Schimmel, Wasserschäden, WanzenEkel-Unterkunft für Wucher-Miete! Werden DPD-Fahrer mit falschen Versprechen aus dem Ausland gelockt?
Es ist die Hoffnung auf ein neues Leben.
Ein gut bezahlter Job, eine solide Wohnung, ein Auto für den Arbeitsweg. Was Helena und Yannis aus Griechenland in einer Facebook-Anzeige von einem Subunternehmer von DPD versprochen wird, klingt nach einem Rundum-sorglos-Paket. Doch mit der Realität in Deutschland hat das wenig zu tun.
Neuer Job als DPD-Fahrer endet vor Gericht
Das Angebot, das Yannis bei Facebook entdeckt, klingt verlockend: Ein Arbeitsvertrag über 40 Stunden pro Woche, eine vom Arbeitgeber gestellte Unterkunft und ein Stundenlohn von 13 Euro. Im Vergleich zu den rund vier Euro, die üblicherweise in Griechenland gezahlt werden, ein scheinbar guter Deal.
Yannis zieht also mit seiner Freundin Helena nach Deutschland, beide fangen bei einem DPD-Subunternehmer in Erftstadt bei Köln an. Schnell stellt sich heraus: Feierabend ist hier erst, wenn man alle Pakete ausgeliefert hat. Der Lohn sei laut dem Paar allerdings immer der gleiche gewesen. Helena und Yannis arbeiten teilweise zwischen elf und 15 Stunden, wie sie dem Team Wallraff berichten. Obwohl im Arbeitsvertrag eine Bezahlung pro Stunde vereinbart ist, bekommen sie für geleistete Überstunden nicht mehr Geld.
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„Der Chef sagte: Leute, das ist der Job. Wenn ihr arbeitet, könnt ihr bleiben. Wenn ihr nicht arbeitet, geben wir uns die Hand und ihr könnt gehen”, berichtet Yannis. Ihm zufolge habe er zwar Lohnabrechnungen, aber teils kein Gehalt bekommen. Im Juni 2025 zum Beispiel wegen angeblich beschädigter oder verlorener Pakete. Im August habe er ohne nähere Begründung nur 780 Euro statt vereinbarten 2.000 Euro brutto erhalten. Das will Yannis nicht auf sich sitzen lassen, er zieht vor Gericht – und fordert am Ende mehr als 12.000 Euro von seinem Chef.

„Das ist wie im Gefängnis. Du kannst nichts machen”
Doch nicht nur Geld und Arbeitszeiten sind anders als erwartet. Auch die Unterkunft, die der Subunternehmer Yannis und Helena stellt, ist miserabel – und zudem offenbar eine völlig andere, als dem Paar vorab gezeigt wurde. „Bevor wir hergekommen sind nach Deutschland, hat er uns Bilder vom Haus geschickt”, erzählt Yannis. Ordentlich und sauber sahen Haus und Innenräume aus. Was sie bei der Ankunft erwartet, ist aber eine komplett andere Unterkunft: „Als wir hier angekommen sind, sah das ganz anders aus. Ich sagte, das ist doch nicht das Haus, was du uns angeboten hast. Er meinte, wir haben die Unterkunft geändert und ich hatte keine Zeit, es dir zu sagen. Das wars. Das sei doch ein gutes Haus.”
Den Zustand des angeblich „guten Hauses” hat Yannis dokumentiert: Wasser, das wegen eines undichten Dachs auf das Bett tropft, Spinnen, Ungeziefer und drei weitere Mitbewohner. Und das für 350 Euro pro Person. Den Schilderungen von Yannis und Helena zufolge hätte der Subunternehmer für ein heruntergekommenes Haus mit fünf Bewohnern insgesamt rund 1.750 Euro berechnet. Das Paar fühlt sich getäuscht. Aber sie haben ein Problem: Ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung. „Das ist wie im Gefängnis. Du kannst nichts machen. Keiner wird dir irgendwas vermieten”, sagt Yannis.
„Das ist das sauberste und normalste Zimmer”
Eine schäbige Unterkunft für viel zu viel Geld? Das scheint offenbar kein Einzelfall bei Subunternehmern von DPD zu sein. Anscheinend wird vor allem in osteuropäischen Ländern mit einer Kombination von Arbeit und Unterkunft geworben. Oft stark heruntergekommene Mehrbett-Behausungen, wie das Team Wallraff von zugesendeten Fotos und Videos erfährt. „Team Wallraff”-Reporter Vladyslav kommt selbst gebürtig aus der Ukraine und möchte herausfinden, was einen erwartet, wenn man sich auf solche Angebote einlässt. Er bewirbt sich als Fahrer Vlad bei einem Subunternehmer in Neufahrn bei München.
