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Sommerdepression: Besonders Frauen neigen zur Antriebslosigkeit

Warum sich manche Menschen im Sommer eher zurückziehen, als raus zu gehen.
Warum sich manche Menschen im Sommer eher zurückziehen, als raus zu gehen.
iStockphoto

von Johanna Luda

Der Sommer - für viele ist er die schönste Zeit des Jahres! Doch bei manchen scheint in den eigentlich von Unternehmungen und Frohmut geprägten Monaten plötzlich die Lebensfreude abzunehmen. Besonders junge Frauen fühlen sich dann oft antriebslos und niedergeschlagener als sonst. Der Grund hierfür könnte eine Sommerdepression sein. Was es damit auf sich hat und warum gerade junge Frauen häufiger betroffen sind, erklärt der Psychiater und Psychosomatiker Dr. med. Thorsten Bracher.

Das versteht man unter einer Sommerdepression

Im Gegensatz zur weiter verbreiteten Winterdepression ist die Sommerdepression sowohl in der Gesellschaft als auch in der Fachwelt wenig bekannt. Auch der Begriff „Sommerdepression“ ist eher ungebräuchlich - häufiger wird von einer saisonal abhängigen Depression gesprochen.

Dr. med. Thorsten Bracher, Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik und Klinikdirektor der Vitos Kliniken für Psychosomatik Eltville und Bad Homburg, erklärt: Eine saisonal abhängige Depression (SAD) sei eine klinische, also behandlungsbedürftige Depression, die gebunden an eine bestimmte Jahreszeit auftrete.

Die Sommerdepression habe ihre Hochphase Ende Mai bis in den September hinein. Betroffene seien in dieser Zeit herabgestimmt, antriebsarm und leiden an Schlafstörungen. Sie verspüren außerdem vermehrte innere Unruhe und Appetitlosigkeit.

Dr. med. Thorsten Bracher, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Klinikdirektor der Vitos Kliniken für Psychosomatik Eltville und Bad Homburg
Dr. med. Thorsten Bracher, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Klinikdirektor der Vitos Kliniken für Psychosomatik Eltville und Bad Homburg
Dr. med. Thorsten Bracher

Das Tageslicht scheint der Auslöser zu sein

Das Tageslicht scheint laut des Facharztes bei saisonal abhängigen Depressionen ein entscheidender Faktor zu sein, denn besonders die Lichtintensität und die Dauer des Tageslichts wirke sich auf den Hormonhaushalt aus.

So führe das fehlende Tageslicht im Winter dazu, dass mehr Melatonin produziert werde, was sich auf manche Menschen durch ein vermehrtes Schlafbedürfnis und Antriebslosigkeit depressionsfördernd auszuwirken scheine.

Bei der Sommerdepression hingegen führe die erhöhte Lichtintensität und UV-Strahlung zu einer verminderten Melatoninproduktion. Hieraus resultieren laut Dr. med. Bracher Schlafstörungen, Unruhezustände und weitere körperliche Reaktionen.

„Während manche Menschen durch die Auswirkungen der Lichtintensität auf die hormonellen Regelkreise im Sommer produktiver und glücklicher werden, scheint es auch Menschen zu geben, die auf die Veränderung sehr empfindlich reagieren. Für diese Menschen steigt im Sommer das Risiko, an einer Depression zu erkranken“, so der Psychologe.

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Wer neigt zu einer saisonal abhängigen Depression?

Bei depressiven Erkrankungen gebe es im Allgemeinen eine Anlagekomponente, so der Experte. Wenn ein oder mehrere Familienmitglieder von depressiven Erkrankungen betroffen sind, sei das statistische Risiko daher höher, ebenfalls eine genetische Anlage zu haben. Eine genetische Anlage bedeute jedoch nicht, dass die Erkrankung auch ausbreche.

Wer einmal an einer Depression erkranke, für den sei das Risiko, erneut depressive Episoden zu erleiden, erhöht. Dieses Risiko nehme mit jeder folgenden Episode weiter zu.

Darum sind besonders Frauen häufiger betroffen

Besonders jüngere Frauen scheinen statistisch häufiger an einer Sommerdepression zu erkranken als Männer. Der Grund hierfür sei noch nicht bekannt, vermutet werde jedoch, dass die Ursache der komplexere hormonelle Haushalt der Frauen sei.

„Die hormonellen Regelkreise der Frau sind durch ihre Komplexität störanfälliger als bei Männern, weshalb der Einfluss von Licht auf das Hormonsystem einen größeren Stellenwert zu haben scheint“, so Dr. med Thorsten Bracher.

So können Sie vorbeugen:

Wer merkt, dass er zu Verstimmungen neigt oder diese länger als ein paar Tage andauern, sollte seine Gesundheit im Auge behalten und kann laut des Psychiaters allgemeine Gegenmaßnahmen ergreifen. Positiv auf die psychische Gesundheit auswirken können sich hierbei:

  • gesunde Ernährung
  • Bewegung
  • genügend positive Erlebnisse
  • soziale Kontakte

Hierdurch könne einer sich anbahnenden Verstimmung entgegengewirkt oder diese eventuell sogar abgefangen werden.

Bei einer bestehenden klinischen Depression bestehe darüber hinaus jedoch keine Möglichkeit der Vorbeugung und diese sollte unbedingt professionell behandelt werden. Die Behandlung einer saisonal abhängigen Depression unterscheidet sich hierbei im Wesentlichen nicht von einer saisonal unabhängigen Depression.

Bei Winterdepressionen kommt häufig die Lichttherapie zum Einsatz, bei der man das fehlende Tageslicht mittels spezieller Lampen auszugleichen versucht.

Lese-Tipp: Hilfe bei depressiven Verstimmungen: Aktiv gegen das Stimmungstief

Verstimmung oder klinische Depression?

Doch wie erkenne ich, ob ich lediglich eine Verstimmung oder eine behandlungsbedürftige Depression habe?

Ein paar schlechte Tage hat jeder mal, doch dieser Zustand sollte im Normalfall nach wenigen Tagen wieder abklingen. Bei wem die Verstimmung über mehrere Wochen ohne spürbare Aufhellungen anhält, sollten die Alarmglocken läuten.

Ab welchem Zeitpunkt eine Depression bestehe, sollen Betroffene besonders an der Intensität und Auswirkung auf ihre Fähigkeit zur Alltagsbewältigung erkennen können, erklärt der Mediziner.

Wer so herabgestimmt sei, dass Alltagsaufgaben nur noch schwer zu erledigen und die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit stark gemindert sei, der sollte sich unbedingt in Behandlung begeben.

Eine saisonal abhängige Depression müsse laut des Psychiaters nicht zwingend jedes Jahr in gleicher Stärke auftreten. Während sie in manchen Jahren im Umfang einer klinischen Depression auftrete, könne sie in anderen subklinisch, also nicht behandlungsbedürftig, bleiben und sich nur als leichte Verstimmung äußern.

Die Diagnose einer saisonal abhängigen Depression könne jedoch nur gestellt werden, wenn die Tendenz zu einem depressiven Zustand in einer bestimmten Jahreszeit über mehrere Jahre bestehen bleibe. Erst so könne ein Muster ausgemacht werden.

Lese-Tipp: Sind bei Ihnen Anzeichen einer Depression vorhanden?