Ruhrgebietsküche im IndustriedenkmalVom Schulabbrecher zum Sternekoch - wie Pierre Beckerling auf Kokerei Hansa das Revier auf den Teller bringt

von Niklas Bönsch

Auf der Kokerei Hansa in Dortmund kocht Sternekoch Pierre Beckerling im Restaurant „SchwarzGold“ seine moderne Ruhrgebietsküche: mit viel Butter und klarer Haltung.

Vom Schulabbrecher zum Sternekoch

Beckerling wuchs in Castrop-Rauxel auf, Schule und Regeln interessierten ihn nur wenig. Nach der 9. Klasse brach er ab, hing orientierungslos in der Gegend ab. Ausgerechnet eine Jugendsünde brachte ihn auf die Idee, Koch zu werden: Beim Kiffen mit seinem Cousin stand er regelmäßig mit Fressflash am Herd und improvisierte Gerichte aus allem, was die Küche hergab. „Dann werd‘ doch Koch!“, sagte der Cousin. Gesagt, getan. Beckerling startete eine Ausbildung in einem Restaurant auf der Zeche Zollern, eckte aber mit seiner Art schnell an. Im Kühlraum stellte ihn der Küchenchef vor die Wahl: Anweisungen befolgen oder zurück zum Arbeitsamt. Für Beckerling wurde es zum Wendepunkt.

Sterneküche mit Ruhrpott-DNA

Mittlerweile steht der 39-jährige Koch im „SchwarzGold“ auf der Kokerei Hansa am Herd - ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern und dem großen Wunsch nach einem zweiten. Seine Küche ist regional, saisonal und geprägt von fermentierten, eingelegten Komponenten. Fett spielt ebenfalls eine Hauptrolle: „Butter ist mein Lebenselixier. Dieser Körper wurde von Butter geformt“, sagt er lachend. Für ihn muss Ruhrgebietsküche bodenständig bleiben, auch wenn sie im Fine-Dining-Rahmen serviert wird. Die Vorbereitung beginnt Stunden vor Servicebeginn: Teigtaschen falten, Birnen schneiden, Saucen ansetzen. Jeder Handgriff sitzt, damit der Abend ruhig und präzise läuft.

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Industriekulisse trifft Feinkost

Das Restaurant ist Teil eines mehrjährigen Umbaus auf dem ehemaligen Kokereigelände. Gastronom Sascha Nies hat zusammen mit der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur die alte Gastiefkühlanlage in einen Fine-Dining-Ort verwandelt. Jahrelange Planung und Bau stecken in dem Projekt, das Industriekultur mit moderner Gastronomie verbindet. Am Tag der Eröffnung, erzählt Nies, sei er so erschöpft gewesen, dass er keinen Meter mehr hätte gehen können.

Currywurst als Praline

Beckerling will Gäste erreichen, die sonst Berührungsängste mit Sternerestaurants haben. Er setzt dabei auf Amuse-Bouches – kleine Häppchen vorab, die in seinem Restaurant vertraute Snacks neu interpretieren. Eine Currywurst wird zur Praline aus vegetarischem Wurstbrät, Currysoße und Röstkartoffel, ein „Hanuta“ erscheint als herzhafter Happen mit Haselnuss, Nougat und Trüffel. Für klassische Fine-Dining-Stammgäste sei das zunächst ein kleiner Schock, sagt Beckerling, gleichzeitig entstehe sofort ein Gesprächsanlass.

Ruhrgebiet auf dem Teller

Was sonst so auf der Speisekarte steht? Zum Beispiel Zander mit Muscheln und Kohlrabi. oder gefüllter Ochsenschwanz mit Rotkohlpüree und Trüffel. Aber auch Çiğ Köfte, inspiriert von der türkischen Küche, wurden serviert. Beckerling sieht darin ein Abbild seiner eigenen Kindheit: „Wir sind nicht nur mit der Küche unserer Mutter aufgewachsen, sondern auch mit der polnischen Mutti oder der türkischen Mutti unserer Klassenkameraden.“ Für diese Mischung aus Ruhrpott-DNA und Spitzenküche gab es einen Stern vom Guide Michelin. Das Menü kostet 169 Euro ohne Getränke. Viel Geld, aber viele Gäste finden, dass es sich lohnt. Trotz der Auszeichnungen ist Beckerling keiner, der abgehoben ist. Privat steht er gern an der Imbissbude und bestellt einen Taxiteller.