Vlad bekommt ein Bett in einem Mehrbettzimmer für 380 Euro angeboten. Mit ihm im Zimmer sind noch zwei weitere Bewohner, in der ganzen Wohnung insgesamt zehn bis 16, die vermutlich jeweils rund 400 Euro Miete zahlen. Das wären im äußersten Fall rund 6.000 Euro Miete für die gesamte Wohnung. Was preislich fast an Luxus erinnert, ist aber alles andere als das. Undercover-Reporter Vlad erwarten dreckige Bettdecken und Matratzen, ein nicht abschließbares Klo, Schimmel in der Dusche, mit Klebeband befestigte Laken, die Vorhänge ersetzen, und laut einem Mitbewohner sogar Wanzen.
Laut Chef Roman* hat Vlad mit seinem Schlafplatz sogar Glück: „Das ist das sauberste und normalste Zimmer”, sagt er. Und stellt sogar Bettwäsche bereit. Angesichts der dreckigen Bettdecken und für einen Gesamtpreis von 1.200 Euro für ein Dreibettzimmer von 16 Quadratmetern ein eher schwacher Trost. Für „Team Wallraff”-Reporter Vlad scheint jede Jugendherberge Luxus gegen die Unterkunft der DPD-Fahrer zu sein.
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Paar aus Griechenland gewinnt vor Gericht
Für Yannis und Helena geht es am Ende gut aus. Drei Monate ertragen sie die schlimmen Wohnverhältnisse. Dann finden sie Hilfe bei der griechisch-deutschen Community. Die Chance auf eine neue Unterkunft ist für die beiden ein Signal, sich auch im Job nicht alles bieten zu lassen. Sie wollen sich gegen den Chef wehren. Sie ziehen gegen den Subunternehmer von Gericht. Mit Erfolg: Yannis bekommt knapp 12.000 Euro Gehaltsnachzahlungen zurück, Helena rund 7.400 Euro.
Vorgehen konnten sie hier allerdings nur gegen den Subunternehmer, nicht etwa gegen DPD. Zwar gibt es ein Gesetz, das eigentlich dafür sorgen sollte, dass in bestimmten Bereichen die großen Paketdienste für das Handeln ihrer Subunternehmer in die Pflicht zu nehmen sind. Das nennt sich „Nachunternehmerhaftung”. In der Praxis funktioniert das allerdings nur begrenzt. Durch das Gesetz wird vor allem sichergestellt, dass Sozialabgaben korrekt abgeführt werden. Ob Arbeitszeiten eingehalten oder Fahrer korrekt bezahlt werden – dafür tragen Auftraggeber wie DPD immer noch nicht die Verantwortung.
Das kritisiert auch Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell: „Wenn ich das nicht kontrollieren kann, dann ist das ein Papiergesetz. Es erreicht die einzelnen Fahrer nicht, weil die Auftraggeber sagen können ‘Ja, wir haben doch in den Verträgen stehen, bitte halte dich an die gesetzlichen Vorgaben’. Und insofern unterm Strich viel Nebel und viele Worte, aber kein handfestes Ergebnis.”
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Was sagt die Politik?
Was also tun? Wie kann die Ausbeutung der Fahrer gestoppt werden? Günter Wallraff spricht dazu mit dem nordrhein-westfälischen Arbeitsminister Karl-Josef Laumann. „Das Gesetz muss nachgeschärft werden und die Nachschärfung heißt für mich digitale Zeiterfassung. Wenn Sie eine digitale Zeiterfassung haben, dann ist das Schummeln mit Arbeitszeiten vorbei. Also, wenn wir jetzt ein Paket bestellen, Sie oder ich, dann kriegen wir von den Paketdiensten manchmal mitgeteilt, digital, wann unser Paket kommt und wo es gerade ist. Die gleichen Leute, die das machen, sagen aber, eine digitale Zeiterfassung ist uns nicht zuzumuten. Und da gibt es leider Leute im Deutschen Bundestag, die glauben ihnen das auch noch.”
Laumann fordert, dass Fahrer direkt bei Firmen wie DPD angestellt werden müssten. Nicht bei Subunternehmen. Bisher scheint dies aber nicht ganz oben auf der Prioritätenliste zu stehen.
In einer Stellungnahme erklärt DPD, man verstehe zwar die kritische Diskussion um die Beschäftigung von Subunternehmern, doch sei das Markstandard und nötig, um Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Und weiter: „Wir haben verbindliche (...) Standards festgelegt, die (...) ausdrücklich auch für Geschäftspartner und Subunternehmer gelten.” Sämtliche vertraglichen Partnerunternehmen von DPD müssten sich zur Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben verpflichten.
Video-Playlist zu Team Wallraff
02:02Team Wallraff undercover bei DPD
26:19DPD-Fahrer leisten mehr als „körperliche Schwerstarbeit“
24:11Werden DPD-Fahrer mit falschen Versprechen gelockt?
09:4044 Prozent Schadensquote - wegen Paket-Weitwurf?
07:21Was "Team Wallraff"-Reporter am Paketband aufdecken
- 09:27
DPD-Informantin schildert furchtbaren Arbeitsunfall
01:38Team Wallraff konfrontiert DPD mit Undercover-Recherchen



