Lkw-Attentat in Berlin mit zwölf Toten

Gutachten zu Breitscheidplatz-Anschlag: War Anis Amri gar nicht der (alleinige) Täter?

Nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz fahndete die Polizei europaweit nach dem Islamisten Anis Amri aus Tunesien. Nahe Mailand wurde er auf der Flucht erschossen. Nun kommen Zweifel an seiner (alleinigen) Täterschaft auf.
Nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz fahndete die Polizei europaweit nach dem Islamisten Anis Amri aus Tunesien. Nahe Mailand wurde er auf der Flucht erschossen. Nun kommen Zweifel an seiner (alleinigen) Täterschaft auf.
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08. März 2021 - 17:10 Uhr

DNA-Spuren einer unbekannten Person in Lkw-Fahrerkabine

Saß eine bisher unbekannte Person hinter dem Steuer des Lastwagens, der im Dezember 2016 auf einen Berliner Weihnachtsmarkt raste? Diese Frage wirft ein neues Gutachten des rechtsmedizinischen Instituts der Universitätsklinik Schleswig-Holstein auf, aus dem das RedaktionsNetzwerk Deutschland zitiert.

Weihnachtsmarkt-Anschlag: Wer saß am Steuer des Lkws?

ARCHIV - 19.12.2016, Berlin: Polizisten und Rettungskräfte stehen vor der Gedächtniskirche in Berlin. Im Dezember 2016 richtete Anis Amri auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ein Blutbad an. (zu dpa "Untersuchung zu Terror auf dem Bre
Polizisten und Rettungskräfte stehen vor der Gedächtniskirche in Berlin.
© dpa, Michael Kappeler, jhe nic fux fux dna kde pil exa

Dem Gutachten zufolge, das vom Untersuchungsausschuss des Bundestages in Auftrag gegeben worden sei, soll Anis Amri am Tag des Anschlags auf den Breitscheidplatz womöglich nicht alleine gewesen sein – vielleicht sei er nicht einmal der Täter. Die Rechtsmediziner haben etwa DNA-Spuren an der Pistole ausgewertet, mit der Amri den Lkw-Fahrer Lukasz U. getötet haben soll. Zudem seien Spuren in der Fahrerkabine des Lastwagens untersucht worden, der als Mordwerkzeug missbraucht wurde und elf Menschen in den Tod riss.

Zur Pistole heißt es: "Es kann nicht sicher festgestellt werden, dass die bei Amri sichergestellte Waffe auch die Tatwaffe war, die gegen Urban eingesetzt worden war", zitiert das RND aus dem Gutachten. Das Projektil und das nach dem Schuss übrig gebliebene Projektilfragment, "die bei der Obduktion Urbans aus dessen Schädel gesichert worden waren, waren zu deformiert, um eine ballistische Zuordnung zur oben genannten Waffe zu ermöglichen".

Zu Spuren aus der Fahrerkabine: Es sei "nicht ableitbar, dass eine bestimmte Person (zum Beispiel Amri) den Lkw gefahren (…) oder sich lediglich als Beifahrer in der Führerkabine aufgehalten hat". Eine andere Person (unbekannte Person 2 / UP2) habe "in vergleichbarem Ausmaß DNA-Spuren im Lkw-Führerhaus hinterlassen wie Amri". Es sei daher "grundsätzlich nicht auszuschließen bzw. verglichen mit Amri nicht weniger oder mehr plausibel, dass UP2 den Lkw gefahren haben kann".

Anschlag in Berlin: Wer ist "UP2"?

An der alleinigen Täterschaft Amris hatte es schon in der Vergangenheit Zweifel gegeben. Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic sagte dem RND, dass sie zumindest auch andere Szenarien in Betracht ziehen würde: Es könne so sein, wie es das Bundeskriminalamt vermutet, nämlich, dass Amri als einsamer Wolf und alleine agierte. Es könne aber auch sein, "dass noch weitere Leute mitgemischt haben, ohne dass man das eingehend untersucht hat".

Vor allem, die Tatsache, dass der Tunesier am Tattag einfach so einen 40-Tonner gesteuert haben soll – ohne jegliche dokumentierte Fahrpraxis – werfe Fragen auf, wie Parteikollege Konstantin von Notz im RND-Gespräch zu Bedenken gibt. "Man sollte deshalb die Frage aufwerfen, wer die UP2 eigentlich ist", so der Politiker, der wie Mihalic im Untersuchungsausschuss sitzt. Zudem habe Amri sich in islamistischen Gruppen bewegt, ein Netzwerk gehabt. Auch das könne zumindest ein Hinweis darauf sein, dass er den Anschlag nicht alleine verübte.

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Polizisten stehen vor dem zerstörten LKW am 20.12.2016 am Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.
© dpa, Michael Kappeler, mkx pil fux wok

Anis Amri soll nach Erkenntnissen des BKA einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gesteuert haben. Elf Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. Den Lastwagenfahrer hatte der 23-jährige Tunesier zuvor umgebracht. Vier Tage nach dem Anschlag ging Amri der Polizei bei einer Routinekontrolle nahe Mailand ins Netz. Die Ermittler vermuten, dass der Terrorverdächtige über Nordrhein-Westfalen unbemerkt nach Chambéry in Südfrankreich reiste und von dort aus nach Mailand weitergefahren war. Er sei gegen vier Uhr nachts zu Fuß unterwegs gewesen. Als die Beamten seinen Ausweis kontrollieren wollten, habe er sofort seine Waffe gezogen und gefeuert. Die Beamten, von denen zwei verletzt wurden, erwiderten das Feuer und töteten Amri.

In einem Interview erhob ein V-Mann später schwere Vorwürfe: Er habe Amri beschattet, die Behörden vor dem radikalen Islamisten ab November 2015 gewarnt. Doch niemand habe reagiert. Auch der Abschlussbericht des Sonderermittlers Bruno Jost offenbarte, dass mehrere Polizeibehörden gravierende Fehler gemacht haben. Sowohl die Berliner Kriminalpolizei, als auch die Polizei in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg seien nicht angemessen mit dem Gefährder umgegangen, der den Behörden als Islamist, Drogenhändler und Ausweisfälscher bekannt war. Zeitweise hatte die Staatsanwaltschaft sogar gegen zwei Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) ermittelt. Den Polizisten war vorgeworfen worden, nachträglich Akten zum mutmaßlichen Attentäter Amri manipuliert zu haben, um eigene Fehler zu verschleiern. Später wurden die Ermittlungen jedoch eingestellt. Ein dringender Tatverdacht konnte damals nicht nachgewiesen werden.