Klima am LimitRettet dieses Gerät die Welt?

Fans with filters of Swiss company Climeworks seen during a visit to Orca belonging to Swiss company Climeworks, the world's first large-scale carbon dioxide capture plant, which extracts carbon dioxide directly from the air and deposits it underground, near Hellisheidi Power Plant, near Reykjavik, Iceland, on Tuesday, May 16, 2023. (KEYSTONE/Anthony Anex)
In Island steht die nach Angaben des Betreibers weltgrößte Anlage zum Einfangen von CO2 aus der Luft - sie soll 36.000 Tonnen CO2 pro Jahr speichern können.
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Regierungen setzen im Kampf gegen die Erderwärmung auf das Abscheiden von CO2 aus der Luft. Eine aktuelle Untersuchung zeigt jedoch eine massive Diskrepanz zwischen dem, was nötig wäre, und dem, was umgesetzt wird. Forscher vermuten, die Gründe zu kennen.

Wir Menschen pusten mehr CO2 in die Luft, als das Klima unseres Planeten verkraften kann: Die Erde heizt sich auf und gefährliche Extremwetter nehmen zu. Diese Emissionen müssten dringend sinken, wenn die Erderwärmung begrenzt werden soll - und das möglichst schnell. Doch es gibt Bereiche, in denen Einsparungen besonders schwer oder schlicht unmöglich sind. Und da kommt die CO2-Entnahme ins Spiel - also die Idee, CO2 wieder der Atmosphäre zu entziehen. Regierungen in aller Welt preisen in ihren Plänen diese Methode bereits als wichtigen Baustein ein, wenn es darum geht, wie sie ihre Klimaziele erreichen wollen.

Doch von einer Methode zu sprechen, greift zu kurz, denn beim Oberbegriff CO2-Entnahme - im Fachjargon „Carbon Dioxide Removal“ - geht es um viele verschiedene Methoden. Zu den konventionellen zählt vor allem das Pflanzen von Bäumen, also Aufforstung. Zu den neueren Methoden gehört unter anderem Carbon Capture and Storage (CCS) - also die Abscheidung und Speicherung des klimaschädlichen Treibhausgases im Meeresboden oder an Land. Beim CCS wird CO2 eingefangen, verflüssigt und dann etwa in alte Gas- und Erdöllagerstätten oder in Gestein gepresst und eingelagert.

Schon heute gibt es eine enorme Lücke zwischen dem Ausmaß, in dem CO2 bereits der Atmosphäre entnommen wird oder Staaten dies zugesagt haben und dem Ausmaß, in dem dies zur effektiven Bekämpfung der Klimakrise nötig wäre. Und diese Lücke droht massiv zu wachsen, wie ein internationales Forschungsteam in einer aktuellen Bestandsaufnahme warnt. An dem „State of Carbon Dioxide Removal“ sind neben Forschern aus Oxford, Wisconsin und Maryland auch Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) beteiligt.

Derzeit werden der Bestandsaufnahme zufolge jährlich etwa 2,2 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt, hauptsächlich durch Maßnahmen wie Wiederaufforstung. „Bis 2035 haben Länder rund 2,7 Milliarden Tonnen CO2-Entnahme zugesagt, bis 2050 etwa 3,6 Milliarden Tonnen. Klimaszenarien, die die Erwärmung wieder auf 1,5 Grad senken, brauchen aber deutlich mehr, vor allem langfristig“, sagt PIK-Co-Autor William Lamb. „Die Lücke wächst deshalb mit der Zeit stark an.“

Lamb nimmt damit Bezug darauf, dass das international angestrebte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, mittlerweile unter Klimaforschern als kaum noch erreichbar gilt - zumindest ohne einen sogenannten „Overshoot“, also eine zeitweise Überschreitung dieser Marke. Damit die Temperatur wie erhofft danach wieder sinken kann, wären zeitweise netto sogar Negativemissionen notwendig - also es müsste mehr CO2 aus der Atmosphäre entzogen werden als hineingeblasen wird. Hierbei würden die genannten Methoden eine zentrale Rolle spielen.

Die bisherigen nationalen Zusagen zur CO2-Entnahme bleiben der Studie zufolge bis 2050 um mehr als 5 Milliarden Tonnen pro Jahr hinter den Mengen zurück, die benötigt würden, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Das Autorenteam kommt zu dem Schluss: Um die klaffende Lücke zu schließen, müsste die CO2-Entnahme ähnlich schnell wachsen wie andere derzeit expandierende Technologien wie Solarenergie und Elektroautos - oder sogar noch schneller.

