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„Team Wallraff"-Reporterin schockiert über Dekubitus von Heimbewohnerin: „Ich habe selten so etwas Schlimmes gesehen"

„Team Wallraff"-Reporterin schockiert: „Selten so etwas Schlimmes gesehen"

Heimbewohnerin leidet unter Dekubitus: Werden hier Pflegefehler vertuscht?

Wer so alt und krank ist, dass er sich nicht mehr selbst versorgen kann, muss auf andere vertrauen. Auf die richtige Behandlung, die richtige Pflege – und dass eingegriffen wird, wenn etwas schiefläuft. So wie bei einer Bewohnerin, die „Team Wallraff“-Reporterin Carolin bei ihrem Undercover -Einsatz im Seniorenheim Ebnerstraße in Augsburg kennenlernt. Wegen eines Dekubitus im schlimmsten Stadium wird die alte Dame während Carolins Einsatzes in ein Krankenhaus verlegt, doch es stellt sich die Frage: Geht es dem Heim darum, sie dort medizinisch besser zu versorgen oder soll sie nur bei einem Besuch der Heimaufsicht nicht im Haus sein? Will man hier etwas vertuschen?

Dekubitus Grad 4: Geschwür im schlimmsten Stadium

Mehr als 4,1 Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es in Deutschland. Rund ein Fünftel von ihnen wurde laut Statista Ende 2019 vollstationär in Pflegeheimen versorgt. Tendenz steigend.

Auch ein Ehepaar, das „Team Wallraff“-Reporterin Carolin bei ihrem Undercover-Einsatz im Augsburger Seniorenheim des Betreibers Sereni Orizzonti kennenlernt, ist auf Hilfe angewiesen. Seit sechs Jahren sind die beiden hier. Während er noch relativ fit ist, ist seine Frau bettlägerig – und das hat Folgen: Sie leidet an einem Dekubitus Grad 4. Einem Druckgeschwür, das sich entwickelt, wenn Menschen lange in der gleichen Position liegen müssen. Meist kommt es dann zu Wunden an der Ferse, dem Gesäß und den Ellenbogen. Bei der Bewohnerin im Seniorenheim Ebnerstraße ist der Dekubitus mit Grad 4 bereits im schlimmsten Stadium. Hier sind dann an Körperstellen Haut, Muskeln, Gelenke und Sehnen zum Teil oder ganz zerstört.

Soll hier ein Pflegefehler vertuscht werden?

Die Schmerzen, die die Patientin erleiden muss, sind kaum vorstellbar – und offenbar auch nicht unbedingt vorzeigbar für das Heim. Denn unmittelbar bevor die Heimaufsicht das Seniorenheim besucht, wird die Dame in ein Krankenhaus verlegt. Eine Pflegerin erklärt unserer Reporterin, warum sie sich so über die Verlegung freuen: „Weil die mit 100-prozentiger Sicherheit morgen diese Dame ausgesucht hätten. Die Heimaufsicht. Und die Wunde ist katastrophal und wir können aber auch nichts machen.“

Am Tag der Verlegung erklärt ein Kollege unserer Reporterin, als sie sich nach der Bewohnerin erkundigt: „Die kommt heute ins Krankenhaus, ja. Die ist untenrum aufgegangen und es geht hier nicht mehr. Die hat unzählige Wunden bekommen. Das ist auf Pflegefehler von uns zurückzuführen.“

Sereni Orizzonti, der italienische Betreiber des Pflegeheims, äußert sich dazu folgendermaßen:

„Die Bewohnerin wurde (…) aufgrund einer von der Pflegesoftware (…) korrekt angezeigten Verschlechterung des Dekubitus und auf Anordnung des behandelnden Arztes in ein Krankenhaus verlegt. Jegliche Verzögerung hätte ihr geschadet. Die von Ihnen angegebenen Gründe entsprechen nicht den Tatsachen.“

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„Ich muss zugeben, dass ich selten so etwas Schlimmes gesehen habe“

Also doch kein Pflegefehler? Das scheinen einige der Pfleger im Seniorenheim Ebnerstraße anders zu sehen. Nachdem die Dame mit dem Dekubitus aus dem Krankenhaus zurückkommt, ist Undercover-Reporterin Carolin zum ersten Mal bei der Versorgung der offenen Wunde am Gesäß dabei. „Ich [sehe] zum ersten Mal in meinem Leben einen Dekubitus. Ich muss zugeben, dass ich selten so etwas Schlimmes gesehen habe“, sagt sie.

