Neues Undercover-Material von „Team Wallraff“

Gefährliche Übermüdung: DRK-Arzt 78 Stunden am Stück im Dienst

26. Oktober 2020 - 10:35 Uhr

Bedenkliche Zustände im DRK-Krankenhaus Neuwied

Für die aktuelle "Team Wallraff"-Reportage "Das Rote Kreuz – aus Liebe zum Menschen?" schleuste sich Reporter Manuel undercover als Rettungssanitäter-Praktikant im DRK-Krankenhaus Neuwied ein. In der Notaufnahme wird er Zeuge bedenklicher Zustände. So auch von diesem: Ein Arzt erklärt ihm, er habe bereits seit 78 Stunden Bereitschaft vor Ort – sei also seit mehr als drei Tagen durchgehend im Dienst. Die verdeckten Aufnahmen des Gesprächs sehen Sie im Video.

Arzt erklärt: Übermüdung so schlimm wie Betrunkensein

Bereits am zweiten Tag seines Praktikums nimmt Manuel an einem Gespräch im Aufenthaltsraum teil, in dem der diensthabende Arzt in der Notaufnahme über den dritten Dienst in Folge klagt – nur einer davon ist schon 26 Stunden lang. Der Grund für die XXL-Schicht: Es seien wegen Urlaub und Krankheitsfällen einfach zu wenige Kollegen da. "Aber man kann das Krankenhaus auch nicht zumachen", erklärt er ernüchtert.

Solche Arbeitsbedingungen können nicht nur Mitarbeiter krank machen, sondern gefährden auch die Gesundheit der Patienten, erklärt Notfallmediziner Dr. Paul Brandenburg: "Es gibt ja Vergleiche, was Übermüdung anrichtet im Vergleich zu Alkoholisierung. Eine starke Übermüdung wird von Gerichten zu Recht so behandelt, als ob Sie betrunken Auto fahren. Und wenn ich sturzbetrunken einen Patienten behandle, dann muss das strafrechtlich relevant sein. Wenn aber hier Übermüdung praktiziert wird, dann geht das so durch und wird auch von Kollegen mitgetragen. Da liegt der eigentliche Skandal."

Das sagt das Rote Kreuz zu den Recherchen

"Team Wallraff" hat beim Deutschen Roten Kreuz, dem Landesverband Rheinland-Pfalz und der Trägergesellschaft des DRK-Krankenhauses unter anderem nachgefragt, ob es vorkommen könne, dass diensthabende Ärzte mehrere 24-Stunden-Schichten am Stück verrichten. Diese Antwort erhielten die Reporter von einer Anwaltskanzlei: "Dieser Fragenkatalog (...) enthält (...) Unwahrheiten wie – nur beispielhaft genannt – Ihre Behauptung, (...) dass Ärzte drei 24-Stunden-Schichten an drei Tagen in Folge leisteten."

„Entschuldigen lässt es sich nicht“

Manuel spricht auch mit einem Pfleger, der sich um die Betten der Notaufnahme kümmert. Er erklärt ebenfalls: "Wir sind zu wenig Leute - viele Leute, wenig Betten. Viele haben gekündigt, die haben einfach keinen Bock mehr gehabt. Andere machen Urlaub, ohne zu fragen, die kommen dann einfach nicht. Das ist scheiße, da stehst du einfach alleine da."

Dr. Paul Brandenburg kann den Ärger der DRK-Mitarbeiter über die Engpässe nachvollziehen:  "Ich stimme zu, dass die Enttäuschung besonders groß ist, wenn man so eine alteingesessene renommierte Instanz hat, die ja auch den wirtschaftlichen Hintergrund hat, dass sie sowas nicht nötig hat. Die dann sagen kann, auch wenn es wirtschaftlich nachteilig ist, dass die so eine Situation abfangen. (…) Man kann es noch weniger verstehen, als wenn es ein kleines städtisches Haus macht, was sonst keinen Rückhalt hat. Entschuldigen lässt es sich in beiden Fällen nicht."

Hinter den Kulissen: Der „Team Wallraff"-Podcast

In der neuen Folge von "Team Wallraff – der Podcast" auf AUDIO NOW sprechen die Macher darüber, was noch alles hinter den Kulissen und Dreharbeiten zur neuen Folge "Das Deutsche Rote Kreuz – aus Liebe zum Menschen?" ablief. 

„Team Wallraff - Reporter undercover" auf TVNOW

Die komplette neue Folge "Team Wallraff: Das Deutsche Rote Kreuz – aus Liebe zum Menschen?" ist ab sofort auf TVNOW und in der TVNOW App verfügbar.