RTL Docs SprechstundeJeder Fünfte ist betroffen! Diese Diabetes-Vorstufe bleibt oft unbemerkt

Schon mal etwas von Prädiabetes gehört?
Nach Daten des Robert Koch-Instituts soll jeder fünfte Erwachsene in Deutschland bereits von dieser Vorstufe des Typ-2-Diabetes betroffen sein – viele, ohne es zu wissen. Denn die Beschwerden können leicht übersehen werden. Wie lässt sich Diabetes erkennen? Welche Rolle spielen Ernährung, Bewegung und Veranlagung? Und lässt sich noch verhindern, dass daraus Diabetes Typ 2 wird? Diabetologe Dr. Karsten Behle beantwortet bei Punkt 12 die wichtigsten Fragen.

Wo liegt der Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und 2?

„Diabetes Typ 1 und Typ-2-Diabetes sind völlig unterschiedliche Erkrankungen”, sagt Diabetologe Dr. Karsten Behle bei Punkt 12. Bei beiden steigt zwar jeweils der Blutzucker – dahinter stecken aber unterschiedliche Ursachen. Bei der Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes greift das eigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse an und zerstört sie. Dadurch kann der Körper schließlich kaum noch oder kein eigenes Insulin mehr herstellen. Betroffene müssen deshalb Insulin zuführen.

Bei Typ-2-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse dagegen zunächst häufig noch ausreichend oder sogar besonders viel Insulin. Das Problem: Die Körperzellen reagieren immer schlechter darauf – man spricht von einer Insulinresistenz. Vereinfacht gesagt ist Insulin der „Türöffner“, der dabei hilft, Zucker aus dem Blut in die Zellen zu bringen. Reagieren die Zellen nicht mehr richtig darauf, bleibt mehr Zucker im Blut. Die Bauchspeicheldrüse versucht das zunächst auszugleichen, indem sie mehr Insulin produziert. Im weiteren Verlauf kann auch die Insulinproduktion nachlassen.

Kurz und knapp:
Bei Diabetes-Typ-1 produziert der Körper wegen einer Autoimmunreaktion zu wenig beziehungsweise kein Insulin mehr.
Bei Diabetes-Typ-2 ist Insulin zunächst vorhanden, kann an den Körperzellen aber nicht mehr ausreichend wirken.

Ist Diabetes Typ 2 vererbbar?

„Sicherlich ist man vorbelastet. Wir wissen, wenn Typ-2-Diabetes in der Familie vorkommt, dass wir ein dreifach erhöhtes Risiko haben, wenn beide Elternteile betroffen sind. Ungefähr ein 1,7-fach erhöhtes Risiko, wenn nur ein Elternteil betroffen ist. Aber das heißt nicht, dass es ausbrechen muss, denn die gesamte Lebensspanne, die Umweltfaktoren, spielen dabei eine große Rolle.”

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Welche Symptome hat man bei Diabetes?

„Beim Typ-2-Diabetes bleibt das Ganze jahrelang sehr undeutlich”, erklärt Behle. „Man kriegt nicht viele typische Symptome mit. Klassisch ist viel Durst, viel zur Toilette gehen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit. Also ganz unspezifische Dinge. Wenn Kinder zum Beispiel wirklich viel Durst haben, ganz häufig zur Toilette gehen, Gewicht abnehmen und im Prinzip eine Entwicklungsverzögerung machen. Da muss man wirklich hellhörig werden und frühzeitig zum Arzt gehen, da könnte es sich um Typ-1-Diabetes handeln.”

Warum bekommt man Schwangerschaftsdiabetes?

„Schwangerschaftsdiabetes scheint auch mehrere Faktoren zu beinhalten. Einer ist auch wieder ein genetischer Hintergrund. Ein anderer Faktor ist, dass die Schwangerschaft selber durch die Hormonumstellung eine verschlechterte Insulinsensitivität macht, also eine Insulinresistenz mit sich bringt. Das heißt in der Schwangerschaft, damit die gut abläuft, brauchen wir eigentlich mehr Zucker für das Kind. Aber das kann im Falle von verschiedenen Faktoren, die zusammenkommen, dazu führen, dass dann die Zucker sehr viel zu hoch sind. Das ist wiederum schlecht für das Kind.”

