Deutsche Politiker weisen sich Afghanistan-Schuld zu

Julia Klöckner: "Außenminister hat die Lage wirklich falsch eingeschätzt!"

16. August 2021 - 12:13 Uhr

Stellvertretende CDU-Vorsitzende Klöckner: Es werde „darauf ankommen, jetzt unsere Leute rauszuholen“

Die Situation in Afghanistan spitzt sich zu. Immer mehr Menschen versuchen aus dem Land zu kommen. Mittlerweile machen sich nun auch deutsche Politiker Vorwürfe, zu spät gehandelt zu haben. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner hat Außenminister Heiko Maas (SPD) wegen der aktuellen Entwicklung in Afghanistan kritisiert. "Der Außenminister hat die Lage wirklich falsch auch eingeschätzt", sagte Klöckner beim Eintreffen zu Beratungen der CDU-Spitzengremien in Berlin. Deshalb müsse nun sehr schnell gehandelt werden.

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Klöckner zur Taliban-Übernahme: Keine Schule, kein Studienabschluss gerade für Frauen und Mädchen

Afghanistan-Desaster: Deutsche Politiker weisen sich Schuld zu.
Klöckner: "Der Außenminister hat die Lage wirklich falsch eingeschätzt."
© dpa, Fabian Sommer, som bsc

"Es wird auf die nächsten Stunden ankommen", sagte Klöckner und ergänzte, es werde "darauf ankommen, jetzt unsere Leute rauszuholen", und auch jene, die Deutschland vor Ort unterstützt hätten. Sie erwarte, dass sich Maas mit den EU-Außenministern noch heute abstimme, sagte Klöckner. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) habe gehandelt und sei mit der Bundeswehr in Afghanistan, um vor Ort zu helfen. Sie sei auch enttäuscht über das Vorgehen etwa der USA oder Kanadas in Afghanistan, kritisierte Klöckner. Auch deswegen müsse man sich dringend europäisch abstimmen. Die militant-islamistischen Taliban hatten im Eiltempo die Kontrolle in Afghanistan erlangt, nachdem internationale Truppen abgezogen waren.

Flüchtlingsbewegungen wie im Jahr 2015 dürften sich nicht wiederholen, warnte Klöckner. Deshalb sei die Absprache in der Staatengemeinschaft so wichtig. 2015 und danach hatte eine große Flüchtlingsbewegung nach Deutschland zu einer schweren innenpolitischen Krise geführt. Alle wüssten, was es vor allem für Frauen und Mädchen bedeute, dass die militant-islamistischen Taliban das Land ohne großen Widerstand der dortigen Regierungstruppen "ins Mittelalter zurückbomben. Das heißt Vergewaltigung, das heißt Erniedrigung, das heißt am Ende: Keine Schule, kein Studienabschluss gerade für Frauen und Mädchen", sagte Klöckner.

„Wir dürfen diese Menschen, die in Todesgefahr sind, jetzt nicht alleine lassen!“

Der baden-württembergische Innenminister und stellvertretende CDU-Bundeschef Thomas Strobl sagte, jene Frauen und Männer, die die deutschen Soldaten in den vergangenen Jahren unterstützt hätten, müssten aus Afghanistan geholt werden. "Da zählt wirklich jede Stunde. Wir dürfen diese Menschen, die in Todesgefahr sind, jetzt nicht alleine lassen." Davon zu trennen sei, dass in Deutschland nicht alle Probleme gelöst werden könnten, die in Afghanistan nun entstünden, sagte Strobl. Deswegen müssten jetzt sehr rasch jene Nachbarländer Afghanistans wie Pakistan oder Iran europäisch und international unterstützt werden, in die viele Afghanen vor dem Terror der Taliban flüchten würden. Notwendig sei, dass die Geflüchteten in diesen Ländern eine Perspektive sehen könnten. "2015 darf sich nicht wiederholen. Wir haben unsere Lektion gelernt", sagte auch Strobl.

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