Die Zukunft des Einzelhandels?Deutschlands erster Baumarkt ohne Verkäufer und Kassierer

Fachwerkhäuser in der Altstadt von Oettingen
Steht ausgerechnet im beschaulichen Oettingen (Bayern) der Baumarkt der Zukunft?
picture alliance / imageBROKER / Fotografie Lisa + Wilfried Bahnm
von Philipp Petersdorff

In Oettingen hat ein Baumarkt eröffnet, in dem es kein mehr Personal gibt.
Noch länger suchen, noch weniger Beratung, als in Baumärkten ohnehin schon üblich – ist das die Zukunft des Einzelhandels? Vielleicht – wenn am Ende nicht doch wieder die Bürokratie siegt.

Keine Verkäufer, keine Kassierer

Der Wasserhahn tropft, das Dichtungsband ist leer und für diese Kleinigkeit erst einmal 16 Kilometer bis zum nächsten Baumarkt fahren? Genau solche Situationen soll das neue „Versorgungswerk“ in Oettingen lösen. In der schwäbischen Kleinstadt hat der Baufachmarkt BGU aus Ansbach und Weißenburg nach eigenen Angaben Bayerns ersten personallosen Baumarkt eröffnet. Auf rund 150 Quadratmetern bekommen Heimwerker vor allem Dinge für kleinere Reparaturen und spontane Projekte.

So kommt ihr in den Baumarkt ohne Personal

Einfach Tür auf und rein funktioniert nicht. Kunden ziehen am Eingang ihren Personalausweis durch ein Lesegerät. Erst danach öffnet sich die Tür. Im Laden suchen sie ihre Produkte selbst aus und scannen den Einkauf anschließend an einer Selbstbedienungskasse. Bezahlt wird bargeldlos per EC- oder Kreditkarte.

Wer trotzdem Unterstützung braucht, steht nicht völlig allein da. An der Kasse befindet sich laut Bayerischem Rundfunk (BR) ein Infoknopf. Während der Servicezeiten können Kunden darüber per Freisprechanlage Mitarbeiter der BGU-Zentrale in Ansbach erreichen.

Hinter dem Konzept stecken wirtschaftliche Gründe. Geschäftsführer Daniel Stiegler erklärt dem BR, dass Personal für einen solchen Standort schwer zu finden sei und sich angesichts gestiegener Personalkosten sowie gesunkener Umsätze nicht rechnen würde.

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Schrauben, Lampen und sogar Lebensmittel

Ein riesiger Baumarkt mit meterlangen Holzplatten und Gartenhäusern ist das „Versorgungswerk“ nicht. Stattdessen stehen dort unter anderem Sicherungen, Lampen, Bohrer, Farben, Besen, Werkzeug und Elektroartikel in den Regalen. Je nach Jahreszeit kommen weitere Produkte hinzu, im Sommer beispielsweise kleine Pools und Poolchemie, im Winter Streusalz.

Für größere Anschaffungen oder Waren, bei denen Beratung nötig ist, müssen Kunden weiterhin einen klassischen Baumarkt aufsuchen. Terrassenplatten, Fliesen oder große Holzteile gehören deshalb nicht zum Angebot.

Dafür gibt es noch eine Besonderheit. Im vorderen Bereich verkauft das Geschäft auch Lebensmittel wie Milch, Butter, Getränke, Fertiggerichte und Tiefkühlprodukte. Damit soll gleichzeitig die Nahversorgung in Oettingen verbessert werden.

Ladenschlussgesetz gilt trotzdem

Wer nun glaubt, ohne Mitarbeiter seien automatisch Öffnungszeiten rund um die Uhr möglich, irrt sich. Für den Baumarktbereich gilt das bayerische Ladenschlussgesetz. Geöffnet werden darf deshalb nur montags bis samstags zwischen 6 und 20 Uhr. Sonntags bleibt dieser Teil geschlossen.

Anders sieht es bei den Lebensmitteln aus. Dieser Bereich ist rund um die Uhr erreichbar. Um 20 Uhr trennt ein automatischer Rollladen beide Teile des Geschäfts voneinander.

Lese-Tipp: Dürfen Geschäfte bald auch sonntags öffnen?

Für Oettingen erfüllt das ungewöhnliche Geschäft noch einen weiteren Zweck. Die Stadt möchte leerstehende Ladenflächen in der Innenstadt möglichst wieder gewerblich nutzen. Bürgermeister Thomas Heydecker begrüßt deshalb den neuen Standort. Ob das Konzept langfristig funktioniert, dürfte nun vor allem davon abhängen, wie gut die Oettinger den ungewöhnlichen Mini-Baumarkt annehmen.

Verwendete Quellen: BR, Merkur