Teddy-Mord im Kinder-Kino

FSK-0-Film zu brutal? Kinder stürmen weinend aus „Bibi und Tina“

Bibi & Tina - Einfach anders Zaubern und Pferde
02:23 min
Zaubern und Pferde
Bibi & Tina - Einfach anders

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von Madeline Jäger

„Mama, ich will in einen anderen Film!“, ruft ein weinendes Kind in einem Kinosaal in Köln. Auf der Leinwand rennt gerade ein Vampir einem Mann hinterher, verfolgt ihn und schließt ihn in einem Sarg ein. Es ist die Szene eines Films, auf den so viele Kinder sehnlichst gewartet haben: „Bibi und Tina – Einfach anders“ - der neueste Streifen aus der erfolgreichen Kinoserie. Und das weinende Kind ist nicht das einzige, das Angst hat und den Saal verlassen will. Dabei ist der Film ab FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) 0 freigegeben. Einige Szenen sind laut besorgter Eltern jedoch albtraumverdächtig.

Welche Folgen können als brutal empfundene Szenen beim Medienkonsum für Kinder haben, und wie kommt die Bewertung der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) zustande? Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Miriam Hoff erklärt, wie Eltern damit umgehen können, wenn der Kinobesuch nicht so harmonisch abläuft wie erhofft.

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Neuer „Bibi und Tina“-Film: Mann köpft Teddy mit Schwert

Die Botschaft des neuen „Bibi und Tina“-Films - „anders zu sein ist total in Ordnung“ – kommt bei Eltern, die den neuen Streifen zusammen mit ihren Kindern aktuell im Kino angeschaut haben, sehr gut an. Anders sieht es jedoch mit einigen Filmszenen aus, die laut Eltern als brutal empfunden werden.

Unter anderem köpft ein Mann einen Teddy mit einem Schwert. Außerdem würden Meteoriteneinschläge gezeigt und ein Alien-Besuch, erzählt eine RTL-Zuschauerin, die bei besagter Vorführung im Saal anwesend war. Laut ihr haben daraufhin etwa vierjährige heulende Kinder mit ihren Müttern den Kinosaal fluchtartig verlassen. Was macht das mit Kindern, wenn sie sich Serien oder Film-Szenen anschauen, die sie als brutal und gewaltvoll empfinden? Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Miriam Hoff aus Frankfurt am Main klärt auf.

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Expertin erklärt: „Für Kinder sehr beängstigend“

Gerade für Kinder im Vorschulalter bis zu sechs Jahren seien die beschrieben Szenen schon „sehr bedenklich“, schildert die Expertin. „In diesem Alter können Kinder nicht zwischen Realität und Fantasie unterscheiden. Noch dazu haben wir zum Beispiel mit dem Teddy eine Figur, die in der kindlichen Lebenswelt einen großen Raum hat. Wenn dem Bären dann der Kopf abgeschlagen und ihm etwas Böses angetan wird, ist das für viele Kinder sehr beängstigend, weil es sehr nah an ihrer Realität dran ist“, erklärt Miriam Hoff.

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Tatsächlich seien Albträume als Folge solcher Szenen keine Seltenheit. „Es kann auch passieren, dass Kinder glauben, dass ihnen selbst Gewalt angetan werden könnte, wenn es dem Teddy passiert“, so Hoff. Je nach Kind seien psychosomatische Beschwerden als Folge möglich. Jedes Kind habe aber unterschiedliche Anfälligkeiten für Ängste.

„Es gibt Kinder, die das beiseite schieben können, es gibt aber auch Kinder, die zum Beispiel schon einen Todesfall in der Familie miterlebt haben oder eine Trennung der Eltern, und diese Kinder sind besonders empfänglich für solche Szenen. Bei sensiblen Kindern bleiben solche Bilder lange im Kopf“, warnt die Expertin. Brutale Szenen könnten für Kinder auch ein Trigger sein und sie an negative Erfahrungen erinnern, die sie bereits durchgemacht haben.

