Reporter findet Junge nach 35 Stunden Suche in Schlucht

Sandalen & eine Blutspur: Vermisstenfall Nicola T. (1) gibt Ermittlern Rätsel auf

Der kleine Nicola T. (1) auf dem Arm seiner Mute
Der kleine Nicola T. (1) auf dem Arm seiner Mute
© AP, Giuseppe Cabras

24. Juni 2021 - 12:08 Uhr

Eltern meldeten ihr Kind erst nach 9 Stunden als vermisst

Als TV-Journalist berichtet Giuseppe Di Tommaso normalerweise über Schicksale – dieses Mal jedoch wurde er selbst Teil einer Geschichte: Er war es nämlich, der den in Italien vermissten Nicola (1) nach 35 bangen Stunden der Suche in einer Schlucht entdeckte. Ein Zufall, wie er selbst im Interview erzählt. Noch immer gibt es viele Ungereimtheiten in dem Fall, denen die Staatsanwaltschaft Florenz nun auf den Grund gehen muss. Vor allem die Rolle der Eltern steht im Fokus der Ermittler.

Purer Zufall soll Giuseppe Di Tommaso zu Nicola geführt haben

Der Junge soll nachts ins Gebirge ausgebüxt sein.
Der Junge soll nachts ins Gebirge ausgebüxt sein.
© dpa, sab

Zwei Tage lang hatten sich rund 1.000 Menschen an der Suche nach dem 21 Monate alten Nicola T. beteiligt. Taucher, Drohnen, Spürhunde und ein Hubschrauber der italienischen Luftwaffe samt Wärmebildkamera waren im Einsatz. Doch am Ende war es nicht Hightech, sondern der Zufall, der Giuseppe Di Tommaso nach eigener Aussage zu dem kleinen Jungen führte. Der Reporter arbeitet beim TV Sender RAI (Radiotelevisione Italiana), war mit seiner Crew im Auto auf dem Weg nach Mugello, als er plötzlich eine Panikattacke bekommen habe. "Ich war kurzatmig und bat darum, auszusteigen", sagte er der italienischen Zeitung "Corriere della Serra".

Er sei daraufhin zu Fuß weitergegangen und an einer Stelle, wo sich der Wald zu beiden Seiten öffnete, stehen geblieben, um kurz zu verschnaufen. "Dann hörte ich ein Stöhnen, ganz schwach. Ich dachte, es wäre nur Einbildung. Aber dann hörte ich ein weiteres Stöhnen", so Di Tommaso. "Also rief ich 'Nicola, Nicola!'. Und eine Stimme von der Böschung antwortete 'Mama!'"

„Ein unbeschreibliches Gefühl, ein Wunder“

Durch Zufall fand TV-Reporter Giuseppe Di Tommaso den vermissten Nicola T. (1) im Wald.
Durch Zufall fand TV-Reporter Giuseppe Di Tommaso den vermissten Nicola T. (1) im Wald.
© Instagram / giuseppeditommaso78

Der Journalist sei blindlinks losgestürzt, habe sich am Fuß verletzt. Dann sei ein Polizei-Auto vorbeigekommen, dass er gestoppt habe. "Ich rief: 'Er ist da unten, das Kind ist da unten, ich habe ihn gehört!'". Zunächst hätten die Carabinieri ihm nicht geglaubt. Es könne auch ein Reh gewesen sein, so die Vermutung der Polizisten. Doch Di Tommaso ließ nicht locker: "Rehe sagen nicht 'Mama!', habe er gesagt und sei mit ihnen die Böschung hinunter gelaufen, in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren.

Der Polizist Danilo Ciccarelli stieg etwa 25 Meter in die Schlucht hinab. Später berichtete er auf einer Pressekonferenz: "Ich habe Schreie gehört und erst gedacht, dass ein Tier herauskommt." Tatsächlich war es der kleine Nicola. Circa zweieinhalb Kilometer von seinem Elternhaus in Mugello entfernt, aus dem er nach derzeitigem Stand der Ermittlungen rund 35 Stunden zuvor in der Nacht auf den 22. Juni abgehauen war. "Ein unbeschreibliches Gefühl, ein Wunder", sei das gewesen, berichtet Ciccarelli.