Nach der Schwangerschaft sei es übrigens im Regelfall so, dass mit Ende der Schwangerschaft der Schwangerschaftsdiabetes sofort wieder weg sei. „Es bleibt aber ein erhöhtes Risiko im weiteren Leben, dann doch Typ-2-Diabetes zu entwickeln.”

Wie beeinflussen sich Psyche und Diabetes gegenseitig?

„Das eine bilaterale Beziehung”, erklärt Behle. Das heißt: Psyche und Diabetes wirken sich gegenseitig aufeinander aus. Erlebe man gerade psychische Probleme, verschlechtere das den Diabetes. Gleichzeitig könne ein schlechter Diabetes, ein schlechter Zucker, unsere Psyche verschlechtern, weil wir uns die ganze Zeit mit diesem Thema auseinandersetzen müssen. „Also im Prinzip ist es wie ein Kreislauf, der sich ungünstig fortsetzen kann. In beide Richtungen gilt: Eine ungünstige Ausgangsposition verschlechtert die andere Seite.”

Welcher Sport hilft bei Diabetes?

„Am besten ist der Sport, den man morgen und übermorgen und nächste Woche noch macht. Man muss wirklich durchhalten, den Sport langfristig machen. Allgemein ist die Empfehlung ungefähr 150 Minuten Sport in der Woche. Und davon einen deutlich größeren Anteil an Muskeltraining. Das kann man auf drei Einheiten in der Woche verteilen. Das bietet sich an, weil dann der Trainingseffekt gut mitwirkt. Und Sport ist elementar wichtig für jeden Diabetiker.”

„Nur” 10.000 Schritte pro Tag laufen, reiche also nicht wirklich, sagt Behle. „Wer vorher nur 2.000 Schritte gemacht hat, der ist mit 10.000 deutlich besser dran als vorher. Aber das Krafttraining bekommt immer mehr Bedeutung in diesem Bereich, weil die Muskulatur den Zucker auch verbrennt.”

Wann bekommt man ein Messgerät verordnet?

„Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat damals festgelegt, dass Leute, die gut eingestellt sind mit einem Typ-2-Diabetes, keinen Vorteil davon haben, wenn sie ständig ihre Zucker messen. Und damit spart man sich das Geld ganz einfach, das ist eine reine Finanzfrage. In dem Moment, wo aber Insulin im Spiel ist oder wo eine instabile Stoffwechsellage da ist, können auch Typ-2-Diabetiker diese Zuckermessstreifen verordnet bekommen, wenn sie ohne diese in Gefahr geraten würden.”

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Gibt es Heilungschancen bei Diabetes Typ 1?

„Da möchte ich mal positiv in die Zukunft schauen. Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt, es sieht nicht so gut aus. Mittlerweile gibt es sehr viel mehr Zellkulturexperimente, in denen wir Insulinzellen produzieren können, die hinter den Patienten transplantiert werden. Das Problem ist: Es ist eine lebenslange Immunsuppression notwendig wie nach einer Knochenmarkstransplantation. Aber ja, das wird es geben. Wann? Bald.”

Ab wann hat man das Risiko, an Diabetes zu erkranken?

„Also nur vom Süßigkeiten essen bekommt meistens keiner einen Diabetes. Es ist auch eine Frage der Dosis. Wenn man also ein Leben lang extrem viele Süßigkeiten isst, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher. Aber es spielen viele Faktoren eine Rolle. Wie vorhin schon gesagt, es ist die Genetik, es ist die Bewegung, es ist das Gewicht, es ist die Muskelmasse und die Ernährung. Und wenn es nur Süßigkeiten sind, ist es bestimmt nicht so günstig, aber es ist nicht der einzige Faktor.”

Verwendete Quellen: RTL, RKI, Bundesgesundheitsministerium