Dies ist jedoch nicht in Sicht - was auch daran liegt, dass viele Methoden noch sehr teuer und damit unwirtschaftlich sind. Die Spannbreite liegt bei 10 US-Dollar pro Tonne CO2 bis hin zu mehr als 1.000 US-Dollar pro Tonne - bei den meisten Methoden liege das obere Ende der Preisspanne weit über 200 Dollar pro Tonne, also auch weit über derzeit geltenden CO2-Preisen.

Damit mehr CO2 entzogen werde, gelte es also, die Preise herunterzubringen, schlussfolgern die Forscher - und dafür zu sorgen, dass Unternehmen, die Projekte etwa im Bereich CO2-Speicherung aufbauen, mit einer stabilen Nachfrage rechnen können. Dies sei nur darüber möglich, dass politische Vorgaben beispielsweise Unternehmen dazu verpflichten, sich finanziell an CO2-Entnahme zu beteiligen - etwa um nicht vermeidbare Emissionen auszugleichen. Denn niemand habe ansonsten Interesse an einem solchen Produkt. Es gebe keinen anderen Grund, CO2-Entnahme zu finanzieren, als Emissionen auszugleichen, erklärte Studienautor Oliver Geden in einem Briefing des Science Media Center.

Das Forschungsteam sieht daher die Politik in der Pflicht, entsprechend zu steuern. Derzeit beschränke sich die Politik noch eher darauf, etwa Forschung und Entwicklung im Bereich CO2-Entnahme zu fördern. In den vergangenen Jahren seien nur etwa 20 Prozent der geplanten Kapazitäten für neue CO2-Entnahmetechnologien tatsächlich umgesetzt worden. Dies zeige, wie schwierig es sei, Projekte bis in den Betrieb zu bringen.

Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass die Etablierung der neuartigen Methoden noch in den Kinderschuhen steckt. Zwar wachse sie rapide, derzeit um rund 40 Prozent pro Jahr, heißt es in der Studie. Allerdings machten sie bislang nur etwa 0,1 Prozent der gesamten Entnahmen aus. Mit Blick auf die Zusagen von Staaten warnt Forscher Lamb: „Die meisten Zusagen setzen auf Wälder und andere landbasierte Maßnahmen, während neue Technologien bislang nur eine kleine Rolle spielen. Wenn Emissionen nicht schneller sinken, wird die Lücke noch größer.“

Ein Vorreiter-Projekt steht in Island: Die dortige Anlage „Mammoth“ - nach Angaben des Betreibers die weltgrößte - ging 2024 in Betrieb und saugt CO2 aus der Luft, um es in Gestein umzuwandeln. Sie soll 36.000 Tonnen CO2 pro Jahr speichern können.

PIK-Forscherin Sabine Fuss betont: „Wir können uns nicht auf eine einzige Methode zur CO2-Entnahme verlassen.“ Es brauche einen breiten Mix verschiedener Ansätze, die zu unterschiedlichen Regionen und Anwendungen passen. „Bei den neuartigeren Methoden gilt es noch nachzulegen“, sagt Fuss. Es müsse auch in teure Methoden investiert werden, damit deren Kosten die Chance hätten, langfristig zu sinken.

Geden betont, es sei weiterhin am wichtigsten, Emissionen einzusparen - ohne CO2-Entnahme werde es aber nicht gehen. Sie sei ein wichtiger Baustein, „auf den alle Staaten sich verlassen“. Dies zeigte sich in den vergangenen Jahren auf den Weltklimakonferenzen, zu denen alle Staaten der Welt darlegen müssen, welchen Beitrag sie zur Bekämpfung der Klimakrise leisten wollen. Insbesondere die ölreichen Golfstaaten wollen sich stark auf Maßnahmen wie CCS verlassen.

Doch auch in Europa setzen Regierungen verstärkt auf das Thema, zumal es beim klassischen Klimaschutz vielerorts hakt. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte kürzlich an, Deutschland solle bei der CO2-Abscheidung und -Speicherung Weltmarktführer werden. Die schwarz-rote Koalition hatte im vergangenen Jahr den Weg freigemacht für die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid. Umweltverbände warnen davor, sich zu stark auf die Methoden zu verlassen und Maßnahmen für weniger CO2-Emissionen zu vernachlässigen.

Verwendete Quellen: Larissa Schwedes, dpa