Sozialarbeiter wollten Beweisfoto angeblich "nicht sehen"

Arthur (6) mit Salz vergiftet und totgeprügelt: Oma erhebt schwere Vorwürfe gegen Behörde

Arthur H. mit seinem Vater Thomas H. (29), der seinen Sohn vermutlich durch Schläge auf den Kopf umbrachte.
Arthur H. mit seinem Vater Thomas H. (29), der seinen Sohn vermutlich durch Schläge auf den Kopf umbrachte.
© WMP / SWNS

26. November 2021 - 11:33 Uhr

Fünf Wochen vor seinem Tod alarmierte Arthurs Oma die Behörden - ohne Erfolg

Er war seinen Peinigern ausgeliefert: Arthur H. (6) soll nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft von seinem Vater und seiner Stiefmutter gedemütigt, sich selbst überlassen und schließlich totgeprügelt worden sein. Dafür müssen sich Thomas H. und Emma T. vor Gericht verantworten. Während des Prozesses wurde ein Video gezeigt, das kurz vor dem Tod des Sechsjährigen entstand. Es zeigt den verzweifelten Jungen in seinem Zimmer. Er weint, sagt immer wieder: "Niemand liebt mich, niemand füttert mich." Nun sagte seine Großmutter aus und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Sie habe den Sozialdienst alarmiert, angeboten, ein Beweisfoto von Arthur zu schicken, auf dem die Misshandlung zu sehen sei. Doch "sie wollten es nicht sehen", so Joanne H.

Aussage vor Gericht: Sozialarbeiterin "schockiert"

Arthur Labinjo-Hughes wurde der Staatsanwaltschaft zufolge von seinem Vater und dessen Freundin totgeprügelt
Arthur H. wurde der Staatsanwaltschaft zufolge von seinem Vater und dessen Freundin totgeprügelt. Dieses Foto machte seine Großmutter Joanne, um den Behörden beweisen zu können, das das Kind in Gefahr ist.
© deutsche presse agentur, dpa

Sozialarbeiter seien nach dem Anruf der Großmutter bei Arthur, Thomas H. (29) und seiner neuen Freundin Emma T. (32) in Shirley (West Midlands, England) gewesen, um die Meldung auf Misshandlung und Kindeswohlgefährdung zu überprüfen. Nach dem Besuch hätten sie den Fall jedoch zu den Akten gelegt. Keine Bedenken, das Kind habe sich beim Spielen weh getan. Das sei nur fünf Wochen vor Arthurs gewaltsamem Tod gewesen, berichtet die "Sun".

Eine Sozialarbeiterin sagte vor Gericht aus, sie habe bei dem Besuch ein gelbes Hämatom auf dem Rücken des Jungen wahrgenommen. Als sie später das Foto von Joanne H. gesehen habe, das einen riesigen blauen Fleck zeigt, der sich über die Schulter bis auf den Rücken des Kindes zieht, sei sie schockiert gewesen – über das Ausmaß der Verletzung, und auch darüber, dass sie nicht erkannt habe, wie schlecht es um Arthur stand, als sie bei ihm war, berichtet unter anderem die britische "Daily Mail".

Emma T. sagte aus, Arthur habe sich tödliche Kopfverletzung selbst beigebracht

Arthur weinte verzweifelt: "Niemand liebt mich, niemand gibt mir was zu essen."
Videoaufnahme zeigt: Sechsjähriger Arthur musste ohne Matratze auf dem Boden schlafen. Weinte verzweifelt und war körperlich erschöpft.
© WMP / SWNS

Die Anklage wirft seinem Vater und dessen Lebensgefährtin vor, dass Kind systematisch misshandelt, gefoltert und versucht zu haben, ihn mit Salz zu vergiften, bevor der Junge nach einem tödlichen Angriff verstarb. Eine Obduktion hatte ergeben, dass das Kind am 16. Juni 2020 durch stumpfe Gewalt gegen den Kopf und massive Hirnverletzungen verstorben ist. Der Gerichtsmediziner habe der "Sun" zufolge 130 Verletzungen am ganzen Körper gezählt, dazu Blutergüsse auf der Kopfhaut, dem Gesicht und dem Hals. Außerdem sei eine sehr hohe Konzentration Salz in seinem Körper nachgewiesen worden.

