Undercover in der PaketbrancheArbeitsdruck, Ausbeutung, unbezahlte Stunden? DPD-Fahrer leisten mehr als „körperliche Schwerstarbeit“
Treppen rauf, Treppen runter, und das mehr als hundertmal pro Tag.
Dass Paketfahrer einen Knochenjob ausüben, ist keine Überraschung. Online-Bestellungen boomen, Mitarbeiter für Paketdienste werden reihenweise gesucht, teils mit vermeintlich guten Angeboten aus dem Ausland nach Deutschland gelockt. Was die Paketzusteller hier teilweise erwartet, erinnert aber eher an Ausbeutung als an faire Arbeitsbedingungen, wie „Team Wallraff”-Reporter Alex Römer bei seinem Undercover-Einsatz feststellt.
Pakete um jeden Preis?
Rund 350 Millionen Pakete transportiert DPD, einer der größten Paketdienste in Deutschland, jedes Jahr. Doch nicht die Mitarbeiter von DPD bringen uns die Pakete nach Hause, sondern hauptsächlich Angestellte der etwa 770 Subunternehmen, die im Auftrag der Tochter des französischen Milliardenunternehmens Geopost arbeiten. Bei einem dieser Subunternehmer hat auch „Team Wallraff”-Reporter Alex Römer alias Tobias in Berlin Marzahn während seines Undercover-Einsatzes gearbeitet. Online ist er auf das Stellenangebot aufmerksam geworden, das mit bis zu 3.000 Euro netto und Arbeitszeiten ab 7.30 Uhr sehr verlockend klingt.
An seinem ersten Tag wird „Team Wallraff”-Reporter Alex einem anderen Fahrer zugeteilt. Gemeinsam scannen sie die 83 Pakete, die sie am heutigen Tag ausliefern. Laut Kollege Milo* seien das wenige, normalerweise wären es hier mehr als 100. Da teilweise mehrere Pakete an einem Ort ausgeliefert werden, seien das zwischen 80 und 90 Stopps, die ein Fahrer allein anfahren müsse. Auf ihrer Tour haben Alex und sein Kollege Milo pro Paket dann rund fünfeinhalb Minuten Zeit, um den Zustellort zu finden, zu parken, zu klingeln, das Paket zur richtigen Wohnung zu bringen und wieder zum Auto zurückzulaufen. Schnell hat Reporter Alex den Eindruck, dass diese Zeit sehr knapp bemessen ist, vor allem weil jedes Paket bis zu 31 Kilo wiegen darf. „Das ist körperliche Schwerstarbeit.”

Pauschaler Tagessatz statt Stundenlohn
An Pausen zum Essen oder gar um auf Toilette zu gehen, ist auf der Tour derweil nicht zu denken. Zwar müssen die laut DPD gemacht werden, doch jede Unterbrechung lässt den Feierabend weiter nach hinten rücken, nicht ausgelieferte Pakete kommen am nächsten Tag dazu. Eine nicht unerhebliche Auswirkung für die Fahrer, denn wie Milo erzählt, werde er nicht pro gearbeiteter Stunde bezahlt, sondern bekomme einen pauschalen Tageslohn von 100 Euro netto. Ganz egal, ob er fünf Stunden für seine Tour brauche – oder zwölf.
Team Wallraff zeigt das Material dem Arbeitsrechtler Dr. Sven Jürgens: „Grundsätzlich verboten ist es nicht, die Pauschale zu bezahlen, ich muss aber Mindestanforderungen erfüllen. Das Arbeitszeitgesetz muss eingehalten werden. Auch wenn ich eine Pauschale bekomme, darf ich nicht 14 Stunden arbeiten, sondern eigentlich nur acht Stunden am Tag. Und ich habe das Mindestlohngesetz, das schreibt vor, wenn ich acht Stunden gearbeitet habe, dann muss ich mindestens die 13,90 Euro pro Stunde bekommen. Und wenn das von der Pauschale unterschritten wird, habe ich eine Verletzung des Mindestlohns. Dann muss mehr gezahlt werden.”
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Müssen DPD-Fahrer Schäden an ihren Autos selbst zahlen?
