Urteil im 15 Jahre alten Geschwisterstreit

Zerrüttete Familienverhältnisse und ein versuchter Mord: Schwester stach auf Bruder ein

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Die 35-Jährige wurde zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt
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von Katharina Spreier und Kristina Hoffmann

Eine „ungewöhnliche Lösung“, wie auch der Richter diese betitelte, fand das Landgericht Hildesheim im Prozess gegen eine 35-Jährige. Die Frau, die vor fast 15 Jahren ihrem eigenen Bruder einen Messerstich in den Rücken versetzt haben soll, muss für die Tat nicht ins Gefängnis! Sie ist wegen versuchten Mordes zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden. Wie kam das milde Urteil zustande?

Im Kinderzimmer zugestochen

Dass die damals 21-Jährige ihren Bruder mit einem Messer angegriffen hat, hat sie von Anfang an zugegeben. Sie habe ihn lediglich verletzen wollen, hatte aber nie die Absicht, ihn zu töten. Kurz vor der Tat soll er sie im Schlaf mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben - eine von vielen Streitereien, die sich seit der frühen Kindheit im geteilten Kinderzimmer abgespielt haben sollen. Sie habe im Affekt gehandelt, sei "hilflos, verzweifelt und panisch" gewesen, wie heute aus dem Urteil hervorging.

Für versuchten Mord eigentlich drei bis 15 Jahre Haft - nicht in diesem Fall

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Die Verteidigerin (links) der 35-Jährigen hatte einen Freispruch gefordert.
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Für die 35-Jährige aus Schellerten im Kreis Hildesheim wirkten sich mehrere Faktoren strafmildernd aus: Da die Tat 15 Jahre zurückliegt, kommt der zeitliche Abstand zum Tragen. Zudem trug ihr Bruder keine schweren Verletzungen davon, die Frau ist nicht weiter straffällig geworden und mit ihren damals 21 Jahren lag sie nur knapp über der Grenze des Jugendstrafrechts. Verteidigerin Anne Deneke zeigt sich im RTL-Gespräch aber nicht ganz zufrieden mit dem Urteil: „Ich habe einen Freispruch beantragt und von daher ist das ein Ergebnis, mit dem meine Mandantin sicher erstmal leben kann, aber für richtig halte ich es nicht.“ Ihre Mandantin sei einfach froh, nicht ins Gefängnis zu müssen.

Ihr Bruder hingegen leide noch heute unter den Folgen der Tat. Beim Prozessauftakt wurde er per Video in den Gerichtssaal geschaltet, auch heute war er nicht anwesend. Zu groß sei die psychische Belastung für den 34-Jährigen.