"Wir haben die Mutanten im Nacken"

Warnungen vor 3. Welle: Lockdown-Verlängerung statt Lockerungen?

Wir sehnen uns danach, dass Geschäfte wieder öffnen.
Wir sehnen uns danach, dass Geschäfte wieder öffnen.
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18. Februar 2021 - 9:41 Uhr

Sind die sinkenden Zahlen ein Lichtblick?

Viele Deutsche sehnen sich nach einem Stück Normalität: Nach Öffnungen von Geschäften und Restaurants, nach der Rückkehr in Büros, in Schulen und Kitas, nach mehr sozialen Kontakten. Die Hoffnung keimt, denn seit einigen Wochen sinken die Infektionszahlen. Ein Lichtblick. Oder nicht? Experten warnen, dass sich im Hintergrund längst eine neue Welle aufschaukelt, die wieder deutlich höhere Werte bringen könnte. Schuld ist vor allem die Virus-Mutation. Rollt also eine dritte Welle auf uns zu, die unsere Hoffnung im Keim erstickt?

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Inzidenz: Kommt der Rückgang der Infektionszahlen zum Erliegen?

Laut den Daten des Robert Koch-Instituts lag die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in Deutschland vor vier Wochen noch bei 119,0. Am Donnerstag dieser Woche bei 57,1, am Tag zuvor bei 57,0. Droht der seit Wochen beobachtete Rückgang der Infektionszahlen zum Erliegen zu kommen?

Eine Einschätzung wird erst in einigen Tagen möglich sein. Experten geben zu bedenken, dass wegen der Witterungsverhältnisse manche Menschen zuletzt später als sonst üblich einen Arzt oder eine Teststelle aufgesucht haben könnten und neue Infektionen darum verzögert erfasst werden. Noch nicht absehbar ist aber vor allem die Entwicklung bei den neuen Varianten.

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Corona-Variante B.1.1.7: 22 Prozent der nachgewiesenen Fälle

Vor allem die Mutante B.1.1.7, die nach konservativen Schätzungen 35 Prozent ansteckender ist, bereitet Sorgen. "Wir haben sehr, sehr viel Respekt vor der dritten Welle", so Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia. "Das erklärt auch die Vorsicht, die wir momentan walten lassen. Obwohl die Zahlen in vielen Landkreisen schon unter 50 sind, haben wir immer noch einen Lockdown. Wir haben die Mutanten im Nacken."

Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte gerade, 22 Prozent der nachgewiesenen Fälle in Deutschland gingen den aktuellen RKI-Daten zufolge auf die britische Variante B1.1.7 zurück. Daten aus anderen europäischen Ländern wie Dänemark und Italien lassen befürchten, dass ihr Anteil auch hierzulande rasch und deutlich steigen wird.

Der System-Immunologe Michael Meyer-Hermann sagt, diese Entwicklung würde längst laufen: B.1.1.7 befinde sich bereits in einer Phase des exponentiellen Wachstums - "und die aktuellen Maßnahmen reichen nicht, um diese Entwicklung auszubremsen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Erklärgrafik: Was sind R-Wert und Inzidenz-Wert?
Kurz erklärt: Was sind R-Wert und Inzidenz-Wert?
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Wegen Mutationen: Verlängerter Lockdown statt Lockerungen?

Zwar liegt der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert seit Anfang Februar im Bereich von etwa 0,8 bis 0,9. Doch in dem Wert steckten inzwischen mindestens zwei nebeneinander laufende Pandemien, betonte Meyer-Hermann: Die Mutation B.1.1.7 expandiere mit einer Reproduktionszahl über 1.

"Grob geschätzt 1,2", sagte der Leiter der Abteilung System Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. "Das sieht man nur nicht, weil immer noch die meisten Fälle mit der alten Variante auftreten. Über kurz oder lang wird B.1.1.7 dominieren." Dann drohe eine dritte Welle, würden die Fallzahlen nicht mit anhaltenden Maßnahmen auf eine geringe Inzidenz gedrückt.

Dr. Zinn sieht dem Ende des Lockdowns trotzdem optimistisch entgegen: Eine weitere Verlängerung sei, glaube er, nicht sinnvoll. "Weil wir sehen, dass die Zahlen, obwohl die britische Variante zunimmt, weiter sinken. Das ist ein gutes Zeichen. Und wenn wir es schaffen, bis zum Ende des Lockdowns die Zahlen weiter zu drücken, wird der Lockdown auch zu Ende gehen", so der Hygiene-Experte.

Es komme allerdings darauf an, die Zahlen in Schach zu halten und aufzupassen, "dass die Mutationen nicht das Infektionsgeschehen befeuern. Wenn wir das schaffen, dann können wir den Lockdown zur Seite legen und haben keine dritte Welle. Aber das ist momentan eine ganz diffizile Phase."

Interaktive Karte zeigt bislang bekannte Verbreitung der Mutationen in Deutschland

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Coronavirus: Die aktuellen Zahlen

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 7556 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 560 weitere Todesfälle verzeichnet, wie aus Zahlen des RKI vom Mittwoch hervorgeht. Die Daten geben den Stand des RKI-Dashboards von 06.45 Uhr wieder, nachträgliche Änderungen oder Ergänzungen sind möglich.Vor genau einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 8072 Neuinfektionen und 813 neue Todesfälle verzeichnet. In diesen Zahlen waren etwa 600 Nachmeldungen von Neuinfektionen aus Nordrhein-Westfalen enthalten, die am Vortag gefehlt hatten.

Der Höchststand von 1.244 neu gemeldeten Todesfällen war am 14. Januar erreicht worden. Bei den binnen 24 Stunden registrierten Neuinfektionen war mit 33.777 am 18. Dezember der höchste Wert erreicht worden - er enthielt jedoch 3.500 Nachmeldungen.

Die Zahl der Sieben-Tage-Inzidenz lag laut RKI am Mittwochmorgen bundesweit bei 57,0 - der niedrigste Wert seit dem 22. Oktober 2020. Vor vier Wochen, am 17. Januar, hatte die Inzidenz noch bei 136 gelegen. Ihr bisheriger Höchststand war am 22. Dezember mit 197,6 erreicht worden. Die meisten Bundesländer verzeichnen laut RKI weiterhin sinkende Sieben-Tages-Inzidenzen.

Quelle: DPA/ RTL.de

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