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Eltern sollten die Situation nicht fluchtartig verlassen

Wichtig sei jedoch, dass Eltern mit ihren Kindern nicht fluchtartig den Kinosaal verlassen, sondern ihr Kind beobachten und Kontrolle über die Situation vermitteln. Sonst könnten Kinder noch mehr Angst bekommen.

„Wenn man das Kino panikartig verlässt, signalisiert man dem Kind, dass man auch als Elternteil eine unmittelbare Bedrohung empfindet. Das wollen wir dem Kind nicht spiegeln. Sondern dass wir als Eltern die Situation unter Kontrolle haben und kein Grund zur Sorge oder Angst besteht, weil es keine reale Situation, sondern nur ein Film ist“, empfiehlt Hoff. Gut sei sich mit dem Kind zu besprechen, den Saal kurzzeitig zu verlassen und dann aber wieder Platz zu nehmen, damit das Kind auch das gute Ende des Films sieht und die Erfahrung positiv abschließt.

Im Nachhinein sollten Eltern dann noch einmal das Gespräch mit ihrem Kind suchen. Gut sei, wenn das Kind selbst noch einmal von den Szenen erzählt, oder ein Bild malt, um alles optimal zu verarbeiten.

Ihre Erfahrung ist uns wichtig: Hat Ihr Kind auch schon einmal nach einem Film Angst bekommen?

Können die Szenen bleibende Schäden hinterlassen?

Und können solche Eindrücke trotzdem bleibende Schäden hinterlassen? „Es kommt darauf an, was das Kind vorher individuell schon erlebt hat. Wenn ein Kind bereits einen Verlust erlebt hat und dann sieht, wie sich jemand in einen Sarg legt, dann kann es ein traumatisches Erlebnis triggern und das Kind wieder aufwühlen“, schildert Hoff. Eine Retraumatisierung sei möglich, wenn bei einem Kind verschiedene ungünstige Voraussetzungen zusammenkommen.

Umso wichtiger sei, dass Eltern mit Kindern nach einem solchen Kinobesuch darüber sprechen, um das Erlebte aufzuarbeiten, empfiehlt die Expertin. Doch wie kommt es, dass solche kontroversen Szenen in einem Film gezeigt werden, der ab 0 Jahren freigegeben wurde? Auf RTL-Anfrage erklärt die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), dass sie den Film durchweg als „kindgerecht“ aufbereitet empfindet.

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Das sagt die FSK

„Der Film „Bibi und Tina - Einfach anders“ ist ein Kinder-Abenteuerfilm um die patente junge Hexe Bibi und ihre beste Freundin Tina. Auf dem Reiterhof sorgen nicht nur drei ungewöhnliche Feriengäste für Aufregung, auch Meteoritenschauer und Kornkreise halten die jungen Heldinnen auf Trab. Die schwungvoll und mit viel Humor sowie phantastischen Elementen erzählte Geschichte ist jederzeit kindgerecht erzählt, in bunten Bildern und mit sympathischen, starken Protagonistinnen, die sich als Identifikationsfiguren für junge Zuschauende eignen“, so eine Sprecherin der Obersten Landesjugendbehörde bei der FSK. Zu den angesprochenen Szenen heißt es:

„Zahlreiche realitätsferne Überzeichnungen, slapstickhafte Momente und Musicaleinlagen sowie die Betonung positiver Werte wie Freundschaft und Zusammenhalt tragen ebenfalls dazu bei, dass der Film schon für Kinder im Vorschulalter ohne Beeinträchtigungen zu verarbeiten ist“, so die Sprecherin weiter.

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FSK-Kennzeichnungen sind keine pädagogischen Empfehlungen

Hierbei sei allerdings zu sagen, dass die FSK-Kennzeichnungen keine pädagogischen Empfehlungen sind.

In einem Ausschuss aus Vertretern des Jugendschutzgesetzes, aber auch von Kinderärzten und Psychologen, Eltern und mehr – würden die Altersbeschränkungen aktuell festgelegt. Aber: „Eine letztlich "objektive richtige" Freigabe kann es nicht geben. Zu unterschiedlich seien die Filme, zu unterschiedlich seien die Konsumbedingungen und -möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Die Prüfer und Prüferinnen würden aber immer versuchen, dies zu berücksichtigen.