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Team Wallraff: So viel Zahlenakrobatik steckt in der Arbeitslosenquote

Team Wallraff: So viel Zahlenakrobatik steckt in der Arbeitslosenquote

Mitarbeiter bestätigen jetzt die Tricks der Agenturen

Ohne Job zu sein ist schlimm - und trotzdem ist eine Arbeitslosenquote von 6,8 Prozent etwas, auf was deutsche Politiker stolz sind. Eine solche Arbeitslosenquote gilt im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn als niedrig. Aber wie viel Zahlen-Zauberei steckt in der Statistik? Thorsten Misler und das 'Team Wallraff' haben verdeckt recherchiert - und etliche Missstände in Job-Centern aufgedeckt. Mitarbeiter bestätigen jetzt die Tricks der Agenturen.

ARCHIV - Ein Mann sitzt am 29.10.2014 in der Bundesagentur für Arbeit in Lehrte in der Region Hannover (Niedersachsen). Die Bundesagentur veröffentlicht am 31.03.2015 die Arbeitsmarktzahlen in Niedersachsen für März 2015. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu lni vom 31.03.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Arbeitsmarkt
dpa, Julian Stratenschulte

Rainer L. ist seit fünf Jahren Angestellter im Jobcenter. Weil er Angst um seinen Arbeitsplatz hat, gibt er Günter Wallraff nur ein verdecktes Interview. Noch immer, so erzählt er, wird in Jobcentern heftig über die Ergebnisse der Undercover-Recherchen diskutiert.

"Bis zur Berichterstattung haben wir tagtäglich in Lethargie verharrt. Es hieß immer 'Ja, wir kennen die Missstände, jeder weiß es, aber es ändert sich sowieso nichts.' Wir machen auch den Mund nicht mehr auf, es bringt nichts", sagt der Jobcenter-Mitarbeiter Rainer L. Seit der Ausstrahlung des Berichtes befinde sich das Jobcenter-Team allerdings in einer Aufbruchstimmung, die ganz stark verknüpft ist mit sehr viel Hoffnung und Erwartungen an die Politik.

Überforderte und überarbeitete Mitarbeiter, Jobcenter, die nur den eigenen Mangel verwalten - das hatten wir bei den Recherchen erlebt. In einem Fall war der Personal-Notstand so eklatant, dass Anträge nach Aussagen von Mitarbeitern bis zu vier Monate nicht bearbeitet wurden.

Doch Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit und für die meisten deutschen Jobcenter mitverantwortlich, wiegelte ab. Im Schnitt würden Hartz IV-Anträge von Hartz IV-Empfängern nach acht Tagen bearbeitet. Ein Satz, über den die eigenen Mitarbeiter fassungslos waren. Rainer L., Jobcenter-Mitarbeiter sagt ganz klar: "Wir haben nach wie vor Bearbeitungszeiten von 4 bis 8 Wochen."

Statistiken entstehen mit viel kreativer Energie

Damit die Zahlen in der Statistik etwas besser aussehen, müssen Mitarbeiter offenbar auch schummeln. Eine uns zugespielte Dienstanweisung erhärtet diesen Verdacht - demnach werden bei einem Teil der Anträge falsche Daten eingetragen - ein Beispiel: der Antrag eines Hartz IV-Empfängers wird am 22. Januar bearbeitet. Alle Unterlagen liegen seit dem 5. Januar im Amt vor. Mitarbeiter sollen jetzt aber so tun, als seien diese Unterlagen erst am 22. Januar abgegeben worden - so entsteht eine Bearbeitungsdauer für diesen Antrag von nur einem Tag. Schon bei den 'Team Wallraff'-Recherchen wurde offenbar, dass Statistiken mit viel kreativer Energie entstehen - einziges Ziel: die Vorgaben der Chefs erfüllen.

Den Vorwurf, die Statistik zu schönen, weist die Bundesagentur für Arbeit von sich. Alle Regelungen, wie Mitarbeiter Daten eintragen sollen, seien rechtens. Inzwischen hat die Diskussion um die virtuose Zahlenakrobatik der Jobcenter auch das politische Berlin erreicht. "Wir stellen immer wieder fest, dass das nur noch Arbeitslosenverwahrstationen sind", sagt etwa Sabine Zimmermann von der Partei Die Linke.

Die zuständige Ministerin Andrea Nahles hat bislang jede Interviewanfrage abgelehnt, die Bundesagentur für Arbeit dagegen hat das 'Team Wallraff' zu Gesprächen eingeladen. Bei einem Termin demnächst in Nürnberg soll über die Recherche-Ergebnisse und mögliche Konsequenzen gesprochen werden.