Champions League„Killer“ Tresoldi und die Zukunftsfrage - „Mal sehen“

Ausgerechnet in Italien, der Heimat seines Vaters, feiert der deutsche U21-Nationalstürmer Nicolò Tresoldi seinen bislang größten Fußball-Abend. Für welches Land wird er zukünftig auf Torejagd gehen?
Die Abwehr von Inter Mailand hatte er bei seiner Tor-Gala in San Siro schwindelig gespielt, aber die drängende Frage nach seiner Zukunft konnte Nicolò Tresoldi nicht umdribbeln. Squadra Azzurra oder deutsche Fußball-Nationalmannschaft? Wie wird sich der in Cagliari geborene und in Hannover groß gewordene Jungstar entscheiden?
„Ich habe mit den Leuten gesprochen, mit denen ich sprechen musste: Klopp, Mancini, dem deutschen und dem italienischen Verband. Ich habe ihnen meinen Standpunkt dargelegt, und sie wissen Bescheid. Mal sehen“, sagte Tresoldi bei Sky Italia, nachdem der Milan-Fan beim 4:3-Coup des belgischen Meisters Club Brügge mit drei Treffern den italienischen Top-Club quasi im Alleingang zerlegt hatte.
„Tresoldi, was für eine Nacht. Er ist ein Killer - genau deshalb will ihn Italien. Als Milan-Fan spielt er im San Siro wie von einem anderen Stern“, schwärmte die „Gazzetta dello Sport“ und hofft, dass der Youngster bald das blaue Trikot Italiens trägt: „Er muss sich nur noch entscheiden, für welches Land er künftig auflaufen will: Momentan steht es 50:50. Auf der einen Seite Italien, die Heimat des Vaters, auf der anderen Seite Deutschland, das ihn nie im Stich gelassen hat. Nach einer solchen Nacht besteht die Hoffnung, dass sich der Wind uns zuwendet.“
Klopp und Mancini haben angefragt
Sowohl Bundestrainer Jürgen Klopp als auch Italiens Nationalcoach Roberto Mancini haben bei Tresoldi bereits angefragt. Der Youngster will aber seine Zeit mit der deutschen U21 zu Ende bringen und die EM im kommenden Sommer in Albanien und Serbien spielen, ehe er eine endgültige Entscheidung trifft. „Im Moment genieße ich die Zeit hier und bei der deutschen U21, mit der ich die Europameisterschaft gewinnen will. Ich will sie gewinnen, genau wie mein Vater“, sagte der 22-Jährige.
Vater Emanuele Tresoldi wurde 1994 mit Italien U21-Europameister, spielte einst für Atalanta Bergamo in die Serie A. 2017 zog die Familie wegen des Jobs der Mutter nach Hannover, bei 96 reifte der Youngster zum Fußballprofi und empfahl sich für die deutsche Jugendauswahl. In der U21 jagt er sogar den Torrekord von Pierre Littbarski, der es auf 18 Treffer brachte. Nur noch zwei Tore fehlen Tresoldi.
Neu-Bundestrainer Klopp hätte Tresoldi am liebsten schon für die Nations-League-Spiele nominiert, doch der Deutsch-Italiener will sich Zeit lassen. Entsprechend übt Klopp erst gar keinen Druck aus. „Für einen jungen Kerl ist das wahnsinnig schwierig. Es geht null Komma null darum, dass er morgens aufsteht und die eine oder die andere Nationalhymne singen will. Sondern es geht um ganz viele Dinge“, sagte Klopp kürzlich. „Wenn man da die Möglichkeit hat, sich da ein bisschen mehr Zeit zu nehmen, macht es absolut Sinn, dass man das macht.“
Tresoldi trifft und trifft
Einen Stürmer seiner Güte könnte das DFB-Team gut gebrauchen - wie auch das ebenfalls kriselnde Italien. In der vergangenen Saison wurde er Torschützenkönig in Belgien und auch in dieser Spielzeit hat er schon wieder jeweils viermal in der Liga und auch in der Königsklasse getroffen. Wenn er in der Champions League trifft, dann immer gegen hochkarätige Gegner: FC Barcelona, Atlético Madrid, AS Monaco, Inter Mailand.
Aber der Abend in San Siro war ein ganz spezieller. Eltern und Freunde saßen auf der Tribüne. „Für mich als Milan-Fan war es ein kleines Derby. Es war eine verrückte und unbeschreibliche Nacht. Von einem solchen Abend habe ich geträumt. Vor dem Spiel habe ich viele Nachrichten von Milan-Fans erhalten“, sagte Tresoldi.
Ein kleines Stück deutsche Geschichte
Aus deutscher Sicht schrieb Tresoldi sogar ein wenig Champions-League-Geschichte. Mit 22 Jahren und 54 Tagen war er der jüngste deutsche Dreierpacker in der Champions League. Damit löste er Karim Adeyemi (22 Jahre, 257 Tage) ab. Routiniert nahm er die Trophäe als Man of the Match entgegen.
Nur einmal wurde Tresoldi dann doch verlegen. „(Fabio) Capello und (Zvonimir) Boban im Studio? Ich bin jetzt fast nervöser als auf dem Platz“, sagte Tresoldi, als er von den früheren Milan-Größen erfuhr, die seinen magischen Auftritt verfolgten.



