Rätsel um Horror-FlugBeinahe-Katastrophe mit Boeing 787 in München: Der Pilot bremste das Flugzeug mitten im Start

Wie knapp entgingen die 271 Passagiere der Boeing von Vietnam Airlines im August am Flughafen München einer Katastrophe?
Der neue Zwischenbericht der deutschen Flugunfallermittler enthält brisante Details: Während die Maschine beschleunigt, bremste einer der Piloten das Flugzeug wohl ab! UND: Die Tonaufnahme aus dem Cockpit vom dramatischen Start existiert nicht mehr – sie wurde überschrieben.

Boeing 787 in München: Bremsen werden beim Start aktiv

Eine Maschine der Vietnam Airlines Maschine ist kurz nach ihrem Start vom Münchner Flughafen dort wieder gelandet (bestmögliche Qualität). Es seien Schäden an Reifen und Fahrwerk festgestellt worden, sagte ein Flughafensprecher.
Eine Maschine der Vietnam Airlines Maschine ist kurz nach ihrem Start vom Münchner Flughafen dort wieder gelandet (bestmögliche Qualität). Es seien Schäden an Reifen und Fahrwerk festgestellt worden, sagte ein Flughafensprecher.
picture alliance/dpa / Uwe Lorz

Am 15. August will die Boeing 787 vom Flughafen München nach Hanoi (Vietnam) starten. Neben den 271 Passagieren sind vier Piloten und zwölf Kabinenbesatzungsmitglieder an Bord. Doch die Maschine schafft es nicht, innerhalb der 4000 Meter langen Startbahn abzuheben.

Der jetzt veröffentlichte Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) liegt RTL vor. Er zeichnet den Start anhand der Daten des Flugschreibers detailliert nach. Und dabei fällt ein besonders brisantes Detail auf: Bereits wenige Sekunden nach Beginn des Start-Manövers wird eine Bewegung der beiden linken Bremspedale registriert. Dort saß der 64 Jahre alte Pilot. Der Bericht legt nahe: Er bremste das Flugzeug, während es eigentlich immer schneller werden musste.

Warum der Pilot auf dem linken Sitz im Cockpit das tat, ist unklar. War es ein folgenschwerer Fehler oder gab es einen anderen Grund? Das müssen die Ermittler jetzt klären.

Tempo der Boeing stagniert rund 18 Sekunden

Gleichzeitig zeigen die Flugdaten, dass die Boeing zeitweise kaum noch schneller wird. Rund 18 Sekunden lang bleibt ihre Geschwindigkeit laut BFU bei etwa 168 Knoten, also rund 311 km/h. Dabei werden kurzzeitige Abweichungen nach unten und anschließend wieder zurück auf dieses Geschwindigkeitsniveau aufgezeichnet.

Für den Start war eine sogenannte Rotationsgeschwindigkeit von 175 Knoten berechnet worden – also das Tempo, bei dem der Pilot beginnt, die Nase der Maschine anzuheben. Tatsächlich beginnt die Rotation laut BFU bereits bei 163 Knoten. Und da ist die 4000 Meter lange Startbahn praktisch aufgebraucht.

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Boeing rast über das Pistenende hinaus

Das Flugzeug von Vietnam Airlines kam von rechts. Es soll laut Aviation Herald das Ende der Startbahn hinaus in die Grünfläche gerast sein (markierter Bereich). Erst danach soll es abgehoben sein. Eine Bestätigung für den Bericht gibt es nicht.
Das Flugzeug von Vietnam Airlines kam von rechts. Es schoss 240 Meter über das Ende der Startbahn hinaus, schreiben die Flugunfallermittler.
Google Maps

Die Boeing rast über das Ende der Startbahn hinaus, überquert auch den dahinterliegenden 60 Meter langen befestigten Bereich und gelangt ins Gras. Dort hebt sie schließlich ab. Der Co-Pilot verhinderte am Ende wohl die Katastrophe. Er schien die Dramatik erkannt zu haben und griff ein.

Die Spuren der Hauptfahrwerke reichen laut Ermittlern bis rund 240 Meter hinter die Pistenschwelle. Während dieser Phase kollidieren das Heck und die Reifen der beiden Hauptfahrwerke mit Teilen der Anflugbefeuerung. Insgesamt werden 20 Lampen beschädigt.

Auch die Boeing selbst wird erheblich beschädigt. Beim Abheben berührt das Heck den Boden und Teile der Befeuerung. Die BFU stuft den Sachschaden am Flugzeug als schwer ein.

Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt bezeichnet den Vorfall als „Beinahe-Katastrophe“.

Crew lässt 62 Tonnen Treibstoff ab

Das Heck der Boeing 787 von Vietnam Airlines wurde bei dem Chaos-Start schwer beschädigt
Das Heck der Boeing 787 von Vietnam Airlines wurde bei dem Chaos-Start schwer beschädigt
BFU

Nach dem gefährlichen Start entscheidet sich die Besatzung, nach München zurückzukehren. Weil sie mit einem beschädigten Reifen rechnet, lässt sie zunächst Treibstoff ab.

Zwischen 14.22 und 15.07 Uhr deutscher Zeit werden insgesamt 62 Tonnen Kerosin abgelassen. Anschließend fliegt die Boeing die Landebahn zweimal mit ausgefahrenem Hauptfahrwerk an, damit dieses vom Boden aus begutachtet werden kann.

Um 15.56 Uhr deutscher Zeit landet die Maschine schließlich auf der Piste 26R. Danach werden vier beschädigte Reifen am linken Hauptfahrwerk festgestellt. Im Bereich des Fahrwerks entwickelt sich Rauch, ein Feuer findet die Feuerwehr jedoch nicht. Verletzt wird bei dem Unfall niemand.

Cockpit-Aufnahme des Starts fehlt den Ermittlern

Die Ermittler können für ihre Untersuchung auf umfangreiche Flugdaten zurückgreifen. Insgesamt wurden mehr als 2200 Parameter aufgezeichnet. Die BFU hat mehrere Komponenten sichergestellt, darunter die Steuergeräte der Bremsanlage und Geräte, die die elektrischen Bremsen ansteuern. Diese Teile werden nun detailliert untersucht.

Die Tonaufnahme aus dem Cockpit während des entscheidenden Starts ist allerdings nicht mehr vorhanden. Sie wurde laut BFU überschrieben, weil zwischen dem Start und dem Abschalten der Rekorder nach der Rückkehr mehr als zwei Stunden lagen. Damit gibt es keinen objektiven Beweis mehr dafür, was die vier Piloten während des Starts und direkt danach im Cockpit zueinander gesagt haben.

Eine endgültige Ursache für den Unfall nennt der Zwischenbericht nicht. Mit einem Abschlussbericht wird kommendes Jahr gerechnet.

Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche/ BFU-Bericht