Im Gegensatz zu Robert-Koch-Institut

Virologe Streeck erwartet keine zweite Corona-Welle

Professor Hendrik Streeck sieht keine zweite Corona-Infektionswelle auf Deutschland zurollen.
© picture alliance/Federico Gambarini/dpa

28. Mai 2020 - 11:45 Uhr

Experten-Meinungen gehen auseinander

Während Prof. Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts, in Sachen Corona fest von einer zweiten Infektionswelle im Herbst ausgeht, erwartet der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck einen anderen Verlauf. Für den Leiter der sogenannten Heinsberg-Studie sind einzelne lokale Ausbrüche wahrscheinlicher als eine Welle, die uns erneut überrollt, wie der General-Anzeiger berichtet.

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Lothar Wieler warnt vor mehreren weiteren Infektionswellen

Auf einer Pressekonferenz machte Prof. Lothar Wieler kürzlich seinen Standpunkt deutlich, was Deutschland in Bezug auf das Coronavirus erwarten sollte: "Das ist eine Pandemie. Und bei einer Pandemie wird dieses Virus so lange im Krankheitsbereich sein, bis 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert sind. Darum wissen wir, dass es mit großer Sicherheit eine zweite Welle gibt. Die Mehrheit der Wissenschaftler ist sich dessen sicher. Man geht auch davon aus, dass es eine dritte Welle gibt."

Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, sieht eine Wiederholung der ersten Welle ebenfalls als realistisch an: "Diese Gefahr besteht, wir haben jetzt im Rahmen dieser weltweiten Pandemie zwei sehr gut aufgestellte Länder gesehen, nämlich Singapur und Japan, wo man anfangs die Lage sehr gut in den Begriff bekommen hatte - und dann kam eine zweite Welle."

Lokale Hotspot-Ausbrüche laut Streeck wahrscheinlicher

Prof. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, geht ebenfalls von einem Anstieg der Infektionen im Herbst aus – von einer riesigen "Welle" allerdings nicht: "Ich glaube nicht, dass wir so ein Phänomen sehen werden", erklärt er im Interview mit dem General-Anzeiger. Es fiele immer leichter, vor dem Sturm zu warnen, auch wenn es am Ende nur regne. Für den Virologen seien einzelne lokale Ausbrüche, wie sie schon jetzt zu beobachten sind, wahrscheinlicher. Diese würden aber nicht das ganze Land überrollen: "Das wird dann eingedämmt werden von den örtlichen Gesundheitsämtern."

Anzahl von Intensivbetten „beste Kenngröße“

Konkrete Vorschläge zum weiteren Vorgehen will Prof. Streeck nicht machen: "Solche Entscheidungen müssen auf ganz anderer Ebene getroffen werden. Da spielen so viele Fragen mit rein, gesellschaftliche, soziale, psychologische, hygienische, wirtschaftliche. Ein winzig kleiner Aspekt ist die virologische Einschätzung", antwortet er im Interview auf die Frage, ob Lockdown-Maßnahmen überhaupt noch nötig seien.

Man müsse vielmehr anfangen darüber nachzudenken, wie wir mit dem Virus leben können. Für zukünftige Maßnahmen bezeichnet er die Intensivbetten in Deutschland als bessere Kenngröße als die sogenannte Reproduktionszahl: "Gesellschaftlich ist die beste und fairste Strategie, darauf zu schauen, was unsere Intensivkapazitäten sind, weil wir jedem Menschen die optimalste Versorgung zugute kommen lassen wollen."

Kekulé: Viele kleine Brandherde statt alles verschlingende Bedrohung

Alexander Kekulé, Virologe an der Uniklinik Halle, sieht die Entwicklung der Corona-Pandemie ähnlich wie sein Kollege: Im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) beschreibt er das Bild der tödlichen zweiten Welle als irreführend. Es ginge nicht um eine alles verschlingende Bedrohung ab dem Herbst, sondern eher um viele kleine Brandherde. Sollten diese allerdings nicht früh genug entdeckt und gelöscht werden, könnten sie sich zu einem großen Feuer vereinigen. Um das zu verhindert, setzt Kekulé laut RND auf konsequentes Tragen von Masken und eine massive Ausweitung der Testkapazitäten. Eine halbe Millionen Menschen müsste Deutschland dafür seiner Meinung nach bis zum Herbst täglich testen können.

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