Die Folgen des Super-League-Bebens

Was Sie jetzt unbedingt wissen müssen

Der Champions-League-Pokal. Ist in der Königsklasse bald nichts mehr, wie wir es kennen?
Der Champions-League-Pokal. Ist in der Königsklasse bald nichts mehr, wie wir es kennen?
© dpa, Harold Cunningham, nic

19. April 2021 - 11:37 Uhr

Fragen & Antworten

Der europäische Fußball steht vor einer heftigen Zerreißprobe. In aller Ruhe wollte der europäische Fußballverband (UEFA) am heutigen Montag die Champions-League-Reform ab 2024 beschließen. Wenige Stunden zuvor gab es ein Fußball-Beben. Ein Zusammenschluss europäischer Topclubs veröffentliche mal so eben die Nachricht, eine eigene Super Liga gegründet zu haben, die in direkter Konkurrenz zur Champions League stehen würde. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Außerdem geht es am Montag um die Gastgeberstädte bei der kommenden Europameisterschaft. München als deutscher Standort könnte die EM noch verlieren. Den aktuellen Stand lesen Sie hier.

Was sind die Pläne für die "neue" Champions League?

Die UEFA will in Kooperation mit der Clubvereinigung ECA die Königsklasse ab 2024 von derzeit 32 auf 36 Teilnehmer aufstocken. Zudem soll der Wettbewerb künftig im sogenannten "Schweizer Modell" gespielt werden. Demnach würde jeder Club zehn Gruppenspiele gegen zehn anhand einer Setzliste zugeloste Gegner bestreiten. Daraus soll eine Gesamttabelle der 36 Teams ermittelt werden, anhand derer die bestplatzierten Mannschaften direkt in die K.o.-Runde einziehen. Weitere Teilnehmer der K.o.-Runde würden durch Play-offs ermittelt.

Wer würde von der Neuerung profitieren?

Vor allem die großen Nationen und Vereine wären Gewinner. Frankreich würde als derzeit Fünfter in der UEFA-Fünfjahreswertung einen dritten Fixplatz in der Königsklasse erhalten, 19 von 36 Startplätzen wären somit von den großen fünf Nationen belegt. Dazu soll es zwei Startplätze über die Zehn-Jahres-Rangliste der Clubs geben. So würden Vereine, die sich über die Liga nicht qualifiziert haben, von ihren Erfolgen vergangener Tage profitieren. Prominente Ausfälle wären nahezu ausgeschlossen. Dazu würden zusätzliche Spiele mehr Geld bringen. Die einflussreiche Clubvereinigung ECA fordert dabei in kommerziellen Fragen generell mehr Mitsprache, die UEFA könnte an Macht verlieren.

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Wie ist die Stimmungslage?

In den vergangenen Wochen mehrten sich die kritischen Stimmen, viele verschiedene Lager machten ihrem Ärger über die Pläne Luft. Funktionäre von Spitzenclubs wie Leverkusens Rudi Völler oder Frankfurts Axel Hellmann ist vor allem die teilweise Aussetzung des Leistungsgedankens ein Dorn im Auge. Kleinere Clubs wie der FSV Mainz 05 oder Zweitligisten wie der FC St. Pauli oder Darmstadt 98 befürchten eine weiter auseinander klaffende Schere zwischen armen und reichen Clubs. Die Fanseite lehnt die Reformpläne ohnehin strikt ab, selbst Anhänger von Borussia Dortmund und Bayern München verbündeten sich im Kampf gegen eine "weitere Aufblähung".

Und was soll jetzt das Theater mit der Super League?

Kurz vor der geplanten Reform der Champions League haben zwölf Top-Clubs eine eigene Super League gegründet. Deutsche Vereine gehören - noch - nicht dazu. Der europäische Fußball steht damit erst recht vor einer Zerreißprobe ungeahnten Ausmaßes. Die Vereine aus Spanien, England und Italien wollen nach eigenen Angaben aber Teil ihrer nationalen Ligen bleiben, der Wettbewerb soll unter der Woche ausgespielt werden und stünde in direkter Konkurrenz zur Champions League.

Die Clubs gehen auf Konfrontationskurs zur FIFA und UEFA, die zuvor mit einem Bann der abtrünnigen Vereine und Spieler für sämtliche Wettbewerbe bis hin zur WM gedroht hatten. Die Vereine ließen sich davon aber nicht beeindrucken. "Wir werden dem Fußball auf jeder Ebene helfen und ihn an seinen rechtmäßigen Platz in der Welt bringen", sagte Florentino Perez, Präsident von Real Madrid und erster Vorsitzender der Super League. Die Super-League-Clubs wollen sich notfalls mit Klagen gegen UEFA und FIFA wehren, sollten sie Sanktionen verhängen.

Wer soll in der Super League spielen?

Bei den Vereinen handelt es sich um die englischen Clubs FC Liverpool, Manchester United, Manchester City, Tottenham Hotspur, FC Arsenal und FC Chelsea, die spanischen Topteams Real Madrid, FC Barcelona und Atletico Madrid sowie Juventus Turin, AC Mailand und Inter Mailand aus Italien.

