Phänomen „Hybristophilie”Warum finden manche Frauen Straftäter so sexy? Psychologin Dr. Gilda Giebel ordnet ein

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Psychologin Dr. Gilda Giebel ordnet bei RTL ein, warum Frauen Straftäter attraktiv finden oder sogar Gefühle entwickeln. (Archivbild)
Sebastian Kahnert/dpa

Kann Gewalt „heiß” sein?
Ob Ted Bundy oder Josef Fritzl: Selbst die schlimmsten Verbrecher der Welt bekommen nicht selten Liebsbriefe und Zuspruch, haben sogar Groupies. Wie können Frauen Männer verehren, die gefährlich und gewalttätig sind? Psychologin Dr. Gilda Giebel arbeitet mit Straftätern und kann das Phänomen „Hybristophilie” erklären.

Nacktfotos für Mörder und Vergewaltiger

Straftäter wie Jeffrey Dahmer, Ted Bundy oder Fratzen-Killer Wade Wilson haben zwei Dinge gemeinsam: Sie haben gemordet. Und sie werden geliebt. Sechs Frauen dachten wegen ihres Briefwechsels mit Killer Jeffrey Dahmer eine Beziehung mit ihm zu führen. Wade Wilson bekam so unanständige Fotos und Briefe in den Vollzug geschickt, dass sie beschlagnahmt wurden. Eben diese Frauen setzen sich sogar oft für mildere Strafen von Mördern und Vergewaltigern ein. Warum ist das so?

Manche Frauen zeigen tatsächlich wenig Empathie mit den Opfern, nicht zwingend aus Gefühllosigkeit, sondern weil sie sich stark mit dem Täter identifizieren. Um die Beziehung zu rechtfertigen, blenden sie Widersprüche oft aus”, erklärt Dr. Gilda Giebel RTL. Das kann gefährlich werden, „wenn Faszination in Realitätsverleugnung umschlägt, also wenn die Tat verharmlost, die Opfer abgewertet oder Täterideologien übernommen werden.”

Im Video: DARUM verlieben sich Frauen in Straftäter

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Was ist Hybristophilie eigentlich?

Hybristophilie bezeichnet ein sexuelles oder romantisches Interesse an Menschen, die schwere Straftaten begangen haben, insbesondere an Gewalt- oder Sexualstraftätern. Es ist keine offiziell klassifizierte psychische Störung”, viel mehr sei es ein Phänomen, was zum Glück verhältnismäßig selten auftaucht. In der Regel wird es laut Dr. Giebel durch mediale Bekanntheit der Verbrecher begünstigt.

„Die Anziehung bezieht sich häufig nicht nur auf die Person selbst, sondern auch auf die Tat und deren Symbolgehalt – Macht, Grenzüberschreitung, Kontrolle”, so Dr. Gilda Giebel. Das mache diese Männer „heiß” in den Augen mancher Frauen.

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Die Fan-Girls der Verbrecher tragen meistens tiefgehende psychologische Konflikte in sich: „Etwa ein geringer Selbstwert, überhöhtes Romantisieren, starke Empathie oder auch Verlustangst können eine Rolle spielen.” Auch die „Intensität“ des Täters sei oft anziehend, „die Fantasie, einen gefährlichen Mann zähmen oder retten zu können, ist oft verknüpft mit tiefen Bindungswünschen und unbewussten Wiederholungsmustern früherer Beziehungserfahrungen.”

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Psychologin Dr. Giebel arbeitet mit schweren Fällen von Mördern und Vergewaltigern und erstellt beispielsweise Gutachten zu Sicherungsverwahrten.
RTL

Achtung, aus Fantasie kann Ernst werden!

Die Psychologin weiß aus ihrer eigenen Arbeit mit gefährlichen Straftätern, dass Frauen die Gefahr durch solche Männer trotz aller offensichtlichen Fakten unterschätzen können. In ihrem Buch „Triebhaft. Zwischen Narzissten, Sadisten und Psychopathen“” schildert sie genau die Abgründe, die sich bei schweren Straftätern, aber auch ihren Verehrerinnen auftun. „Viele Kontakte bleiben auf Briefwechsel oder Social Media beschränkt. Doch es gibt auch Frauen, die ernsthafte, intime Beziehungen mit Inhaftierten eingehen – sogar mit Lebenslänglichen oder Sicherungsverwahrten”, denn anfangs sei ja alles kontrolliert. Feste Besucherzeiten, kontrollierter Briefwechsel. Aber was passiert, wenn die Haft dann wirklich endet?

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„In Wahrheit können sich gerade in diesem geschützten Rahmen starke emotionale Bindungen und Idealisierungen entwickeln. Wenn der Täter in den offenen Vollzug kommt oder entlassen wird, fällt diese Schutzbarriere weg – und die reale Gefahr wird oft erst dann sichtbar”, so Giebel. Ein Fetisch sei Hybristophilie nicht, sondern sie deute eher auf extrem gelagerte sexuelle Fantasien und Beziehungen hin. Wichtig ist laut der Psychologin, dass die Frauen in solchen Fällen immer individuell betrachtet werden. (cau)