkt und mit der Mülltrennung - das hat aber nicht dazu geführt, dass wir mal das Thema Plastik adressieren. Es ist überfällig, es ist wirklich überfällig.

Wenn man Greta glaubt, anders als dem hier vor Optimismus strotzenden Donald Trump, dann hat sich seit 2018 gar nichts getan. In Davos, wo viel übers Klima gesprochen wird, schiebt sich ab dem späten Nachmittag ein Bandwurm an Limousinen noch nicht mal im Schritttempo durch die Stadt. Ähnlich wie in Deutschland, wo trotz Klima-Diskussion die Zahl der verkauften SUVs Jahr um Jahr steigt. Ist das einfach eine sehr bigotte Diskussion, hat Greta recht mit ihrem Pessimismus?

Nehmen wir mal das Thema Tempolimit, das ja immer wieder in Deutschland kommt - da kann ich mich nur totlachen. Wenn ich die entsprechenden Verfechter frage, ob dann Elektroautos demnächst komplett ohne Tempolimit fahren dürfen, dann sagen sie: "Nee, das wollen wir auch nicht. Wir wollen, dass alle gleich schnell fahren." Wir haben tatsächlich eine verrückte Diskussion. Ich verstehe auch nicht, warum in Davos nicht nur Hybridautos und Elektroautos fahren dürfen. Das ist das erste Zeichen, das man setzen könnte.

Meine zweite Beobachtung betrifft noch einmal Greta. Vor fünf Jahren war ich bei der UN-Klimakonferenz Cop21 in Paris, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die Wirtschaft eigentlich schneller reagiert als die öffentliche Hand und die Politik. Ich glaube, bei Greta und ihrer Generation herrscht auch das Gefühl: Die Wirtschaft macht nicht genug, aber sie macht, und eigentlich sind die Regierungen diejenigen, die sagen müssen, was sie jetzt ganz konkret unternehmen. Ich habe da relativ wenig Mitleid. Wir müssen konkrete Pläne haben, nicht nur Zeitpunkte, wann wir was machen. Wie werden jetzt Energietrassen gebaut? Wie wird das Ganze finanziert? Wer setzt denn um? Und das darf bitte nicht so enden wie mit dem Berliner Flughafen.

Wenn Greta Thunberg Sie demnächst in München besucht, bieten Sie ihr dann auch einen Aufsichtsratsmandat an - wie Siemens-Chef Joe Kaeser es bei Luisa Neubauer getan hat?

Nee, ich glaube nicht. Ich würde mir für Greta Thunberg wünschen, dass sie ein bisschen mehr Ruhe bekommt. Dass sie das tut, was junge Leute in ihrem Alter tun und sie sich ein bisschen entspannen kann. Es ist schon irre, welche Belastung diese junge Dame auszuhalten hat.