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Viersen: Greta (†3) starb in Kita - Gutachten belastet Erzieherin Sandra M.

Rechtsmedizinerin schildert Obduktionsergebnis

Greta (†3) starb in Kita: Gutachten belastet Erzieherin Sandra M.

Bemalte Steine und Kerzen liegen vor dem Eingang einer Kindertagesstätte.
Bemalte Steine und Kerzen liegen vor dem Eingang einer Kindertagesstätte.
deutsche presse agentur

Von RTL-Reporterin Rebekka Kaiser

Der Prozess um den Kita-Mord in Viersen geht weiter: Die Kita-Erzieherin Sandra M. soll die kleine Greta (3) umgebracht haben. Die 25-Jährige bestreitet sämtliche Tatvorwürfe, eine Rechtsmedizinerin sollte nun Klarheit bringen, sie hat die Leiche des mutmaßlichen Opfers von Sandra M. untersucht. Ihr Gutachten belastet die Angeklagte im Indizienprozess weiter.

Ergebnisse der Obduktion liegen vor

Sandra M. wird vorgeworfen, die drei Jahre alte Greta im April in einer Kita in Viersen im Schlaf heimtückisch ermordet zu haben. Drei weitere Kinder soll sie während ihrer Tätigkeit als Erzieherin misshandelt haben. Eine Rechtsmedizinerin stellte am Landgericht Mönchengladbach nun die Ergebnisse der Obduktion von Greta vor.

Kein Geständnis von Sandra M.

Der einzige Mensch im Saal A100, der weiß, was wirklich an jenem Tag im April geschah, als Greta starb, ist Sandra M. Doch sie schweigt beharrlich, mit hochrotem Kopf, tränengeröteten Augen blickt sie um sich, neigt sich zu ihren Verteidigern, flüstert. Ob sie sprechen wird zu diesem Tag, das ist aber noch ungewiss. Seit Monaten sitzt die 25-jährige Erzieherin in U-Haft, mehrerer ihrer früheren Kolleg*Innen hat sie hier, in dem kühlen, großen Verhandlungssaal schon wiedergesehen. Dann sitzt sie auf der Anklagebank, während die Menschen, mit denen sie früher tagein und tagaus eng zusammengearbeitet hat, gegen sie ausgesagt haben. Meist ist Sandra M. belastet worden, als gleichermaßen unfähig und unsympathisch beschrieben worden. Es waren harte Worte, die fielen und bei denen Sandra M. oft ungläubig den Kopf schüttelte.

Etwas verloren sitzt sie auch heute wieder auf der Anklagebank, als die Rechtsmedizinerin hereinkommt. Es ist ein schwieriger Fall – es gibt kein Geständnis von Sandra M., nur ein Bündel von Indizien, Verdachtsmomenten – so soll die 25-Jährige immer diejenige gewesen sein, die in der Nähe war, wenn es den Kindern schlecht ging. Bei der kleinen Greta entdeckte die Rechtsmedizinerin Petechien im Augenbereich – also punktartige kleine Blutungen. Diese treten laut der Expertin üblicherweise auf, wenn es einen so starken Blutstau im Kopf gibt, dass kleine Gefäße platzen. Ein Fremdeinwirken hält die Rechtsmedizinerin für den Sauerstoffmangel und die damit verbundenen Petechien für wahrscheinlich. Heißt: Sandra M., die Greta an diesem Tag in der Kita betreute, könnte diese versucht haben, gewaltsam zu ersticken. Immerhin litt Greta nicht an Vorerkrankungen, die solch drastische Symptome hervorrufen hätten können. Einen plötzlichen Kindstod hielt die Rechtsmedizinerin außerdem für „sehr unwahrscheinlich.“ Üblicherweise trete der bei Babys vor dem vierten Lebensmonat abrupt auf.

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Verteidiger ziehen Verhandlungstag in die Länge

Die Verteidiger von Sandra M. versuchen immer wieder, die Aussagen der Rechtsmedizinerin zu relativieren. Ob die Petechien nicht auch durch die Reanimation hätten auftreten können? Immerhin sei der kleinen Greta doch eine sehr große Sauerstoffmaske auf das Gesicht gedrückt worden. Die Rechtsmedizinerin hält das für unwahrscheinlich, wenn sie es auch nicht völlig ausschließen kann. Sie erklärt, dass die punktartigen Stressblutungen auf der Haut üblicherweise auf ein Ersticken hindeuten würden, dass eine Reanimation durch Rettungskräfte, diese lediglich verstärken, aber aus ihrer Sicht nicht hervorrufen würden.

Ganz ausschließen könne sie es aber auch nicht, sagt sie, nachdem die Verteidiger von Sandra M. immer und immer wieder nachbohren, so dass fast schon ein Raunen und Stöhnen durch den Saal geht. Denn oft stellen die Verteidiger Fragen, die schon längst und mehrfach beantwortet worden sind, ziehen den Verhandlungstag dadurch in die Länge. Immer wieder gibt es dafür ein paar strenge Blicke von dem Vorsitzenden Richter, es ist fast ein bisschen unangenehm, wie sie sich neben ihrer Mandantin winden und versuchen, die Aussagen der Rechtsmedizinerin zu entkräften.

Drei weitere Kinder soll Sandra M. misshandelt haben

Drei weitere Kinder soll Sandra M. während ihrer Tätigkeit als Erzieherin in Kitas misshandelt haben. Sie alle wiesen – laut der Rechtsmedizinerin – ähnliche Symptome auf: Sie hatten unter anderem Atemprobleme, verdrehte Augen, waren nicht ansprechbar, bewusstlos, schläfrig oder hatten sogar – wie ein kleiner Junge – Krampfanfälle. Eines der Kinder, dass Sandra M. fast erstickt haben soll, litt an einer angeborenen Herz-Schwäche. Allerdings soll die nicht die Ursache sein für die plötzlichen und massiven Beschwerden.

Am Ende des Verhandlungstages sieht der Vorsitzende Richter fast etwas müde aus, vielleicht haben ihn aber auch die sich immer wieder wiederholenden Fragen der Verteidiger mürbe gemacht. Ob Sandra M. sich nicht äußern wolle, zu dem, was in den Kitas passiert sei, fragt er. Die Verteidiger blicken sich kurz etwas unschlüssig an, lehnen dann aber ab. Irgendwie passe es alles nicht so zusammen, betont der Richter. So will Sandra M. laut der polizeilichen Ermittlungsakte einmal ausgesagt haben, dass sie die bewusstlose Greta an den Händen gefasst, geschüttelt habe. Dazu im Widerspruch steht aber, dass die Kita-Erzieherin ein Mädchen vorgefunden haben, das die Decke bis unter das Kinn hochgezogen bewusstlos im Bett lag.

Nur Sandra M. weiß offenbar, was wirklich in dem Schlafssaal in der Kita geschah, in den letzten Lebensminuten von Greta. Einem kleinen, als fröhlich beschriebenen Mädchen, das immer gerne in die Kita gegangen ist, sich auf den Tag gefreut hatte – und nie zurückkam.