Lena Jensen wurde als Kind missbrauchtLenas Mutter: „Das ist eine Schuld, die man mit sich trägt, die hört nie auf”

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Lena Jensen freut sich, dass ihre Mutter Bettina heute offen über ihr Trauma reden kann.

„Ich traue jedem Missbrauch zu.”
Das sagt Mutter Bettina Becker heute ganz offen. Mittlerweile kann sie über den sexuellen Missbrauch ihrer Tochter sprechen und auch über das Trauma und die Schuldgefühle, die der Missbrauch bei ihr als Mutter ausgelöst hat. Denn wie so oft kommen die Täter aus dem gemeinsamen Umfeld der Familie.

Für Lena Jensens Mutter Bettina bricht eine Welt zusammen

Vier Jahre lang wurde Lena Jensen aus der Nähe von Hamburg als Kind sexuell missbraucht und manipuliert. Erst nach und nach merken ihre Eltern, dass sich Lenas Wesen verändert: Immer öfter hat sie Wutausbrüche und Angstzustände und wird ihrer Mutter gegenüber aggressiv. Die Eltern suchen bei Ärzten und Psychologen nach Antworten. „Dann sprach mich irgendwann die Kindergärtnerin an”, erzählt ihre Mutter Bettina im RTL-Interview. „Ob ich mir vorstellen könne, dass Lena sexuell missbraucht wird.” Sofort geht sie dem nach und schließlich erzählt ihr ihre damals sechsjährige Tochter, was passiert ist. Für sie bricht eine Welt zusammen.

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Freunde und Bekannte wendeten sich ab

Der Schock: Es gibt mehrere Täter und es sind Menschen aus dem Umfeld des Mädchens. Als sie sich anderen in ihrem Umfeld anvertrauen, bekommen sie nur wenig Unterstützung. Freunde und Bekannte wenden sich ab. Im RTL-Interview berichtet Bettina Becker, wie die Gesellschaft ihr spiegelte „’Du hast versagt, du hast nicht aufgepasst, wieso ist das passiert?‘ Wenn du das von allen Seiten bekommst, dann glaubst du das irgendwann und ich wusste irgendwie, ich habe versagt. Ich war keine gute Mutter für Lena. Ich habe den Missbrauch nicht verhindert. Ich habe also die komplette Täterschaft angenommen. Das ist eine Schuld, die man mit sich trägt, die hört nie auf.” Das habe sogar dazu geführt, dass sich nicht mehr als Mutter gefühlt habe. „Ich habe dann die Rolle eines Therapeuten eingenommen und die Rolle der Mutter abgelegt”, erklärt Mutter Bettina.

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Erst mit der Zeit verbessert sich die Beziehung zu ihrer Tochter. Heute sprechen beide offen über das Erlebte. Lena Jensen teilt ihr Wissen mit über 450.000 Followern bei Instagram und appelliert dazu, über sexuellen Missbrauch zu sprechen: „Wir sagen unseren Kindern, sie sollen nach rechts oder links gucken, wenn sie über eine Straße gehen, weil sie sonst überfahren werden, was sehr schlimm ist. Wir sagen ihnen aber nicht ‘Es gibt Erwachsene, die wollen deinen Penis anfassen, das ist aber verboten. Das wissen auch alle Erwachsenen’,” so Lena Jensen. „Das sagen wir nicht, weil wir selber Angst haben, aber unsere Angst darf uns nicht lähmen.”

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„Wenn ich schweige, schütze ich den Täter”

Ihre Mutter Bettina klärt mittlerweile sogar an Schulen auf. „Jeder einzelne Mensch auf dieser Welt ist mitverantwortlich, aktiven Kinderschutz durchzuführen und zwar durch Hingucken, durch Wahrnehmen”, sagt Bettina Becker. „Zum Beispiel auch, dass die Gesellschaft sich traut zu sagen: ‘Das Kind erscheint mir vielleicht ein bisschen auffällig oder das habe ich wahrgenommen.’” Menschen, die schweigen, würden die Täter schützen. Ihrer Meinung nach sollten sich bereits werdende Eltern darüber informieren, dass sexueller Missbrauch passieren kann. Zwar müsse man lernen, seine Kinder loszulassen, aber man müsse auch wissen „Missbrauch passiert.” „Ich traue jedem Menschen, dem ich begegne, Missbrauch zu, jedem, egal wer es ist. Jeder ab 13, 14 [Jahren] kann ein potenzieller Täter sein oder Täterin,” sagt Bettina Becker.

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Betroffene Eltern müssen da nicht alleine durch

Betroffenen Müttern rät sie, sich Hilfe zu holen: „Es gibt Institutionen, die sind mitverantwortlich und die helfen dir. Die können dich unterstützen. Gehe dorthin, hole dir Hilfe”, rät sie. „Und sage dir immer: ‘Die Kraft, dass du dein Kind weiter begleitest (...) kannst du nur erreichen, wenn du die Verantwortung und den Schmerz auf viele Schultern verteilst und wenn du ihn nicht alleine bei dir behältst.’”

Verwendete Quellen: Eigene RTL-Recherche, Instagram Lena Jensen