Heidi Reichinnek, Johann Wadephul und Co. Wenn plötzlich alle Politiker viral gehen wollen

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Mit kurzen, emotionalen Videos erreicht Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Linken, ein Millionenpublikum auf TikTok.
RTL Nord

Macht durch Reichweite?
Ein Bundesaußenminister testet Chilisaucen und eine Oberbürgermeisterin macht Wahlkampf mit einem Pfannenwender: Willkommen auf TikTok! Früher kämpften Politiker auf Marktplätzen um Stimmen. Heute scheint kaum etwas zu absurd, wenn es Aufmerksamkeit, Klicks und Reichweite im Internet verspricht. Warum das gefährlich werden kann.

„Die politische Debatte in Deutschland ist tot”

Es sind harte Worte von Politikberater Martin Fuchs aus Hamburg. Was er meint, ist nicht, dass in Deutschland nicht mehr über Politik gesprochen wird. Ganz im Gegenteil. Doch was sich verändert hat, ist die Art, wie darüber gesprochen wird: Politiker kommunizieren zunehmend kurz, emotional, provokativ. Und sind damit auf Plattformen wie TikTok teilweise extrem erfolgreich. Politikexperten wie Martin Fuchs aber warnen vor dieser Entwicklung:

„Social Media ist der Grund dafür, dass wir verlernt haben, wie wir debattieren. Dort geht es nur darum, die Meinung möglichst laut, möglichst polarisierend, möglichst schreiend in den digitalen Orkus zu liefern. Aber die Fähigkeit, anderen zuzuhören, auf Argumente einzugehen und in den Diskurs zu gehen – das sehe ich auf Social Media eigentlich gar nicht mehr.”

YouTube-Doku: Wenn der Algorithmus heimlich mitregiert

Die politischen Ränder sind mit dieser Strategie besonders erfolgreich in den sozialen Medien. Die AfD erkannte TikTok laut Politikexperte bereits 2019 als politisches Instrument und legte als erste deutsche Partei flächendeckend Accounts an.

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Doch ihre Reichweite lasse sich nicht allein über ihre offiziellen Kanäle erklären. Hinzu komme ein großes Netzwerk privater Accounts, die AfD-nahe Inhalte verbreiten, ohne selbst offiziell zur Partei zu gehören. In der Politikwissenschaft wird dieses Netzwerk als „digitales Vorfeld“ bezeichnet. „Von zehn Inhalten der AfD, die Menschen angezeigt bekommen haben, kamen acht gar nicht von der AfD, sondern sie kamen vom digitalen Vorfeld“, erklärt Fuchs.

Das Gefährliche dabei sei: Nutzer bekommen auf TikTok vor allem Inhalte angezeigt, die ihrer eigenen Meinung entsprechen. So entstehe der Eindruck, dass diese von vielen Menschen geteilt wird, obwohl es sich eher um eine Art Filterblase handelt. Politikexperten wie Martin Fuchs warnen: Wenn Menschen nicht mehr über den Tellerrand hinausblicken, beschränkt das den Diskurs.

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Außenminister wird zum Influencer

Die etablierten Parteien versuchen seit Jahren, der digitalen Dominanz der AfD etwas entgegenzusetzen, erfahren wir im Gespräch mit Abgeordneten. Rund zwei Drittel der Politiker im Bundestag sind inzwischen auf TikTok vertreten. Für viele ist das längst kein Nebenprojekt mehr: Etwa ein bis zwei Mitarbeiter kümmern sich jeweils um ihre Social Media-Auftritte, finanziert über die Mitarbeiterpauschalen und damit letztlich aus Steuergeldern.

Eines der bekanntesten Beispiele aus Norddeutschland ist Bundesaußenminister Johann Wadephul. Kein anderer deutscher Außenminister habe zuvor so intensiv auf Social Media kommuniziert, sagt Politikberater Martin Fuchs.

Johann Wadephul hat über 170.000 Follower auf TikTok.
Johann Wadephul hat über 170.000 Follower auf TikTok.
TikTok/aussenpolitik

Wadephuls TikToks sind schnell geschnitten und setzen bewusst auf unkonventionelle Einblicke in seinen politischen Alltag: Vom morgendlichen Lauf bis zum Testen scharfer Chilisaucen bei einem Auslandseinsatz in Mexiko. „Er hat den Mut, sich auf Dinge einzulassen, wo sich die Hälfte des Auswärtigen Amtes den Mund drüber zerreißt“, sagt Fuchs.

Mehr Reichweite, mehr Nähe?

Auch auf kommunaler Ebene entdecken Politiker TikTok als direkten Draht zu den Bürgern. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter aus Osnabrück ist seit 2024 auf der Plattform aktiv. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, setzt sie auf ungewöhnliche Ideen: Seit Monaten führt sie Interviews mit bekannten und weniger bekannten Menschen aus Osnabrück. Ihr Mikrofon: Ein Pfannenwender.

Katharina Pötter hat über 5500 Follower auf TikTok.
Katharina Pötter hat über 5500 Follower auf TikTok.
TikTok/katharina.poetter

„Ich kann bei einer Veranstaltung vor 200 Leuten reden, dann kriegen das 200 Leute mit und die erzählen es vielleicht noch jeder einem. Aber wenn ich darüber ein Video mache und 14.000 Follower habe, dann ist die Chance groß, dass es mehr als 200, 400 Menschen sehen und die Themen bekannter werden. Und darum geht es ja letztlich”, erzählt sie im Gespräch mit RTL Nord.

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Und die Nutzer? Sie können zum Glück selbst entscheiden, welchen Stellenwert sie sozialen Medien bei ihrer politischen Meinungsbildung geben. Der Algorithmus mag entscheiden, welche Stimmen Reichweite bekommen. Welche davon am Ende überzeugen, sollte aber nicht von ihm abhängen.

Verwendete Quellen: RTL-Recherche