Hamburger Studie mit Corona-Intensivpatienten

Sind Männer mit wenig Testosteron gefährdeter, an COVID-19 zu sterben?

Laut einer Studie des UKE Hamburg ist ein niedriger Testosteronspiegel ein Risikofaktor bei männlichen Corona-Patienten
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14. Mai 2020 - 20:20 Uhr

Sexualhormon könnte Schlüssel für höheres Risiko von Männern sein

Haben Männer einen niedrigen Testosteronspiegel und infizieren sich mit dem Coronavirus, ist das Risiko, dass sie daran sterben, deutlich höher. Diese These stellte jetzt das Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Studie auf, für die die ersten 45 COVID-19 Patienten untersucht wurden, die dort auf der Intensivstation behandelt worden waren. Kann das sein, und was bedeutet das für das Corona-Risiko von Frauen? Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, gibt uns seine Einschätzung.

Sterberisiko für Männer generell höher

Schon seit Längerem häufen sich die Beweise dafür, dass Männer grundsätzlich stärker gefährdet sind, an einer Corona-Infektion zu sterben, als Frauen – doch warum, ist bisher noch nicht geklärt. Vor diesem Hintergrund untersuchte das UKE die Hormone von 35 männlichen und 10 weiblichen COVID-19-Intensivpatienten.

Es zeigte sich, dass die Mehrheit der Männer einen niedrigen Testosteronspiegel hatte – insbesondere die neun Männer, die verstarben. "Niedrige Testosteronwerte scheinen bei Männern also ein Risikofaktor für schwere oder tödliche Verläufe bei sogenannten zytokin-induzierenden Atemwegsviren zu sein", erklärt Prof. Gülsah Gabriel, eine der Forscherinnen, der "MailOnline".

Das Coronavirus ist ein solcher Virus, durch den der Körper Zytokine produziert – also Botenstoffe, die schwere Entzündungsreaktionen auslösen können. Ein sogenannter Zytokinsturm in der Lunge gilt als eine der Haupttodesursachen bei Corona-Infizierten. Umgekehrt scheint Testosteron einen dämpfenden Effekt auf diese lebensgefährliche Komplikation zu haben, so Prof. Gabriel. "Bei Männern mit normalem Testosteronlevel tritt kein Zytokinsturm auf, weshalb die Wahrscheinlichkeit, dass sie überleben, größer ist."

Im Video: Das passiert bei einer Corona-Infektion im Körper

Dr. Zinn sieht die Annahme der Studie, die noch nicht von anderen Fachleuten überprüft wurde, mit Vorsicht: "Das ist leider eine unvollständige Information, weil wir nicht wissen, wie alt die Männer waren und was es für Risikofaktoren gab." Aber was bedeuten die neuen Informationen im Bezug auf Frauen – die ja von Natur deutlich weniger Testosteron produzieren?

Warum ist das Corona-Risiko für Frauen niedriger?

"Wir wissen schon seit Längerem, dass im Zusammenhang mit Virusinfektionen tatsächlich ein gewisser protektiver Effekt von weiblichen Hormonen diskutiert wird. Aber aufgrund dieser niedrigen Fallzahl und der wenigen Information würde ich daraus jetzt noch keine klare Information machen, dass Testosteron wirklich ein Risikofaktor ist", so Dr. Zinn.

Laut dem Experten haben Männer häufiger Vorerkrankungen und anderen Risikofaktoren als Frauen – und das sei auch der Grund, warum sie bei einer Corona-Infektion generell gefährdeter sind: "Adipositas, chronische Herzkrankheiten, Diabetes, Rauchen – das führt ganz sicher dazu, dass Männer gefährdeter sind. Bei den Frauen haben wir noch nicht genug wissenschaftlichen Output, dass wir sagen könnten, die Hormone schützen Frauen ganz effektiv."

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