Folgen für Kopf, Gesundheit und WohlbefindenZu lange solo? Was das Single-Leben mit unserer Psyche macht

Single-Frau
Romantische Beziehungen sind nicht das A und O unseres Lebens, aber lange Zeit Single zu sein, kann sich auf Identität und Wohlbefinden auswirken
picture alliance / imageBROKER | Aleksei Isachenko

Freiheit, Flirts und keine Kompromisse.
Das Single-Leben gilt als Inbegriff von Unabhängigkeit. Rund 17 Millionen Menschen sind in Deutschland allein – und die Zahl der Single-Haushalte steigt weiter an. An das Alleinsein kann man sich gewöhnen. Doch was passiert, wenn aus ein paar Monaten Jahre werden? Das Psychologie-Portal „Charlie Health“ hat die Folgen eines langen Single-Daseins unter die Lupe genommen – und zeigt: Dauerhaft ohne Partner zu sein, kann Spuren in unserer Seele hinterlassen. Auch, wenn man eigentlich glücklich ist.

Jahrelang ohne Partner: Einsamkeit schleicht sich leise ein

Anfangs fühlt sich alles nach Selbstbestimmung an. Doch mit der Zeit kann sich aus bewusstem Alleinsein emotionale Einsamkeit entwickeln. Laut den Experten von „Charlie Health” wird fehlende tiefe Nähe oft unterschätzt – selbst bei einem vollen Freundeskreis. Denn romantische Verbundenheit lässt sich nicht eins zu eins ersetzen. Es fehlt eine beständige emotionale Verbindung zu einem Partner. Diese Einsamkeit kann es demnach schwer machen, sich anderen gegenüber zu öffnen.

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Auch eine neue Studie mit 17.000 jungen Erwachsenen der Universität Zürich zeigt: Die Partnerlosigkeit hat Folgen für das Wohlbefinden. „Die Langzeit-Singles sind im Durchschnitt weniger zufrieden mit ihrem Leben”, fasst Psychologe Michael Krämer zusammen. Wer im Alter zwischen 16 und 29 Jahren jahrelang oder sogar dauerhaft Single bleibt, verliere zunehmend an Lebenszufriedenheit, fühle sich einsamer und auch depressiver.

Das Selbstwertgefühl gerät beim dauerhaften Single-Leben ins Wanken

Wer lange Single ist, beginnt sich nicht selten zu fragen: „Stimmt etwas nicht mit mir?“ Gesellschaftlicher Druck, Hochzeitsfotos im Feed und ständige Fragen von Familie oder Freunden können am Selbstbewusstsein nagen. Die Folge: Selbstzweifel und Grübelschleifen nehmen zu. In einer Welt, die romantische Partnerschaften als Erfolgsmaßstab sieht, hinterfragen Dauer-Singles laut „Charlie Health” möglicherweise ihren eigenen Wert und vergleichen sich mit anderen, die bereits in Beziehungen sind oder bestimmte, gesellschaftlich anerkannte Meilensteine erreicht haben.

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Soziale Ängste können ohne Partner wachsen

Langes Single-Dasein kann zu mehr sozialer Angst führen, insbesondere in Situationen, in denen Paare oder neue Dates involviert sind. Manche Singles fühlen sich unwohl oder als „fünftes Rad am Wagen”, wenn sie mit Paaren zusammen sind. Oder man empfindet Neid und Wut. Wenn man länger alleine war, kann auch das Thema Dating schwierig sein. Beim Kennenlernen eines neuen potenziellen Partners können Unsicherheiten auftreten, was die soziale Angst verstärken kann. Nähe zuzulassen, Vertrauen aufzubauen oder sich verletzlich zu zeigen, fällt mitunter schwerer.

Zudem spiele auch der Faktor Wohlbefinden beim Dating eine Rolle, erklärt Psychologe Krämer von der Universität Zürich: „Wenn ich momentan eher unzufrieden bin mit meinem Leben oder mich eher einsam fühle, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, noch länger Single zu bleiben.” Einen Grund sieht der Forscher darin, dass zufriedene Menschen generell eine positivere Ausstrahlung auf ihre Mitmenschen haben und zum Beispiel beim Dating attraktiver wirken.

Beziehungsunfähig dank langem Single-Dasein? Angst vor Ablehnung oder Verletzlichkeit steigt

Ferner machen sich Single-Menschen möglicherweise mehr Sorgen darüber, abgelehnt zu werden oder sich in neuen Beziehungen zu öffnen, so die Experten von „Charlie Health”. Nach einer langen Zeit als Single sind diese Menschen daher besonders vorsichtig bei der Partnerwahl und fragen sich, ob sie bedeutungsvolle emotionale Bindungen aufbauen können.

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Emotionale Unabhängigkeit – Fluch und Segen zugleich

Wer lange Single ist, wird Meister der Selbstregulation. Entscheidungen? Trifft man alleine. Probleme? Löst man selbst. Alleinstehende lernen oft, unerwartete Herausforderungen des Lebens ohne sofortige Unterstützung zu meistern, was ihre emotionale Belastbarkeit und die Bewältigungsfähigkeiten stärkt, meinen die Experten von „Charlie Health”. Das kann persönliches Wachstum, Selbstvertrauen sowie das Gefühl der Unabhängigkeit fördern. Doch genau diese Stärken können später zur Hürde werden. Denn mit der Zeit kann die persönliche Komfortzone so gemütlich werden, dass jede Veränderung bedrohlich wirkt. Die Bereitschaft, sich auf jemanden einzulassen, sinkt.