Die Staatsanwaltschaft hat Thomas H. (29) und Emma T. (32) unter anderem wegen Mordes und Beihilfe zum Mord angeklagt – die beiden bestreiten das. Auch wiesen sie zunächst zahlreiche ihnen zur Last gelegten Misshandlungsvorwürfe zurück. Emma T. sagte laut "BBC" aus, der Junge habe sich die tödlichen Kopfverletzungen selbst zugefügt, indem er sich die Treppen hinuntergestürzt habe. Die Ankläger sind hingegen überzeugt, dass es seine Stiefmutter war, durch deren Hand der kleine Arthur letztlich starb.

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Freundin wichtiger als Arthur? "Gegen Ende möglicherweise"

Mit Beweisen konfrontiert, räumte Thomas H. laut der "BBC" schließlich ein, dass Emma seinen Sohn "psychisch missbraucht" habe. Sie habe Arthur Essen und Trinken verweigert, ihn gezwungen, 14 Stunden am Tag zu stehen und sei mehrfach gewalttätig geworden. Im Kreuzverhör wurde Thomas H. gefragt, weshalb er seinen Sohn nicht beschützt habe, schreibt die "BBC". "Ich habe geglaubt, dass es nicht so schlimm war, wie ich dachte", habe er geantwortet. Ankläger Jonas Hankin wollte wissen, ob ihm die Liebe und Aufmerksamkeit seiner Partnerin wichtiger gewesen seien, als das Wohlergehen seines Sohnes. H. sagte: "Gegen Ende möglicherweise."

Zahlreiche Tonaufnahmen und Textnachrichten untermauern diesen Eindruck. Emma habe ihrem Freund Sprachnachrichten geschickt, sobald der das Haus verlassen habe. Darauf sei das weinende Kind zu hören. H. habe unter anderem geantwortet: "Buddel Arthurs Grab", "Ich dreh' ihm den Hals um", "Wenn ich wieder da bin, mache ich ihn fertig". Sie solle seinen Sohn zusammen mit dem Müll herausbringen. Der 29-Jährige habe gestanden, auch bestimmte Druckpunkte im Nacken des Jungens bis zu 15 Sekunden gedrückt zu haben, die er in Videos über Polizeibrutalität gesehen habe, berichtet die "Daily Mail". Das Paar soll den Sechsjährigen als "Teufelskind" bezeichnet haben. Die Stiefmutter habe ihrem Freund geschrieben: "Ich will dich, aber nicht ihn."

„Er hat ihm gesagt, dass seine Mutter ihn nicht liebt"

Der Onkel des Jungen hatte vergangenen Monat vor Gericht ausgesagt, Thomas habe seinen Sohn gegen eine Wand geschubst und "hässlich" genannt. "Er hat ihm gesagt, dass seine Mutter ihn nicht liebt und ihn verstoßen hat", so Blake H. "Er (Arthur) ist in Tränen ausgebrochen und hat immer wieder gesagt, dass ihn niemand liebt." Arthur war 2019 zu seinem Vater gezogen, nachdem seine Mutter Olivia H. Medienberichten zufolge angeklagt worden war, ihren Lebensgefährten im Februar desselben Jahres erstochen zu haben. Sie war im Juli 2021 wegen Mordes zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden, schreiben unter anderem "BBC" und "Birmingham Mail".

Laut der britischen Zeitung "The Sun" habe der Vater, nachdem Arthur kein Lebenszeichen mehr zeigte, noch 13 Minuten gewartet, bevor er den Notruf alarmierte. Die Sanitäter hätten den Sechsjährigen "auf dem Rücken liegend, leblos, blass und mit blauen Lippen" vorgefunden. Im Kinderkrankenhaus von Birmingham starb Arthur an einem Schädel-Hirn-Trauma. Um ein Uhr nachts, am 17. Juni 2020 stellten Ärzte die lebenserhaltenden Maschinen auf der Intensivstation ab. (cwa)