„Sätze, die mich sprachlos machen”So erlebe ich als Reporter den Fabian-Prozess

RTL-Reporter Carsten Kulawik ist bei dem Prozess gegen Gina H. in Rostock dabei.
RTL-Reporter Carsten Kulawik ist bei dem Prozess gegen Gina H. in Rostock dabei.

Seit Tag eins ist er für uns hautnah dabei!
An dem Tag, als aus dem Vermisstenfall Fabian ein Mordfall wurde, ist RTL-Reporter Carsten Kulawik sofort zum Fundort gefahren. Seit neun Monaten berichtet er aus Güstrow und Rostock, hat Polizeidurchsuchungen begleitet, einen der ersten Trauergottesdienste besucht und Menschen aus Fabians Umfeld interviewt. Er steht in engem Austausch mit der Staatsanwaltschaft, Verteidigung, dem Gericht sowie Fabians Mutter und ihrer Anwältin – und begleitet für RTL.de den Prozess:

An bisher jedem Prozesstag höre ich erschütternde Aussagen von Polizisten, Sachverständigen, Freunden und Bekannten der Angeklagten. Wenn Zeugen nach Worten ringen, stocken oder in Tränen ausbrechen, bekomme ich eine Gänsehaut. Dann wird das unvorstellbare Leid des kleinen Fabian, den alle „Fabi“ nannten, besonders greifbar. Die Zeugin Sabine H., die Gina H. seit dem 14. Lebensjahr kannte, habe sie im Oktober gefragt, wie es ihr gehe. Schließlich sei sie es gewesen, die Fabians Leiche gefunden hat. Die nüchterne Antwort der Angeklagten soll damals gewesen sein: „Es geht eigentlich. Das ganze Drumherum kotzt mich an.“ Sabine H. kommen im Saal die Tränen. „Die Gina, die ich kenne, die habe ich von Herzen gern. Aber ich habe das Gefühl, ich habe Gina nie wirklich gekannt“.

Lese-Tipp: Die Chronologie im Fall Fabian (†8) aus Güstrow

Manche Menschen, die der Angeklagten nahestanden, fragen sich, ob sie sich in ihr getäuscht haben. Andere, die sie gut kannten, hatten von Anfang an ein komisches Bauchgefühl. „Nicht, dass Gina etwas damit zu tun hat“, spekuliert eine Nachbarin kurz nach Fabians Verschwinden. Schließlich wurden sie und andere oft unfreiwillig Zeugen lautstarker Streitigkeiten zwischen der Angeklagten und Fabians Vater, weil eine Hecke zwischen den Grundstücken nur die Sicht, aber nicht die Akustik einschränken kann. Gina H.s psychische Verfassung war wie ein offenes Buch. Ihre Eifersucht, ihr oft ungezügelter Charakter, ihre Borderline-Erkrankung hat sie freimütig nach außen gekehrt. „Mit Frau H. kann man nichts besprechen. Sie flippt komplett aus“, gibt eine andere Nachbarin zu Protokoll.

Grausame Tat und viele Sätze, die sprachlos machen

Regelmäßig höre ich im Gerichtssaal Sätze, die mich sprachlos machen. Dass Gina H. nach dem Leichenfund gelacht haben soll. Dass sie stolz gewesen soll, dass ein Hund am Fundort uriniert habe. Ich sehe Fotos dieser Stelle und der verbrannten Leiche. Das Gebiet rund um den Tümpel bei Klein Upahl habe ich unzählige Male besucht, bin mehrere mögliche Zufahrtswege zum Tatort gefahren, habe mir immer wieder vorgestellt, wie der 10. Oktober – Fabians Todestag – wohl abgelaufen sein muss.

RTL-Reporter Carsten Kulawik
RTL-Reporter Carsten Kulawik beim Prozess gegen Gina H. in Rostock mitbekommt geht nicht spurlos an ihm vorbei.
RTL

Die Polizeiaufnahmen der Auffindesituation machen die Grausamkeit der Tat sichtbar. Sie machen die Grausamkeit erschreckend deutlich. Fabian wurde Opfer eines brutalen Gewaltverbrechens. Zwei von sechs Messerstichen trafen den Achtjährigen direkt ins Herz. Gina H. soll in den Tagen danach viel handwerklich gearbeitet, am Carport Lampen angebracht, ein Fenster gestrichen, sich um ihre Pferde gekümmert haben. Als Reporter frage ich mich: Kann eine selbsternannte „Ziehmutter“ ihre Gefühle und Emotionen so stark unterdrücken, dass sie nach dem Leichenfund einfach zur Tagesordnung übergeht? War das eine willkommene Ablenkung? Oder ist es doch das Verhalten einer mutmaßlichen Mörderin, die ihr Ziel erreicht hat?

