„Team Wallraff“ deckt bedenkliche Methoden auf

DRK-Notaufnahme in Neuwied: „Jahrzehnte hinter klinischen Standards zurück“

20. Oktober 2020 - 15:29 Uhr

Steht hier Patientenwohl hinter Profit?

In der Notaufnahme zählt jede Sekunde – schließlich geht es um Menschenleben. Was ein Undercover-Reporter von "Team Wallraff" allerdings im DRK-Krankenhaus im rheinland-pfälzischen Neuwied erlebt, erweckt den Eindruck, als würde hier an falscher Stelle gespart. Vor allem bei der Einteilung, welche Patienten am dringendsten Hilfe benötigen, scheint es große Probleme zu geben – wegen Personalmangel. Wie fatal das Urteil von Notfallmediziner Dr. Paul Brandenburg beim Anblick der Filmaufnahmen ausfällt, sehen Sie im Video.

Notaufnahme baulich in fraglichem Zustand

Das Deutsche Rote Kreuz betreibt 45 Kliniken und Krankenhäuser in Deutschland. Im DRK-Krankenhaus Neuwied schleust sich "Team Wallraff"-Reporter Manuel 2019 undercover als Rettungssanitäter-Praktikant in der Notaufnahme ein.

Sein erster Eindruck: Das Gebäude hat schon einiges hinter sich. Auch eine Kollegin sieht das so: "Das Krankenhaus hier hinkt locker 20 Jahre hinterher. Keine Investitionen". Ein weiterer Kollege kritisiert: "Die Frage ist halt: Warum ist das DRK reich? Eben weil es spart, wo es nur geht."

Dabei heißt es auf der Website des Hauses seit 2003, "die Modernisierung des Hauses werde vorangetrieben", und laut der Jahresabschluss-Bilanz von 2018 der "DRK gemeinnützige Krankenhausgesellschaft mbH Rheinland-Pfalz" müsste hierfür auch eigentlich Geld vorhanden sein: Darin steht, dass das Krankenhaus in Neuwied ein "positives Betriebsergebnis" erzielen konnte.

Organisation wirkt chaotisch

Besonders die Organisation der Notaufnahme wirkt auf Manuel allerdings chaotisch. Oft wird er von Patienten angesprochen, die auf Informationen warten, manche schon stundenlang.

Normalerweise werden diese durch das sogenannte Triage-System eingestuft – laut Paul Brandenburg "das kleine Einmaleins in der Notaufnahme", wenn es darum geht, Menschenleben zu retten. Zu dem System gehören unter anderem folgende Stufen:

  • Rot (höchste Stufe): Patienten mit lebensbedrohlichen Symptomen (z. B. Schock, blockierte Atmung) - sofortige Behandlung
  • Orange: Patienten mit schwersten Schmerzen, sehr hohem Fieber oder massiven Herzschmerzen – Wartezeit höchstens 10 Minuten
  • Blau (niedrigste Stufe): Patienten mit älterem chronischen Schmerz, ohne Fieber, mit stabilem Kreislauf – Wartezeit bis zu zwei Stunden + Rat, eine Arztpraxis aufzusuchen.

Viele andere Notaufnahmen nutzen für die Triage inzwischen ein digitales System. Im DRK-Krankenhaus Neuwied gibt es hierfür jedoch nur eine Magnettafel – und laut einer Mitarbeiterin Probleme, wenn nicht genug Personal verfügbar ist. Auf Manuels Frage, was getan werde, wenn mal keine Praktikanten mehr da seien, um bei der Einteilung der Patienten zu unterstützen, antwortet sie: "Das ist jetzt für heute und die nächsten Tage die Lösung. Keine Ahnung. Und wenn wir nur zu zweit im Dienst sind, dann ist es wieder nicht möglich."

Das sagt das Rote Kreuz

"Team Wallraff" konfrontierte das Deutsche Rote Kreuz, den Landesverband Rheinland-Pfalz und die Trägergesellschaft des DRK-Krankenhauses mit dem Ergebnis der Undercover-Recherchen und fragte unter anderem, ob in der Notaufnahme mit einem funktionierenden Triage-System gearbeitet werde.

Die Antwort, die von einer Anwaltskanzlei gegeben wurde, lautet: "Dieser Fragenkatalog (…) enthält (…) Unwahrheiten wie – nur beispielhaft genannt – Ihre Behauptung, (…) "dass das sog. "Triage-System" bei angespannter Personalsituation nur eingeschränkt oder gar nicht angewandt werde."

Patient trotz Thrombose-Verdacht nach Hause geschickt?

Während seiner Recherchen im Krankenhaus beobachtet Undercover-Reporter Manuel eine Situation, die Fragen aufwirft: Nach einem missglückten Bluttest scheint seinem Eindruck nach ein Patient einfach nach Hause geschickt zu werden – ohne, dass vorher die Gefahr einer lebensgefährlichen Thrombose komplett ausgeschlossen wurde.

„Team Wallraff - Reporter undercover" auf TVNOW

Die komplette neue Folge "Team Wallraff - Reporter undercover" ist auch nach der TV-Ausstrahlung auf TVNOW und in der TVNOW App verfügbar.