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Staatsanwaltschaft ermittelt - schließt jedoch ein Verbrechen aus

"Nicola hat geweint, er hat immer wieder nach seiner Mutter gerufen und sich erst beruhigt, als ich ihn wieder in ihre Arme gegeben habe", so der TV-Reporter Di Tommaso. "Auch sein Vater hat geweint und nicht aufgehört, uns zu danken." Nicola sei bis auf ein paar Kratzer, blaue Flecke und einer Beule am Kopf unversehrt gewesen und wurde vorsorglich ins Kinderkrankenhaus Meyer in Florenz gebracht. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut. Ärzte sagten "La Repubblica": "Er bleibt unter Beobachtung und wird morgen entlassen. Der Kleine hat sich ausgeruht und mit Appetit gegessen."

Die Staatsanwaltschaft hat nun routinemäßig ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Zwar glaube man nicht an eine Straftat, wie zum Beispiel eine Entführung, doch es seien Fragen offen, die noch abschließend zu klären seien. Dabei gehe es vor allem darum, zu untersuchen, ob die Eltern womöglich ihre Aufsichtspflicht verletzt, das Kind sogar vernachlässigt haben könnten.

Viele Fragen im Fall des wieder aufgetauchten Nicola T. (1)

In den italienischen Medien werden vor allem vier Aspekte heiß diskutiert. Einmal geht es um die Zeitverzögerung, mit der das Kind vermisst gemeldet worden war. Wie unter anderem auch "Corriere della Sera" berichtet, hätten die Eltern am 21. Juni gegen Mitternacht das Bett des Jungen verwaist vorgefunden und anschließend mit Dorfbewohnern die abgelegene Gegend um das Haus durchkämmt. Erst neun Stunden später, am nächsten Morgen gegen neun Uhr, sollen sie die Polizei alarmiert haben.

Die Erklärung von Leonardo und Giuseppina T., die mit ihren zwei kleinen Söhnen in einem Ortsteil der Gemeinde Palazzuolo sul Senio in der Region Mugello (nordöstlich von Florenz) leben: "Wir haben Zeit verschwendet, weil wir dachten, er wäre in der Nähe unseres Hauses." So werden sie von "Libero Quotidiano" zitiert. Mehrere Zeitungen berichten zudem, dass der Junge öfter schlafgewandelt sein soll. Eine Behauptung, die seitens der Ermittlungsbehörden bislang nicht kommentiert worden ist. Der Vater äußerte "Today.it" zufolge die Vermutung, dass Nicola aufgewacht sein könnte, draußen nach Mutter und Vater suchte und sich dann im Dunkel des Waldes verirrte.

Rätsel um Sandalen und eine Blutspur

Zudem wird darüber diskutiert, dass der Junge, der am 21. Juni gegen 19 Uhr zu Bett gegangen sei, Sandalen trug. Die Frage, die hierzu vielfach zu lesen ist, lautet: Kann ein 21 Monate altes Kind sich schon selbst Schuhe mit Klettverschlüssen anziehen? Und wenn ja, würde es das wirklich tun, wenn es nachts das Haus verließe, etwa, um seine Eltern zu suchen, die an jenem Abend im Garten saßen?

Auch die Strecke, die der Junge in knapp 35 Stunden zurückgelegt haben soll, gibt Anlass für Spekulationen. Mindestens drei bis vier Kilometer soll Nicola gegangen sein – durch extrem unwirtliches, felsiges Gelände und ohne etwas zu essen oder zu trinken. Wie kann das sein? Welchen Weg hat er genommen, wo geschlafen? "Ich habe den Eindruck, dass er die Nacht nicht in der Schlucht verbracht hat, in der wir ihn gefunden haben, weil das Gras dort nirgends plattgedrückt war", so der Polizist Ciccarelli. Der Vater des Jungen sagt, Nicola sei es gewohnt, viel draußen zu sein und auch lange Wege zu gehen.

"Er ist ein sehr aktives Kind, sehr lebhaft, er könnte einen Kilometer pro Stunde laufen, wir wissen nicht, wie weit er gekommen sein mag", hatte der Bürgermeister von Palazzuolo sul Senio, Philip Gian Piero Moschetti, während der Suchaktion erklärt. "Er war es gewohnt, das Haus zu verlassen und im Freien zu sein."

Eine kleine Blutspur im Haus der Familie soll laut "Corriere della Sera" weiterhin Gegenstand der Untersuchungen sein. Noch sei unklar, um wessen Blut es sich handele und ob ein Zusammenhang zu Nicolas Verschwinden bestehen könnte. Angeblich könne die Spur auf einen Sturz des Kindes weniges Stunden vor seinem Verschwinden zurückzuführen sein, so die Zeitung. Vielleicht habe der Junge sich auch verletzt, als er in der Nacht die Tür öffnete.