Psychotherapeutin erklärt Abhängigkeit, Verdrängung, Selbstschutz – warum ist Fabians (†8) Vater immer noch mit Gina H. zusammen?

05.05.2026, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Die Angeklagte wartet im Saal des Landgerichts auf die Fortsetzung des Verfahrens wegen Mordes. Der Angeklagten wird vorgeworfen, am 10.10.2025 heimtückisch und aus sonst niedrigen Beweggründen den zur Tatzeit 8-jährigen Fabian aus Güstrow getötet zu haben. Foto: Bernd Wüstneck/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die Angeklagte Gina H. soll den acht Jahre alten Fabian aus Güstrow getötet haben.
Bernd Wüstneck/dpa

„Wir sind ein Paar.“
Matthias R., der Vater des getöteten Fabian aus Güstrow, macht kein Geheimnis daraus, was er für Gina H. empfindet. Sie steht als Angeklagte im Mordprozess um seinen toten Sohn vor Gericht und ist dringend tatverdächtig, den Achtjährigen heimtückisch ermordet zu haben. Trotzdem hält Fabians Vater weiter zu ihr. Psychotherapeutin Rüya-Daniela Kocalevent erklärt im RTL-Interview, was dahinterstecken könnte und wie man die mutmaßliche Mörderin des eigenen Kindes weiter lieben kann.

Fabians Vater ist in einer Extremsituation

„Das Verhalten des Vaters spricht für eine Reaktion in einer Extremsituation“, meint Kocalevent. Matthias R. würde vermutlich seine Realität seinen Bedürfnissen anpassen und Zweifel unterdrücken, vermutet sie. „Den Mechanismus nennt man kognitive Dissonanz.“ In Extremsituationen würden Menschen dazu neigen, sich auf ihre eigenen Bedürfnisse zu fokussieren. Sie würden dann nicht mehr so stark wahrnehmen, wie die Bedürfnislage ihrer Mitmenschen aussieht, erklärt die Expertin. „Das wirkt dann nach außen durchaus empathielos.“

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In solchen Situationen könne es auch zu einem sogenannten „Freeze“ kommen, „also, dass die Betroffenen irgendwie einfrieren und gar nicht mehr in der Lage sind, adäquat alle Optionen in einer Situation zu sehen.“ Hinzukommt, dass in solchen Extremsituationen ähnlich wie bei extremer Verliebtheit das rationale Denken nicht mehr richtig funktioniere. „Da wirken ganz andere Hirnareale, als wenn wir rational verschiedene Handlungsoptionen sehen und ganz ruhig eine Entscheidung treffen“, weiß die Expertin.

Fabians Vater besucht die Angeklagte Gina H. im Knast

Als der acht Jahre alte Fabian im Oktober 2025 aus dem Haus seiner Mutter verschwindet und vier Tage später tot an einem Tümpel im Wald gefunden wird, sind Matthias R. und Gina H. gerade getrennt. Ausgerechnet Gina H. sagt den Ermittlern, wo die Kinderleiche ist. Sie will den Jungen zufällig beim Spazierengehen gefunden haben. Im November 2025 wird sie aber unter dringendem Tatverdacht festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

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Fabian aus Güstrow wurde mehrere Tage vermisst, bevor seine Leiche gefunden wurde.
Fabian aus Güstrow wurde mehrere Tage vermisst, bevor seine Leiche gefunden wurde.
Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern

Trotzdem hat Fabians Vater inzwischen wieder regelmäßigen Kontakt zu ihr, wie er vor Gericht bestätigt. Irgendwann zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 hätten die beiden wieder zueinander gefunden, erklärt er im Zeugenstand. Er besuche Gina H. zweimal im Monat im Gefängnis. Am Grab seines Sohns sei er etwa einmal pro Woche.

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Verdrängt Matthias R. Fakten, um sich selbst zu schützen?

Die Psychotherapeutin spricht in dem Fall von einem „Spannungsfeld“, in dem sich Matthias R. gerade bewege. „Also, der Vater scheint auf der einen Seite eben auch Trauerarbeit zu leisten. So könnte man zumindest die Besuche am Grab interpretieren. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch häufige Besuche und eine starke Bindung zu der Person, die eben als Angeklagte im Raum steht“, sagt Rüya-Daniela Kocalevent.

Aus ihrer Sicht gibt es mehrere Möglichkeiten, wie so eine Beziehung zustande kommen kann. „Entweder es besteht eine emotionale Abhängigkeit oder eine andere Abhängigkeit, die wir vielleicht gar nicht kennen, die mit der Gewalttat im Zusammenhang stehen könnte“, erklärt sie. In dem Zusammenhang spreche man auch von Traumabindung. „Verdrängungsmechanismen spielen sicherlich auch eine Rolle, dass man Angst hat vor noch mehr schmerzhaften Informationen und so was wie Selbstschutz, weil man müsste sich ja an der Stelle fragen: Warum habe ich nichts bemerkt?“

Matthias R. soll noch nicht einmal in die Akten geschaut haben

Laut Staatsanwalt Harald Nowak hat Matthias R. bis heute nicht in die Ermittlungsakten geschaut. Die Details, die die Polizei rund um den Tod seines Sohns aufgedeckt hat, kennt er offenbar noch gar nicht. Er habe sich auch keinen Anwalt genommen, der ihn im Mordprozess vertritt. „Haben Sie Angst davor, die Wahrheit zu erfahren?“, fragt der Staatsanwalt ihn vor Gericht.

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Bei seiner Zeugenaussage nimmt Fabians Vater die Angeklagte in Schutz und relativiert Zeugenaussagen, die er nach ihrer Festnahme gemacht hat. Die Psychotherapeutin geht davon aus, dass die Beziehung zwischen der Angeklagten und dem Vater des Opfers länger halten könnte. „Das sind ja jetzt die, sagen wir mal, schwierigsten Umstände, die man sich so vorstellen kann für eine Bindung oder Beziehung. Und die wirken derzeit ja zumindest augenscheinlich eher verstärkend auf die Bindung“, meint Kocalevent. Die beiden könnten so eine Art „Wir gegen den Rest der Welt“- Haltung haben, die auch eine mögliche Verurteilung überstehen könne.

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherchen