Von Niemandsland ins Finale

Wie Tuchel den FC Chelsea zum Titelanwärter formte

Thomas Tuchel
Thomas Tuchel
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08. Mai 2021 - 11:11 Uhr

Von Emmanuel Schneider

Thomas Tuchel feiert mit dem FC Chelsea gerade sein persönliches England-Märchen. Während ihm in Deutschland noch immer häufig das Image eines verschrobenen Taktikfuchses anhängt, wirkt er bei Chelsea plötzlich nahbar. Dazu kommt der sportliche Erfolg der "Blues". Von Platz acht der Tabelle ging es geradeaus auf Rang vier sowie ins Finale der Champions League. Wie hat Coach Tuchel das nur hinbekommen?

Von Paris nach London

Es ist nicht überliefert, was Thomas Tuchel zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Möglicherweise entpuppt sich aber sein Rauswurf kurz nach den Festtagen beim Glamour-Club Paris St.-Germain als eines der größeren und nachhaltigen "Geschenke" für den deutschen Trainer.

Nach einem 4:0-Sieg (!) gegen Straßburg lag für Tuchel die PSG-Kündigung unterm Tannenbaum - au revoir, auf Wiedersehen. Es war das Ende des Machtkampfs mit Sportvorstand Leonardo, der mit Mauricio Pochettino schnell einen Nachfolger an der Hand hatte. Aus Dortmund hatte kurz vor der Entlassung schon BVB-Boss Hans-Joachim Watzke mit den Worten "Thomas ist ein schwieriger Mensch, das sieht man jetzt auch in Paris" gegrüßt.

Doch der Name Tuchel ist längst ein gängiger Begriff im europäischen Fußball-Vokabular. So wurde der Schwabe auch schnell fündig, wobei man eigentlich sagen müsste: Chelsea wurde schnell fündig. Der Hauptstadtclub hing zu Beginn des neuen Jahres in der Premier League auf Rang 8 fest. Die Gruppenphase der CL packte der Club zwar souverän. Aber Euphorie? Davon gab es ungefähr so viel wie an einem regnerischen Abend bei 7 Grad – ohne Bier. Dass dieser Club wenige Monate später um die Krone des europäischen Fußballs spielen wird und Platz drei in der Liga angreift, das schien keine allzu realistische Vorstellung zu sein. Ist aber keine vier Monate später Realität.

Tuchel, der ehemalige Mainzer und Dortmunder Bundesliga-Trainer, übernahm Ende Januar an der Stamford Bridge ausgerechnet für Club-Legende und Fan-Liebling Frank Lampard. Doch die Erinnerungen an den Coach Lampard (an den Spieler natürlich nicht) verblassten schnell. Und das ist vor allem ein Verdienst von Tuchel. Das Fan-Plakat für Lampard hing aus Respekt vor ihm übrigens nur bei einem Heimspiel.

Hinten dicht!

05.05.2021, Großbritannien, London: Fußball: Champions League, FC Chelsea - Real Madrid, K.o.-Runde, Halbfinale, Rückspiel im Stamford Bridge Stadion. Chelseas Timo Werner (3.v.r) feiert mit seinem Teamkollegen sein Tor zum 1:0. Foto: Alastair Grant/
Timo Werner öffnete das Tor ins Champions-League-Finale
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Der 47-Jährige krempelte das Team an den richtigen Stellen um. Ein Beispiel: Tuchel baute Nationalspieler Antonio Rüdiger, der zuvor unter Lampard keine Berücksichtigung fand, als starken Mann seiner Verteidigung auf. Mit Erfolg. Ähnliche löste er die Situation des Ex-Gladbachers Andreas Christensen. Verteidigung ist ohnehin das Chelsea-Zauberwort. Das mit allerlei hochtalentierten Jungfußballern gesegnete Team wie beispielsweise Christian Pulisic, Mason Mount oder ja auch den millionenschweren Sommer-Zugängen Kai Havertz und Timo Werner, gewinnt die Spiele in erster Linie durch die wiedererstarkte Defensive.

Es ist wahrlich nicht so, dass Chelsea offensive Begeisterungsstürme auslöst, zudem fielen Werner und Co. zuletzt auch durch eine mangelnde Chancenverwertung auf. Dafür steht hinten meistens die Null. Und dann reicht vorne eben auch mal ein Tor zum Sieg. Davon gab es einige. Aus den 24 Partien unter Tuchel (16 Siege, sechs Unentschieden, zwei Niederlagen), kassierte Chelsea ganze 18 Mal keinen Gegentreffer, insgesamt waren es nur zehn.

Was Lampard nicht gelungen war, führt Tuchel Stück für Stück in Richtung Perfektion. Das Maximum aus dem reichlichen Chelsea-Talent herausholen, ohne dabei die defensive Stabilität zu verraten. Tuchel setzt dabei regelmäßig auf ein 3-4-1-2-System. Er stärkte Spieler wie die erfahrenen N'Golo Kanté, Thiago Silva und César Azpilicueta, ist auf der anderen Seite ein Mentor für Talente wie Callum Hudson-Odoi oder Mason Mount.

Seine Leistung: Die offensivstarken Spieler sind sich nicht zu schade für beinharte Arbeit im Rückwärtsgang. "Es war immer so, dass alle elf wirklich gelitten haben, um zu verteidigen", sagte Tuchel: "Das war vom ersten Moment an sehr besonders." Während Tuchel in Paris vor allem als Dompteur im Star-Zirkus um Kylian Mbappé und Neymar gefragt war, etablierte er bei Chelsea ein neues Defensiv-System.

In der Liga ackerte sich Chelsea in der Tabelle hoch, steht nun schon auf Platz vier und ist auf einem guten Weg, die Quali für die Champions League erneut zu packen, dazu stehen die "Blues" nach Siegen gegen Atletico Madrid, den FC Porto und Real Madrid im Finale der Champions League (29. Mai), das FA-Cup-Finale (15. Mai) kommt noch obendrauf.

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Im Finale wartet Guardiola

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© dpa, Adam Davy, mka nwi

Während Chelsea 2012 das letzte Mal im Finale der Königsklasse erreichte, ist es für Tuchel sogar das zweite in Folge. Das gelang vor ihm noch keinem anderen Coach mit zwei unterschiedlichen Clubs. Im vergangenen Jahr noch sah er von der Seitenlinie die knappe 0:1-Niederlage von Paris St.-Germain gegen den späteren "Sextuple"-Champion FC Bayern und kümmerte sich anschließend um den untröstlichen Neymar.

In diesem Jahr trifft er im Finale in Josep "Pep" Guardiola auf einen ehemaligen Bayern-Trainer, mit dem er eine Freundschaft pflegt. Die legendäre Salz-Pfeffer-Anekdote der beiden dürfte in der Vorberichterstattung zum Running Gag werden. Und klar ist, City spielt den derzeit noch schöneren Fußball, ist der Favorit im Endspiel. Aber wenn einer den Matchplan von Pep durchkreuzt, dann sollte man auf Tuchel wetten. Schon am Samstag (18.30 Uhr) beschnuppern sich die beiden Finalteilnehmer in der Liga. Es geht um viel. City kann vorzeitig Meister werden, Chelsea will den wichtigen vierten Platz verteidigen.

Vor gut einem Monat war es bereits zum ersten Pep-Tuchel-Showdown auf der Insel gekommen. Im Halbfinale des FA-Cups siegte Chelsea knapp - und natürlich zu null.

Zwei Finals und Champions-League-Rang vier in der Liga nach einem Start im absoluten Mittelmaß – Tuchel kann sich jetzt vor allem selbst beschenken.

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