Wie ist die Stimmung rund um die Super League?

Katastrophal. Unter anderem der ehemalige Fußballprofi Gary Neville hat die geplante Gründung einer europäischen Super League in einem emotionalen Statement scharf verurteilt und auch seinen Herzensclub heftig attackiert. "Ich bin Manchester-United-Fan, ich bin das seit 40 Jahren - aber ich bin empört, total empört", sagte der 46-Jährige sichtlich bewegt bei "Sky Sports" am Sonntagabend nach dem 3:1-Sieg von Man United gegen Burnley. "Das ist kriminell. Das ist ein krimineller Akt gegen die Fans! Das ist eine Schande."

Die an dem Projekt beteiligten englischen Clubs - neben United eben auch Liverpool, City, Arsenal, Chelsea und Tottenham - würden ihre eigene Geschichte und ihre Fans verraten, meinte der ehemalige Weltklasse-Fußballer. "Das ist reine Geldgier. Das sind Hochstapler", meinte Neville und forderte als einzige Reaktion auf den Vorstoß: "Das sollte verdammt werden!"

Was sagen denn die deutschen Top-Vereine?

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat betont, dass der BVB und der FC Bayern München sich über die Ablehnung der geplanten europäischen Super League im Fußball einig seien. Watzke erklärte in einer Mitteilung seines Vereins, dass "beide deutsche Clubs, die im ECA-Board vertreten sind, der FC Bayern München und Borussia Dortmund, in allen Gesprächen zu 100 Prozent deckungsgleiche Auffassungen vertreten haben".

Grundsätzlich betonte der BVB-Boss noch einmal. "Die Mitglieder des Boards der European Club Association haben sich am Sonntagabend zu einer virtuellen Konferenz zusammengeschlossen und bekräftigt, dass der Board-Beschluss vom vergangenen Freitag nach wie vor Gültigkeit hat. Dieser Beschluss besagt, dass die Clubs die geplante Reform der UEFA Champions League umsetzen wollen. Es war die klare Meinung der Mitglieder des ECA-Boards, dass man die Pläne zur Gründung einer Super League ablehnt."

Dieser Gedanke steckt hinter der Super League: Geld!

Wer gibt denn das Geld für die Super League?

Die US-amerikanische Investmentbank JPMorgan steht als Geldgeber hinter der neu geschaffenen Super League. Das bestätigte das Unternehmen mit Sitz in New York am Montag. "Ich kann bestätigen, dass wir den Deal finanzieren", sagte ein Sprecher der Bank der französischen Nachrichtenagentur AFP, ohne Details des aufsehenerregenden Geschäfts zu nennen.

Was sagt der Weltfußballverband zu den Plänen?

Ohne die "Super League" beim Namen zu nennen, hat sich der Weltfußballverband FIFA unmittelbar nach Bekanntgabe der Pläne durch Clubs ein weiteres Mal gegen das Vorhaben ausgesprochen und ihre "Missbilligung" zum Ausdruck gebracht. "Aus unserer Sicht und in Übereinstimmung mit unseren Statuten, sollte jeder Wettbewerb im Fußball, egal ob national, regional oder global die Grundprinzipien Solidarität, Inklusivität, Integrität und gleichberechtigte finanzielle Umverteilung widerspiegeln", hieß es in der in der Nacht zu Montag versendeten Stellungnahme.

Und wie positionieren sich DFL und DFB?

Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), sagt: "Wirtschaftliche Interessen einiger weniger Topclubs in England, Italien und Spanien dürfen nicht die Abschaffung gewachsener Strukturen im gesamten europäischen Fußball zur Folge haben. Es wäre insbesondere unverantwortlich, die nationalen Ligen als Basis des europäischen Profifußballs auf diese Weise irreparabel zu beschädigen. Ich unterstütze daher die gemeinsame Erklärung der UEFA mit den Ligen und Nationalverbänden aus England, Italien und Spanien."

Vom DFB gab es dieses Statement: "Der Deutsche-Fußball-Bund (DFB) positioniert sich klar gegen das Konzept einer europäischen Super League. Im Fußball muss es immer um die sportliche Leistung gehen. Sie bestimmt über Auf- und Abstieg sowie die Qualifikation für die jeweiligen Wettbewerbe. Die wirtschaftlichen Interessen einiger weniger Clubs dürfen nicht das praktizierte solidarische Miteinander des Fußballs aufkündigen. Jeder Verein wird sich entscheiden müssen, ob er Teil des solidarisch organisierten Gesamtfußballs bleiben oder ausschließlich egoistische Eigeninteressen außerhalb der UEFA und der nationalen Fußballverbände verfolgen möchte. Der DFB steht daher klar hinter der ausdrücklichen gemeinsamen Erklärung der UEFA mit den Ligen und Nationalverbänden aus England, Italien und Spanien."

rtl.de/dpa/sid

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