Auf der nächsten Tour erzählt Fahrer Kiran* Investigativ-Reporter Alex, dass Mitarbeiter, die länger als ein paar Tage krank sind, hier schon mal schnell ersetzt werden. Auch eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall scheint es Kiran zufolge in diesem Subunternehmen nicht immer zu geben. Das wäre ein Verstoß gegen das Arbeitsrecht.
Kiran berichtet weiter, dass Fahrer bei Schäden am Auto teils selbst die Kosten tragen müssten. So seien beispielsweise schon einmal 800 Euro für ein kaputtes Bremslicht bei einem Kollegen fällig gewesen. Treffen Kirans Aussagen zu, würde hier offensichtlich Arbeitsrecht gebrochen, denn Schäden, die der Fahrer nicht mit Absicht verursacht, müsste eigentlich der Arbeitgeber tragen. Ebenfalls fragwürdig: Auch für verlorengegangene Pakete sollen die Boten in diesem Unternehmen offenbar aufkommen, wie Kiran erzählt: „Für ein Paket müssten wir 60-70 Euro bezahlen. Es kommt drauf an.” Je nach Warenwert des Pakets könnte das aber auch mal mehr sein. Auch wenn eine sogenannte Expresslieferung nicht fristgerecht ausgeliefert wird, können den Fahrern offenbar bis zu 250 Euro Strafe drohen. Diesen Eindruck gewinnt Undercover-Reporter Alex, als ihm sein Vorarbeiter mit Nachdruck erklärt, welche Pakete er auf keinen Fall später als 18 Uhr ausliefern darf.
Wird bei DPD-Subunternehmern am Staat vorbei gezahlt?
Am Ende der Probetage könnte „Team Wallraff”-Reporter Alex den Job als Paketbote haben. Allerdings anders als in der Stellenanzeige angegeben. Statt einer Festanstellung mit einem Lohn von 3.000 Euro netto schlägt ihm der Chef dieses Subunternehmens vor, einen Vertrag als Minijobber über 650 Euro zu unterschreiben. Den Rest des Lohns gebe es bar auf die Hand. Auch Fahrer Kiran hatte Alex Römer bereits von einer solchen Art der Bezahlung berichtet. Bietet der Chef dem „Team Wallraff”-Reporter hier tatsächlich völlig unverhohlen Schwarzgeldzahlungen an? Zwar scheint der Subunternehmer ihm die Wahl zu lassen, er sagt aber auch klar, warum ihm der 650-Euro-Minijob am liebsten wäre: „Dann habe ich weniger Ausgaben. So ist das.”
Arbeitsrechtler Jürgens sieht das als klares Angebot von Schwarzgeldzahlungen: „Definitiv. Ich meine, offenkundig soll es aufgeteilt werden in einen legal abgerechneten sozialversicherungsverbeitragten Teil und einen, der schwarz auf die Hand gezahlt wird. Vorenthalten von Arbeitsentgelt heißt das. Es ist erstens eine Straftat und zweitens ist der Arbeitnehmer in dieser Situation schutzlos. Es gibt einen Arbeitsvertrag, da steht Minijob drin und er macht viel mehr und am Ende des Monats will er sein Geld haben und muss sich dann mit dem Arbeitgeber auseinandersetzen, wie viel und auf welcher Basis, ganz schlimme Situation.”
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Das sagt DPD
Team Wallraff versucht, das Subunternehmen mit den Vorwürfen zu konfrontieren, allerdings ohne Erfolg. An der im Handelsregister angegebenen Firmenadresse ist weder ein entsprechendes Klingelschild noch ein Postfach zu finden.
Auch DPD bittet Team Wallraff um Stellungnahme zu den Recherchen. Doch auf die ganz konkreten Hinweise geht der Paketdienstleister nicht spezifisch ein. Stattdessen schickt dpd ein kurzes, allgemein gehaltenes Statement, in dem es auszugsweise heißt:
„Sämtliche vertraglichen Partnerunternehmen von DPD müssen sich zur Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben, insbesondere zu Mindestlohn, zur Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zur Arbeitszeit und zu fairen Arbeitsbedingungen verpflichten. Hierbei verwenden wir vorab ein verpflichtendes Qualifizierungsverfahren.”
Video-Playlist zu Team Wallraff
„Team Wallraff – Reporter undercover“ auf RTL+
*Name von der Redaktion geändert