Als Carolin bei einer Pflegerin nachfragt, wie so etwas entstehen kann, sagt diese nur ein Wort: „Pflegefehler“. Entzündet sich die Wunde oder komme Dreck hinein, könne die Patientin im schlimmsten Fall an einer Sepsis (Blutvergiftung) sterben, erklärt sie weiter. Doch die Wunde der alten Dame sei noch „harmlos“.

Den Grund für die Wunde der Patientin vermutet die Pflegerin in der falschen Lagerung während der Nachtwachenkontrolle, wie sie unserer Reporterin erzählt. Eigentlich müsse die alte Dame alle zwei Stunden umgedreht werden, damit der Dekubitus wieder abheilen könne. Als Undercover-Reporterin Carolin den Lagerungsplan überprüft, wird aber schnell klar: Dieser weist Lücken auf. Teilweise hat sich von 6 Uhr morgens bis 16 Uhr nachmittags – also zehn Stunden lang kein Mitarbeiter in diesen Plan eingetragen. Könnte dies bedeuten, dass die alte Dame möglicherweise zehn Stunden lang nicht umgelagert wurde?

Sereni Orizzonti erklärt hierzu:

“Die Behandlung von Druckgeschwüren wird vom Arzt vorgegeben und von uns korrekt (…) vorgenommen. Sollte der Bewohner zum Beispiel alle zwei Stunden umgelagert werden, dann machen wir das auch so.“

Deckel von Schnabelbechern schuld an Dekubitus?

Ein anderer Kollege vermutet noch eine zusätzliche Ursache hinter den tiefen Wunden der Bewohnerin: „Warum hat sie diese Druckstellen? Weil sie die ganze Nacht auf zwei Deckeln von Schnabelbechern geschlafen hat. Lauter so Scherze, wo halt echt vermeidbar wären. Mit wenigen Handgriffen. Das ist ein kleiner Kern, der kämpft, ja. Aber wir haben halt leider Leute, da ist es wichtig, dass am Ersten der Lohn auf dem Konto ist. Alles andere ist scheißegal. Die reißen ihren Dienst runter… und tschüss.“

Sereni Orizzonti erklärt:

„Unsere Bewohner*innen werden angemessen versorgt und mobilisiert. Unsere Einrichtung hält alle verfügbaren Anti-Dekubitus-Hilfsmittel bereit.(...) Bei dem von Ihnen erwähnten Vorfall könnte zufällig ein Deckel eines Schnabelbechers ins Bett gerutscht sein, aber ich schließe aus, dass dies ursächlich für die Dekubitus-Wunde gewesen sei.“

„Team Wallraff"-Reporterin holt Familienmitglied zu Hilfe

Um der Dame schon während ihres Undercover-Einsatzes zu helfen, kontaktiert „Team Wallraff“-Reporterin Carolin ein Familienmitglied und erzählt diesem von dem schmerzhaften Dekubitus der Bewohnerin. Das Familienmitglied reagiert prompt. Danach wird die Betroffene für einige Wochen ins Krankenhaus verlegt. Als unsere Reporterin das Heim im Dezember 2021 unter einem Vorwand erneut besucht, geht es der alten Dame schon deutlich besser.

Auch heute heile die Wunde noch und werde engmaschig kontrolliert, erzählt Carolin RTL-Moderatorin Katja Burkard nach Ausstrahlung der Reportage. „Wir hatten zwischendurch auch überlegt, ob wir die beiden vielleicht auch in ein anderes Heim vermitteln können, wir hatten auch ein Zimmer für die beiden besorgt“, erzählt die Reporterin, die weiterhin in Kontakt mit der Familie steht. Letztendlich habe sich die Familie aber dagegen entschieden: „Ich glaube, das war so ein bisschen nach dem Motto ‘Alte Bäume verpflanzt man nicht, man wollte der Dame auch den Transport nicht zumuten’“, erläutert Carolin. (akr)