Als Langzeit-Single könne man „Kompromisse in der gemeinsamen Alltagsgestaltung” ohne feste Beziehung tatsächlich verlernen,
bestätigt Diplom-Psychologin Ulrike Scheuermann im Gespräch mit Watson. Allerdings sei auch das nur eine Frage der Gewohnheit, denn natürlich könne man die eingeschlafene Kompromissfähigkeit „auch wieder neu lernen”, so die Expertin. Vielen Menschen falle es nach langer Zeit ohne Partner schwer, sich im Alltag „wieder auf eine andere Person mit ihren eventuell ganz anderen Bedürfnissen und Vorlieben einzustellen“. Scheuermann empfiehlt, das Ungewohnte zuzulassen, auch wenn es sich vielleicht erst einmal komisch anfühlt.

Veränderung von Prioritäten – Single-Leben hat auch Vorteile

Eine positive psychologische Auswirkung des Single-Lebens kann laut „Charlie Health” die Änderung der Prioritäten sein. Anstatt sich auf einen Partner zu konzentrieren, legen Singles möglicherweise mehr Wert auf Karriereziele, Hobbys, Freundschaften und Selbstfürsorge. Sie haben mehr Zeit für Selbstreflexion und Selbstfindung. Dahingehend setzen sie sich besser mit ihren eigenen Werten, Interessen und dem persönlichen Wachstum auseinander.

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Durch die anhaltende Konfrontation mit sich selbst haben Singles laut der amerikanischen Sozialwissenschaftlerin Bella DePaulo eine gute Vorstellung von ihren Schwächen und Stärken. Deswegen könnten sie bedachter mit ihren Schwachpunkten umgehen – und ihre Fähigkeiten sowie Talente im Alltag bewusst nutzen. „Sie können in wichtigen Situationen, etwa auf der Arbeit, durchsetzungsfähig agieren“, zitiert Psychologie Heute die Expertin, die sich auch der Erforschung von Einzelgängertum widmet. Bei der stärkenden Selbstreflexion, die ihnen das Alleinsein ermöglicht, lernen Singles demnach wertvolle Bewältigungsstrategien kennen, die es ihnen leichter machen, selbst in schwierigen Alltagsmomenten zu bestehen.

Und die Zeit ohne Partner erlaubt es auch, tiefere Beziehungen zu Freunden aufzubauen, die wie eine selbst gewählte Familie werden. So hat Bella DePaulo in einer Studie herausgefunden, dass Singles unabhängig vom Geschlecht generell weitere Freundes- und Bekanntenkreise haben. Denn tiefe Bindungen sind für jeden Menschen wichtig.

Abstumpfung romantischer Beziehungen gegenüber

Ein Nebeneffekt eines längeren Single-Daseins kann sein, dass man gegenüber romantischen Beziehungen abstumpft, heißt es bei Charlie Health. Diese Gleichgültigkeit kann sich entweder kurz- oder langfristig zeigen. Manche Menschen finden beispielsweise langfristige Zufriedenheit als Single und schätzen die Freiheit sowie die Möglichkeiten, die es ihnen bietet. Andere brechen immer wieder aus Beziehungen aus.

Zu lang allein? Depressive Verstimmungen sind möglich

Auch wer seine Freiheit liebt, ist nicht frei von Bindungsbedürfnissen. Das Bedürfnis nach körperlicher und emotionaler Intimität bleibt ein menschliches Grundbedürfnis. Wird es dauerhaft nicht erfüllt, kann das zu innerer Leere oder Traurigkeit führen. Charlie Health weist darauf hin, dass chronische Einsamkeit ein Risikofaktor für depressive Symptome sein kann. Die Studienergebnisse von der Universität Zürich zeigen dies ebenfalls. Emotionale Belastungen als Dauer-Single führten demnach zu Niedergeschlagenheit und Energielosigkeit bei den Teilnehmern, so Studienautor Krämer. Fehlende emotionale Unterstützung im Alltag verstärkt Stress – und es fehlt jemand, der auffängt, wenn es schwierig wird.

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Ist das Single-Dasein also ungesund? Problem ist nicht der Beziehungsstatus

Heißt das: Single sein ist schlecht? Ganz klar: Nein! Single-Sein kann eine wertvolle Phase der Selbstfindung, Heilung und persönlichen Entwicklung sein. Problematisch wird es nicht durch den Beziehungsstatus selbst, sondern durch unfreiwillige Einsamkeit und emotionalen Rückzug.

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Der Schlüssel liegt in bewusster Verbundenheit – mit Freunden, Familie und vor allem mit sich selbst. Denn am Ende entscheidet nicht der Beziehungsstatus über unser Glück, sondern wie erfüllt und verbunden wir uns fühlen. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Liebesgeschichte unseres Lebens: die zu uns selbst.

Verwendete Quellen: Charlie Health, Stern, Watson, Psychologie Heute, Universität Zürich