Parwana hatte sich vehement gegen den Verkauf gewehrt

Vater hatte Tochter verkauft, weil Familie hungerte: 9-jähriges Mädchen aus Zwangsehe mit 55-jährigem Mann gerettet

06. Dezember 2021 - 9:13 Uhr

Vater verkaufte seine Tochter, um seine Familie zu ernähren

Zwangsehen sind in Afghanistan illegal. Trotzdem werden gerade in den ländlichen Gebieten des armen Landes immer wieder sehr junge Mädchen an überwiegend deutlich ältere Männer verkauft. Dieses Schicksal ereilte auch die erst 9-jährige Parwana. Weil ihre Familie kein Geld mehr hatte, um sich Essen zu kaufen, griff ihr Vater zum Äußersten: Er verkaufte sein kleines Mädchen an einen 55-jährigen Mann, der sie heiratete. Nach einem amerikanischen TV-Bericht über den Verkauf des Kindes und die Zwangsehe, war die internationale Aufmerksamkeit und der Aufschrei so groß, dass sich eine Hilfsorganisation einmischte. Das kleine Mädchen konnte befreit werden. "Sie haben mir ein neues Leben geschenkt", sagt Parwana heute.

Mädchen werden zum Preis für Lebensmittel verkauft

Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Situation hat sich seit Mitte August, als die Taliban Kontrolle über das Land übernommen haben, deutlich verschlechtert - die wirtschaftlichen Lebensadern des Landes sind zerstört. Banken geht das Bargeld aus, Löhne werden seit Monaten nicht bezahlt, Familien leben in bitterer Armut. Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt warnen, dass den Ärmsten des armen Landes eine schwere Hungersnot droht, zumal es jetzt im Winter in weiten Teilen des Landes bitter kalt wird.

Wie CNN berichtete, werden mehr als die Hälfte der rund 39 Millionen Einwohner mit akutem Hunger konfrontiert sein. Dadurch werden mehr als drei Millionen Kinder unterernährt sein. Um ihre Familien vor diesem Schicksal zu bewahren, zahlen junge Mädchen oft einen zu hohen Preis. "Afghanische Mädchen werden zum Preis für Lebensmittel verkauft", sagte die führende afghanische Frauenrechtsaktivistin Mahbouba Seraj gegenüber CNN. "Weil ihre Familie sonst verhungern wird."

Hier wird Parwana verheiratet.
Der Moment der Hochzeit zwischen Parwana und dem 55-jährigen Käufer.
© CNN

Parwana brachte der Familie 1900 Euro

Genau so erging es auch Parwana und ihrer Familie. Das Geld wurde knapp. Der Vater hat keinen anderen Ausweg gesehen, als seine kleine Tochter zu verkaufen - für rund 2.200 Dollar (knapp 1900 Euro)! Der Verkauf sei gegen ihren Willen abgelaufen, erklärte Parwanas Mutter gegenüber CNN. "Natürlich war ich wütend, ich habe mit ihm gekämpft und geweint", sagte Reza Gul. "Er sagte, dass er keine andere Wahl habe." Auch das Mädchen selbst habe sich damals vehement gegen den Verkauf gewehrt. Parwanas Vater Abdul Malik berichtete, sie habe Tag und Nacht geweint und ihn angefleht, sie nicht zu verkaufen, da sie stattdessen zur Schule gehen und studieren wolle.

Doch für den Vater gab es kein Zurück mehr. Am 24. Oktober wurde Parwana an einen 55-jährigen weißhaarigen Mann verkauft. Die Familie erhielt im Gegenzug Bargeld, Schafe und Land. "Mein Vater hat mich verkauft, weil wir kein Brot, keinen Reis und kein Mehl mehr haben", sagte Parwana damals gegenüber CNN. "Er hat mich an einen alten Mann verkauft." Der Käufer, Qorban, sagte CNN, es sei seine "zweite Ehe", und er bestand darauf, dass Parwana freundlich behandelt werden würde.

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Parwana soll geschlagen worden sein

Doch es kam anders. Parwanas Mutter sagte, ihre Tochter habe darum gebettelt, zu ihrer Familie zurückkehren zu dürfen. "Sie sagte, dass sie geschlagen wurde und nicht dort bleiben wollte", so Reza Gul. "Sie behandelten mich schlecht, sie beschimpften mich, sie weckten mich früh auf und ließen mich arbeiten", fügte Parwana hinzu.

Nach dem CNN-Bericht über den Verkauf der kleinen Parwana war die Empörung groß. Auch im Umfeld des Käufers. Wie seine Familie bestätigte, versteckte sich Qorban und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Etwa zwei Wochen nach dem Verkauf wurde Parwana an ihre Familie zurückgegeben, aber ihr Vater schuldet dem Käufer noch die rund 1900 Euro. Er hatte den Erlös zur Begleichung anderer Schulden verwendet.

Happy End für Parwana

Die Hilfsorganisation "Too young to wed" hat sich Parwana und ihrer Familie angenommen. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern wurde sie in ein kleines Haus gebracht, in dem sie jetzt erst einmal in Sicherheit sind und den Winter verbringen können. Es ist Parwanas erste Erfahrung in einem richtigen Zuhause. In den vergangenen vier Jahren lebte die Familie in einem Zelt in einem Lager für Binnenvertriebene in Qala-e-Naw in der Provinz Badghis. "Ich fühle mich so glücklich in diesem Haus", sagte Parwana gegenüber CNN. "Sie haben mir ein neues Leben geschenkt." "Ich fühle mich hier glücklich und sicher", sagte auch Reza Gul. "Meine Kinder essen gut, seit wir hier sind, sie spielen, und wir sind glücklich."

Afghanistan: Schlechteste Situation für Frauen weltweit

Obwohl Eheschließungen unter 15 Jahren landesweit illegal sind, werden sie vor allem in den ländlicheren Teilen Afghanistans seit Jahren häufig praktiziert. Und seit August hat sich die Situation weiter verschlechtert, da die Familien immer verzweifelter werden.
Frauen werden in Afghanistan seit langem als Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt. Im Women, Peace and Security Index 2021 wurde das Land als das Land mit der schlechtesten Situation für Frauen in der Welt eingestuft. Und seit der Machtübernahme durch die Taliban wurden viele der grundlegenden Rechte, für die die Frauen in den letzten zwei Jahrzehnten gekämpft hatten, wieder abgeschafft. Der Schulbesuch von Mädchen wurde eingeschränkt, Frauen sind von bestimmten Arbeitsplätzen ausgeschlossen. Parwana konnte jetzt zwar gerettet werden. Doch wenn sich die grundlegende Lage in dem Land nicht verbessert, wird es viele weitere solcher Schicksale geben. (lgr)