"Angst in der ohnehin schon traumatisierten Bevölkerung"

Verzweifelter Hilferuf: Ahrtal-Gemeinden schreiben offenen Brief an Merkel und Dreyer

05. August 2021 - 10:47 Uhr

"Eine Apokalypse" habe "das Ahrtal verwüstet“

Drei Wochen ist es nun her, dass unvorstellbare Regenmassen ganze Dörfer zerstörten, viele Todesopfer forderten, Existenzen zerstörten. Besonders stark betroffen: Das Ahrtal. Die Gemeinden haben sich nun zusammengeschlossen und einen offenen Brief an die Kanzlerin und an die Ministerpräsidentin Malu Dreyer geschrieben.

ARCHIV - 18.07.2021, Rheinland-Pfalz, Schuld: Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.r.) und Malu Dreyer (2.v.r,SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, gehen durch das vom Hochwasser verwüstete Dorf Schuld in der Nähe von Bad Neuenahr-Ahrweiler. (
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, gehen am 18. Juli 2021 durch das vom Hochwasser verwüstete Dorf Schuld in der Nähe von Bad Neuenahr-Ahrweiler.
© dpa, Christof Stache, exa jai

Mit Sorge blicken die Bürgermeister auf den Winter

"In den Abendstunden des 14. Juli 2021 hat eine Apokalypse das Ahrtal verwüstet", beginnen die 14 Ortsbürgermeister den Brief. Sie schreiben über das unglaubliche Maß an Zerstörung und die überwältigende Hilfe von Freiwilligen.

Doch die Rede ist auch von großer Angst: "Die Gefahr von Seuchen und Krankheiten steigt mit jedem Tag, da eine intakte Frischwasserversorgung und Abwasserentsorgung in großen Teilen nicht mehr existent ist. Demenentsprechend steigt auch die Angst in der ohnehin schon stark traumatisierten Bevölkerung."

Mit Sorge blicken die Bürgermeister auf den Winter: "Bald werden die Temperaturen kälter, besonders nachts können die Menschen dann nicht mehr in Häusern ohne Strom und Heizung bleiben und es müssen Winterquartiere errichtet werden".

Bürgermeister formulieren 10-Punkte-Katalog

Auch wenn die große Spendenbereitschaft der Bevölkerung und auch die angekündigten Hilfen der Politik Hoffnung geben, so wächst doch die Sorge, dass das alles nicht "ansatzweise ausreichen" werde. Die Bürgermeister haben daher einen 10-Punkte-Forderungs-Katalog an Merkel und Dreyer formuliert:

Sie fordern:

RTL NEWS empfiehlt

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  • Einen Sonderbeauftragten mit umfassenden Kompetenzen. Dieser müsse einen Wiederaufbauplan entwickeln und dessen Umsetzung leiten
  • Kurzfristige Perspektive für Strom. Wasser, Abwasser und Heizung
  • Schneller Aufbau der Infrastruktur
  • Schulen, Kitas, Krankenhäuser reaktivieren oder ersetzen
  • Sicherheit für zukünftige Hochwasser – ein verlässliches Warnsystem
  • Hochwassertaugliche Bauweise und neue Baugebiete
  • Elementarversicherung für alle zu akzeptablen Konditionen
  • Betriebe, Weinbau und Tourismus sofort unterstützen
  • Hilfe für Privatpersonen
  • Ein Programm zur Traumabewältigung

Am Dienstag waren Armin Laschet und Olaf Scholz im Flutgebiet unterwegs. Finanzminister Scholz versprach: "Das was man mit Geld in Ordnung bringen kann, das werden wir mit Geld in Ordnung bringen." Er sprach sich allerdings bereits gegen einen Sonderbeauftragten aus. "Das wäre bürokratische Tätigkeitsvermehrung und würde die Sache eher komplizierter machen", sagte er am Mittwoch im WDR. "Ich bin überzeugt, die Länder müssen diese Sache in die Hand nehmen und sich dabei auf die Unterstützung des Bundes verlassen können. (...) Also Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sollen das direkt mit den Gemeinden und Kreisen machen, und dann geht's am schnellsten. Wir sorgen dafür, dass das Geld bereitsteht."

Viele Forderungen des Offenen Briefs seien bereits umgesetzt oder auf dem Wege der Umsetzung, antwortete der Chef der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, Fabian Kirsch auf den Brief. In einer auch dem SWR vorliegenden Stellungnahme hieß es: "Der Bund hat Hilfen zugesagt, das Land Soforthilfen beschlossen und ein Spendenkonto eingerichtet, erste Auszahlungen laufen." Im Innenministerium in Mainz koordiniere ein Wiederaufbaustab die Arbeiten. Die finanzielle Absicherung über einen "Nationalen Wiederaufbaufonds" stehe dann am 10. August auf der Tagesordnung der Ministerpräsidenten.

Malu Dreyer erklärte: "Es ist richtig und wichtig, dass wir den nationalen Aufbaufonds über ein Bundesgesetz schnell auf den Weg bringen". Sie betonte: "Wir brauchen schnell Klarheit darüber, wie das Geld bei den Betroffenen in den Katastrophengebieten verlässlich ankommt." (eku)