„Es ist gefährlich und es interessiert niemanden“Beeinträchtigte Bremsen, riskante Klettermanöver, abbruchreife Hallen – massive Sicherheitsmängel in DPD-Depots?
Pakete um jeden Preis?
Arbeiter, die anscheinend aus Zeitnot teils über laufende Transportbänder klettern, Depots in teils desolatem Zustand, ein Auto, mit dem Paketboten trotz kaputt klingender Bremsen auf ihre Tour geschickt werden: Bestehen an manchen DPD-Standorten massive Sicherheitsprobleme, die Gefahren für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bergen? Eine Informantin gewährt erschreckende Einblicke in interne Dokumente.
Versperrte Fluchtwege und riskante Klettermanöver
„Team Wallraff“-Reporter Vladyslav bewirbt sich als Paketbote Vlad in einem DPD-Depot in Neufahrn bei München, das von einem Subunternehmen betrieben wird. Bei der Registrierung im Dezember 2025 soll er unterschreiben, eine Sicherheitseinweisung für das Firmengelände erhalten zu haben. Doch dabei fühlt er sich unter Druck gesetzt und kommt nicht dazu, das Formular wirklich durchzulesen. Er unterschreibt eher im Vorbeigehen.
Auf Anfrage schreibt DPD: „Die Pflicht zur Durchführung von Sicherheitsunterweisungen durch unsere Systempartner oder die Prüfung von Ausweisdokumenten und Führerscheinen ist vertraglich fixiert und wird durch die jeweiligen Depots kontrolliert und nachgehalten.“
Es sind wenige Wochen bis Weihnachten – also Hochsaison bei den Paketdiensten. Auf Vlad macht das Depot einen völlig chaotischen Eindruck. Überall stapeln sich Pakete, teils mitten auf den Laufwegen. Im Notfall wären so Fluchtwege versperrt.
In den Transportbändern, über die die Pakete laufen, gibt es zwar an einigen Stellen Durchgänge. Trotzdem kann Vlad hier sehr oft beobachten, wie seine Kollegen einfach über das laufende Band klettern – und so schwere Unfälle riskieren. Auch ihm wird das von seinem Chef empfohlen. Liegt dieses Verhalten am Zeitdruck?

Stundenlange Fahrt mit beeinträchtigten Bremsen
Auch in Essen geht Vlad bei einem Subunternehmer von DPD undercover. Wie er feststellt, sind seine Daten hier wohl noch nicht registriert, doch es verlangt auch niemand, seinen Ausweis oder Führerschein zu sehen. Stattdessen wird er direkt mit dem Kollegen Bogdan* auf Auslieferungstour geschickt – und zwar mit einem Auto, dessen Bremsen offenbar nicht richtig funktionieren, mitten im Winter. So versteht Vlad seinen Vorarbeiter Hassan*: Die beiden sollen das Auto erst in die Werkstatt bringen, wenn sie ihre Tour absolviert haben.
Arbeitsrechtsexperte Dr. Sven Jürgens erklärt, wie schwierig so eine Situation für die Mitarbeiter werden kann: Eigentlich sei der Fahrer dafür verantwortlich, dass das Fahrzeug verkehrssicher ist. Wenn der Arbeitgeber trotz eines Defekts fordere, dass der Mitarbeiter damit losfahre, könne dieser ein Zurückbehaltungsrecht geltend machen, das heißt: Er „kann sagen: Ich setze mich nicht in ein unsicheres Fahrzeug mit nicht funktionierenden Bremsen. Das ist aber dann wiederum so: Wenn es da zum Streit kommt, dann kann einem das auf die Füße fallen, weil als Arbeitnehmer müsste ich dann nachweisen können, dass da tatsächlich was nicht verkehrssicher war, das kann schwierig werden“, so der Fachanwalt.
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„Skalpiert“: Informantin schildert schrecklichen Arbeitsunfall
Wie unsicher kann die Arbeit in einem DPD-Depot werden? Eine Mitarbeiterin, die unerkannt bleiben will, erzählt dem Team Wallraff von einem schrecklichen Unfall, der 2018 passiert sein soll: Eine junge Mitarbeiterin soll ein Paket vom Boden unter dem laufenden Paketband aufgehoben haben und dabei in die Kettenkupplung gekommen sein. „Die junge Dame hatte lange Haare, danach hatte sie gar keine mehr. Inklusive Kopfhaut. Die wurde wirklich skalpiert, drei Viertel der Kopfhaut waren weg. Die war monatelang im Krankenhaus in Reha“, so die schlimme Schilderung der Informantin.
Ein furchtbarer Einzelfall, der hätte verhindert werden können – oder besteht in mehreren Depots ein Unfallrisiko? Brisante interne Dokumente, die die DPD-Mitarbeiterin dem Team Wallraff zuspielt, legen genau das nahe. Sie zeigen eine Karte mit 89 DPD-Standorten im Jahr 2024, die laut Schilderungen der Informantin der Führungsebene bekannt sein soll. Die meisten der Regionen sind darauf rot eingefärbt – und laut der Informantin somit als „katastrophal” und „potenziell gefährlich“ bewertet worden. Einige Bereiche auf der Karte sind lila. Nach ihren Angaben bedeute diese Bewertung: Diese Anlagen seien „definitiv abzureißen“.
Fotos aus der internen Dokumentation zeigen etwa das DPD-Depot in Duisburg. Darauf zu sehen: tiefe Risse im Hallenboden, der wirkt, als würde er regelrecht aufbrechen. „In Duisburg sackt die gesamte Halle ab“, so die Aussage der Informantin. Die Wände der Halle seien ihrer Bewertung nach „mehr eine Ziehharmonika als eine normale Wellblechverkleidung. Da sieht man ganz genau, wie sehr die Halle arbeitet. Die Anlage selber verwindet sich in alle Richtungen. Es geht auf die Tragfähigkeit der Anlage und dadurch ist wieder die Gefahr für die Mitarbeiter.“
Rund 16.000 Mängel wurden laut der internen Unterlagen vor zwei Jahren insgesamt in den Depots erfasst. In einem allgemein gehaltenen Statement zur Recherche von Team Wallraff teilt DPD mit, man messe der Arbeitssicherheit einen hohen Stellenwert bei und achte auf die Einhaltung geltender Vorschriften:
„Unsere Anlagen werden regelmäßig kontrolliert, u. a. im Rahmen von UVV-Sicherheitsüberprüfungen, regelmäßigen Arbeitsschutz-Terminen und -begehungen, sowie Prüfungen der Berufsgenossenschaft oder der staatlichen Aufsichtsbehörden.“
Video-Playlist zu Team Wallraff
02:02Team Wallraff undercover bei DPD
26:19DPD-Fahrer leisten mehr als „körperliche Schwerstarbeit“
24:11Werden DPD-Fahrer mit falschen Versprechen gelockt?
09:4044 Prozent Schadensquote - wegen Paket-Weitwurf?
07:21Was "Team Wallraff"-Reporter am Paketband aufdecken
- 09:27
DPD-Informantin schildert furchtbaren Arbeitsunfall
01:38Team Wallraff konfrontiert DPD mit Undercover-Recherchen
„Team Wallraff – Reporter undercover“ auf RTL+
*Name von der Redaktion geändert



