„Das ist das besonders Quälende!”Scarlett verschwand vor sechs Jahren spurlos – was die Ungewissheit mit ihren Eltern macht

Scarlett auf einer Wanderung
Scarlett verschwand 2020 während einer Wanderung. Ihr Vater gibt die Hoffnung bis heute nicht auf, sie wiederzufinden.
dpa

Wo ist Scarlett? Diese Frage lässt ihren Vater seit sechs Jahren nicht los.
2020 verschwindet die damals 26-Jährige während einer Wanderung im Schwarzwald spurlos. Erst kürzlich gibt es neue Hoffnung, als zwölf Suchhunde an einem Felsen auffällig reagieren. Doch Gewissheit gibt es weiterhin nicht – und genau dieser Schwebezustand kann Angehörige über Jahre zermürben.

Zwölf Suchhunde schlagen an – doch Scarlett bleibt verschwunden

Seit dem 10. September 2020 fehlt von Scarlett Salice jede Spur. Die damals 26-Jährige aus Bad Lippspringe ist auf dem Schluchtensteig im Südschwarzwald unterwegs. In Todtmoos wird sie auf den Überwachungsaufnahmen eines Supermarkts festgehalten. Danach verliert sich ihre Spur. Ihr Vater Ralph fährt bis heute immer wieder in die Region, um nach seiner Tochter zu suchen.

Und erst kürzlich gibt es einen neuen Hoffnungsschimmer: Bei einer Suchaktion am Wildensteinfelsen im Wehratal sind rund 35 Helfer und zwölf speziell ausgebildete Suchhunde im Einsatz. Nach Angaben des Vereins „Finderwille“ reagieren alle zwölf Tiere in dem Gebiet mehrfach auffällig. Die Polizei dämpft im RTL-Interview allerdings die Erwartungen: Von einem entscheidenden Hinweis oder einem Durchbruch könne bislang nicht gesprochen werden.

Zusätzlich prüft die Polizei einen Reißverschluss, den Helfer bereits zuvor unterhalb des Parkplatzes Schluchtensteig gefunden hatten. Die Kriminaltechnik untersucht, ob er zu Scarletts rotem Rucksack gehören könnte. Sollte sich das bestätigen, will die Polizei nach eigenen Angaben die Suche wieder aufnehmen.

Für Scarletts Vater bedeutet jeder neue Hinweis damit auch neue Hoffnung. Doch gleichzeitig bleibt die quälende Angst: Was ist mit seiner Tochter passiert?

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„Hoffnung und Angst sind gleichzeitig da“

Was macht es mit Eltern, wenn ihr Kind eines Tages einfach verschwindet – und sie über Jahre keine Antwort bekommen? Zunächst herrsche Schock, erklärt Psychologin Elif Gündüz vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Wird klar, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte, reagieren Menschen ganz unterschiedlich. „Manche erstarren ganz zu Beginn, und/oder kommen ins Agieren: ‚Ich mache was, ich kämpfe, ich suche‘“, erklärt Gündüz.

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Gerade bei langjährigen Vermisstenfällen kommt ein besonders belastender Zustand hinzu: Niemand kann sagen, ob der geliebte Mensch noch lebt. „Hoffnung und Angst sind gleichzeitig da, und das ist das besonders Quälende“, sagt die Psychologin.

Genau zwischen diesen beiden Gefühlen könnten Angehörige immer wieder hin- und hergerissen werden. Die Hoffnung aufzugeben, könne sich für Eltern sogar so anfühlen, als würden sie damit auch ihr eigenes Kind aufgeben.

Wie außergewöhnlich solche jahrelangen Vermisstenfälle sind, zeigen Zahlen des Bundeskriminalamts: Zum Jahresbeginn waren bundesweit rund 9.100 Menschen als vermisst registriert. Etwa die Hälfte der Fälle klärt sich innerhalb einer Woche, nach einem Monat sind es bereits mehr als 80 Prozent. Nur rund drei Prozent bleiben länger als ein Jahr ungeklärt. Scarlett wird inzwischen seit sechs Jahren vermisst.

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Wie lebt man weiter, wenn man nicht weiß, was mit dem eigenen Kind passiert ist?

Bei einem Todesfall können Angehörige irgendwann beginnen, Abschied zu nehmen. Bei einem ungeklärten Verschwinden fehlt genau diese Gewissheit. Ein möglicher Weg sei deshalb, nicht das unbekannte Schicksal des Kindes zu akzeptieren, sondern die Ungewissheit selbst, erklärt Gündüz bei der dpa. Der Gedanke könne lauten: „Ich akzeptiere, dass es aktuell, in naher Zukunft oder vielleicht auch für immer keine Gewissheit geben wird.“

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Das bedeutet nicht, die Hoffnung aufzugeben. Vielmehr gehe es darum, aus der permanenten Alarmbereitschaft herauszukommen und trotz der offenen Fragen weiterleben zu können.

Denn neben Hoffnung und Angst könne sich noch ein weiteres Gefühl einschleichen: Wut. Etwa auf eine unbekannte Person, falls ein Verbrechen hinter dem Verschwinden stecken sollte. Auch diese diffuse Wut sei real, werde aber häufig weniger offen thematisiert, erklärt die Psychologin.

Gündüz warnt Angehörige deshalb davor, gewissermaßen gemeinsam mit dem vermissten Menschen aus dem eigenen Leben zu verschwinden. Sich Momente der Freude oder Erholung zu erlauben, sei kein Verrat am eigenen Kind. Das eigene Leben vollständig aufzugeben, helfe weder dem Vermissten noch den Angehörigen.

„Man denkt immer wieder: Man hat nicht alles getan“

Für Scarletts Vater ist dieser Spagat seit sechs Jahren Realität. In einem RTL-Interview beschrieb er erst vor wenigen Wochen, wie schwer es ihm fällt, die Suche ruhen zu lassen. Wenn er das Suchgebiet wieder verlasse, komme immer derselbe Gedanke: „Man denkt immer wieder: Man hat nicht alles getan.“

Und so bleibt für ihn nach jedem neuen Hinweis dieselbe Hoffnung: endlich zu erfahren, was am 10. September 2020 mit seiner Tochter passiert ist. (mit dpa)

Verwendete Quellen: dpa, eigene RTL-Recherche