Aufwändiger Indizienprozess und viele Puzzlestücke

Von Prozesstag zu Prozesstag verfestigt sich mein Eindruck, wie akribisch und zeitintensiv die Ermittlungsbehörden gearbeitet haben. 660.000 Tausend Dateien, mehrere Terrabyte groß, sind das Ergebnis einer riesigen elektronischen Prozessakte. Unzählige Sprachnachrichten, Chatverläufe, Fotos, Videoaufnahmen, Screenshots, Telefonmitschnitte, Zeugenaussagen, Aservate. Sie sind die vielen Puzzlestücke, die im Indizienprozess ein Bild ergeben. Auch wenn sich viele Prozessbeobachter fragen, warum die Verhandlung so lange dauert, ist es ein gutes Zeichen, dass man sich die Zeit nimmt.

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Video-Tipp: Was ist mit Fabians Vater los?

27 Prozesstage mit über 60 Zeugen können ermüdend sein. Nach vielen Tagen bei Gericht müssen wir Berichterstatter unsere Eindrücke auch erst einmal verarbeiten und sacken lassen. Doch: niemand darf allein wegen Mutmaßungen verurteilt werden, schon gar nicht wenn es um Mord geht. Es zeigt, dass der Rechtsstaat funktioniert. Nun geht es in eine vierwöchige Verfahrenspause, ehe die entscheidende Phase beginnt. Am 24. August will Gina H. ihr Schweige brechen und eine persönliche Einlassung vorlesen.

Seltsame Auftritte von Familienmitgliedern, Tränen bei Polizistin

Wirklich fassungslos machen mich während der Verhandlung „Auftritte“ von Zeugen, die offensichtlich den Ernst der Lage nicht erkennen – beispielsweise Fabians Vater Matthias R. und dessen Mutter Monika R., Fabians Großmutter. Eine Oma, die mit einem Ballermann-Shirt („Don’t worry, BEER happy“) in den Saal kommt und vom Schicksal ihres Enkels nichts wissen will. Ein Vater, der im Saal über den Sex mit der Angeklagten Witze macht („Handgreiflichkeiten gab es keine. Nur im Schlafzimmer, wenn Sie verstehen, was ich meine.“).

Ein Vater, der nach außen keine Trauer um seinen Sohn zeigt und felsenfest an die Unschuld der Angeklagten glauben will. Vielleicht auch ein Schutzmechanismus? Eine Kommunikationsanalyse des Chatverkehrs belegt: Gina H. hat Matthias R. systematisch eingeengt, kontrolliert, in jeder Begegnung mit einer anderen Frau ein Fremdgehen gewittert, ihn immer wieder zurechtgewiesen und darauf bestanden, dessen Lebensmittelpunkt sein zu wollen. Auf sein Befinden ist sie nicht eingegangen. Für seine Gefühlslage hat sie sich nicht interessiert.

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Dass dieser Fall auch erfahrenen Einsatzkräften nahegeht und Spuren hinterlässt, zeigt die Aussage einer Polizistin, die am 14. Oktober 2025 eine der Ersten war, die Gina H. am Fundort in Empfang genommen und unvermittelt zur Leiche navigiert hat: „Dann haben wir ihn gesehen“. Die Polizistin fängt im Zeugenstand an zu weinen. „Das war auch für uns eine Ausnahmesituation, tut mir leid“. Sie schiebt Sätze hinterher, die nachhallen: Fabian sei „wie Müll entsorgt worden. Ihm wurde die letzte Würde genommen“. Abends, auf der Rückfahrt nach intensiven und langen Prozesstagen, berichte ich regelmäßig meinem Kamerateam vom Prozesstag. Ich gebe die Aussagen wieder. Und kann oft selbst nicht glauben, diese traurigen Sätze gehört zu haben.

Gina H. teilnahmslos und gelangweilt – und weist Anwalt zurecht

Und wie reagiert Gina H. im Gerichtssaal? Sie zeigt keine Regung und überhaupt keine Empathie. Wenn Menschen, darunter auch einige, die sie einmal mochten, emotional betroffen sind, würde ich mit menschlicher Interaktion im Gerichtssaal rechnen. Doch in diesen Momenten schaut die Angeklagte ins Leere oder liest in ihren Akten. Die bisher einzige soziale Interaktion zeigt Gina H. mit ihren Anwälten. Indem sie Aussagen kommentiert, witzelt oder sich empört. Irritierend: Zuletzt hat sie ihren Verteidiger Andreas Ohm hörbar zurechtgewiesen, zu spät aus einer zehnminütigen Pause gekommen zu sein und die schwarze Robe noch nicht umgehängt zu haben. Gina H. verbirgt somit nicht einmal im Mordprozess, dass sie sich gern über andere stellt. Matthias R. kennt das aus eigener Erfahrung.

Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche