Experte hält Prämien für zu niedrig

Macht die Flut jetzt alle Versicherungen teurer?

Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser  in der Stadt Marienthal.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser in der Stadt Marienthal.
© imago images/Hannes P. Albert, Hannes P. Albert via www.imago-images.de, www.imago-images.de

22. Juli 2021 - 9:07 Uhr

Sind Pflichtversicherungen sinnvoll?

Nach der Flutkatastrophe haben viele Menschen ihre Existenz verloren, die meisten müssen für die Schäden selbst aufkommen. Denn eine zusätzliche Versicherung gegen Naturkatastrophen haben nur wenige. Im Interview mit dem "Spiegel" erklärt der Co-Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Aon Deutschland, Oliver Thofern, warum er meint, dass Prämien noch teurer werden und Pflichtversicherungen nicht sinnvoll sind.

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Nach Flut: Schäden von bis zu fünf Milliarden Euro

Der Klimawandel schreitet weiter voran – Naturkatastrophen häufen sich. Nach der Sturzflut in NRW und Rheinland-Pfalz geht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft von Schäden in Höhe von vier bis fünf Milliarden Euro aus. "Die Schäden dürften sogar noch über denen des August-Hochwassers im Jahr 2002 von 4,65 Milliarden Euro liegen. Tief 'Bernd' gehört damit zu den verheerendsten Unwettern der jüngeren Vergangenheit", erklärt der Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen.

Insgesamt könne dieses Jahr mit Stürmen, Überschwemmung, Starkregen und Hagel zum schadenträchtigsten Jahr seit 2002 werden. Damals lag der versicherte Unwetterschaden bei 10,9 Milliarden Euro. Bereits im Juni hatten Starkregen und Hagel einen geschätzten versicherten Schaden von 1,7 Milliarden Euro verursacht.

"Prämien müssten mindestens 10 Prozent steigen"

Trotzdem haben nur 46 Prozent der deutschen Hausbesitzer eine Elementarschadenversicherung. Laut Oliver Thofern fällt es vielen noch immer schwer, persönlich auf den Klimawander zu reagieren. Seit der Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa im Jahr 2002 haben sich jedoch schon deutlich mehr Menschen gegen Naturkatastrophen versichern lassen.

Dass dadurch auch die Prämien für eine Elementarversicherung sinken, sieht der Experte jedoch nicht kommen. "Mit dem Klimawandel werden auch die Frequenz und die Intensität der Schäden zunehmen," erklärt Thofern. Er betont, Prämien müssten sogar um mindestens 10 Prozent steigen, damit sich das Angebot für die Versicherer lohnt. "Für den Elementaranteil an der Gebäudeversicherung wird zu wenig Prämie gezahlt. Das ist nicht besonders attraktiv für Versicherer."

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"Pflichtversicherung ist nicht sinnvoll"

Seit den Überflutungen wird auch über eine Pflichtversicherung diskutiert. Jan-Oliver Thofern spricht sich im "Spiegel"-Interview jedoch gegen eine solche Pflicht aus. Nicht nur rechtlich sei das schwierig, auch die Gefährdungslage in verschiedenen Orten Deutschlands sei sehr unterschiedlich. Auch die GDV lehnt eine Versicherungspflicht als Einzelinstrument ab. "Sie wäre allenfalls dann sinnvoll, wenn sie in ein neues Gesamtkonzept für Flächen- und Bauplanung sowie den Katastrophenschutz eingebunden wäre," erklärt der GDV-Geschäftsführer.

Auch Jan-Oliver Thofern empfiehlt andere Wege, um die Versicherungsbereitschaft zu fördern. "Anstatt für die nicht versicherten Schäden zu zahlen, sollte die Politik den Versicherungsnehmern erlauben, die Prämien für eine private Elementarschadenversicherung vom zu versteuernden Einkommen abzuziehen. Das wäre ein effizienter, relativ aufwandsarmer Weg, den Menschen einen Anreiz zum Abschluss einer Elementarschadenversicherung zu geben," erklärt Thofern.

USA als Vorbild

In anderen Orten der Welt treten Naturkatastrophe bereits häufiger auf als in Deutschland – zum Beispiel in Kalifornien oder Miami. Dort sei laut Thorfen auch die Prävention deutlich besser als in Deutschland. "Es gibt Warnungen vor Hochwasser und Hurrikans, die Leute wissen frühzeitig Bescheid und können sich in Sicherheit bringen. Die Amerikaner sind in der Hinsicht vorbildlich. Und das alles ohne Pflichtversicherung," erklärt Thorfen.

Mittlerweile gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland Gegenden, in denen Versicherer keinen Schutz mehr anbieten – aufgrund von zu hohen Kosten. "In Deutschland werden ein bis zwei Prozent aller Gebäude nicht versichert, in den USA ist die Quote höher."

Um Hausbesitzer für die Gefahr durch Naturkatastrophen zu sensibilisieren, bietet der GDV den "Naturgefahren-Check" an. Immobilienbesitzer und Mieter erfahren auf der Onlineplattform, welche Schäden Unwetter in der Vergangenheit an ihrem Wohnort verursacht haben und können so ihr individuelles Risiko besser einschätzen.

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