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Selbstgemachter Fiebersaft für Kinder: Apotheken reagieren auf Medikamenten-Notstand

Lebensbedrohliche Lieferengpässe

Selbstgemachter Fiebersaft für Kinder: Apotheken reagieren auf Medikamenten-Notstand

Apotheken reagieren auf Medikamenten-Notstand Lebensbedrohliche Lieferengpässe
02:46 min
Lebensbedrohliche Lieferengpässe
Apotheken reagieren auf Medikamenten-Notstand

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250 Medikamente sind derzeit nicht lieferbar. Diese erschreckende Zahl meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel. Gründe für die Engpässe sind zum einen die Corona-Pandemie, aber auch Störungen der Lieferkette durch den Ukraine-Krieg. Auch bei fiebersenkendem Saft für Kinder heißt es in Apotheken: „Fehlanzeige – haben wir nicht.“ Wie Apotheken jetzt Eltern aus dieser Not helfen, sehen Sie im Video!

Patienten in Not - Sie auch?

Die Ergebnisse der Umfrage sind nicht repräsentativ.

Medikamentenmangel für Eltern "eine echte Notsituation"

40 Grad Fieber, das Kind leidet, die Eltern leiden mit: Hier hilft normalerweise der Wirkstoff Ibuprofen oder Paracetamol – für Kinder als Saft verabreicht. Da kann man froh sein, wenn man noch eine Flasche davon im Schrank hat. Denn: Die Flüssigkeit, die nach Erdbeer und Kirsche schmeckt, gibt es momentan nicht mehr. Zäpfchen und Tabletten sind für Kinder kaum eine Alternative, der Engpass beim Fiebersaft gibt bei vielen Eltern Anlass zur Sorge: „Paracetamol, Ibuprofen kann man im Wechsel öfter geben als jetzt nur ein Medikament, aber da ja Fiebersaft ausverkauft war... Die Apotheke hat gesagt, es wird gerade nicht produziert und die wussten nicht, wann es wieder kommt. Das war echt eine Notsituation“, beschreibt eine Mutter ihre Ängste im RTL-Interview.

Lese-Tipp: Medizin für Kinder fehlt bundesweit! Apotheken-Chef erklärt Grund für Mega-Lieferengpass

Grund für die Engpässe sei laut Apothekerin Annika Kimnach aus Kassel neben den logistischen Herausforderungen bei der Lieferung des Wirkstoffs, dass ein Hersteller die Produktion von Fiebersaft für Kinder aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt habe. Auch online sei der Fiebersaft nicht erhältlich momentan.

Annika Kimnach, Leiterin der Kasseler Post-Apotheke, bedauert die geringe Anzahl der Produktionsstätten von Fiebersaft weltweit.
Annika Kimnach, Leiterin der Kasseler Post-Apotheke, teilt die Sorgen der Eltern ihrer kleinen Kunden.
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Info über Mangel erreicht Apotheken oft zu spät

Eine Erkältung und ein bisschen Fieber sind das eine – doch was, wenn ein Kind zum Beispiel zu Fieberkrämpfen neigt, die durch extrem schnelles Ansteigen der Körpertemperatur ausgelöst werden? „Eine Horrorvorstellung, dann kein Medikament dazuhaben“, sagt eine betroffene Mutter.

Ein weiteres Problem: Viele Medikamente werden außerhalb von Europa produziert, eine absolute Misslage, so Apothekerin Annika Kimnach im RTL-Interview: „Wir würden uns wünschen, dass die Regulierung da besser ist, dass für Wirkstoffe, die wirklich relevant sind für die Therapie, auch Produktionen in Europa angesiedelt sind. Dass die Hersteller, wenn ein Mangel da ist, frühzeitig Bescheid geben. Damit man gegensteuern kann. Das wäre für die Patienten wichtig.“ Für ein so gängiges Medikament wie Ibuprofen und Paracetamol gebe es viel zu wenig Produktionsstätten weltweit.

Selbst hergestellter Fiebersaft: Absprache zwischen Arzt und Apotheke empfohlen

 Krankes Mädchen liegt mit Fieberthermometer im Bett - sick girl with clinical thermometer in bed BLWX095221 Copyright: xblickwinkel/McPhotox/FotoxBegsteigerx
Die Zahl auf dem Fieberthermometer steigt und steigt - mit ihr die Ängste der Eltern. Copyright: xblickwinkel/McPhotox/FotoxBegsteigerx
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Und im Zweifel kann dieser Engpass – wie bei von Fieberkrämpfen geplagten Kindern – eben lebensbedrohlich sein. Eine Lösung muss her: So stellen Apotheken wie die Post-Apotheke in Kassel ihren eigenen Fiebersaft her. Die Apotheken haben eine genaue Anleitung dafür. Oft müssen die Grundsubstanzen für die Suspensionen, der Mischung aus einer Flüssigkeit und einem darin fein verteilten Feststoff, aber erst auch bestellt werden, was wiederum Zeit in Anspruch nimmt. Der Apothekerverband legt den Apothekern vor der Herausgabe des selbst hergestellten Safts nahe, Kontakt zu dem Kinderarzt aufzunehmen, der den Fiebersaft für das Kind verordnet hat. So können Besonderheiten zum Beispiel bei der Dosierung vorher abgeklärt werden.

Bekomme ich den selbstgemachten Fiebersaft überall?

Nicht jede Apotheke besitze die Sondergenehmigung, den Saft selbst herzustellen, aber viele greifen inzwischen auf die Methode zurück, so der Deutsche Apothekerverband. Man müsse im Einzelfall nachfragen, ob diese „Handmade“-Alternative angeboten wird. Für die Eltern sei dabei zu beachten, dass in der Apotheke selbst hergestellter Fiebersaft mit Ibuprofen und Paracetamol weniger lang haltbar ist als der industriell hergestellte. Da die Inhaltsstoffe sich oft schwerer vermischen, sollte man den Saft vor jeder Verabreichung kräftig durchschütteln.

Im Labor der Apotheken wird der Fiebersaft aus gemörserten Tabletten und einer Flüssigkeit hergestellt.
Im Labor der Apotheken wird der Fiebersaft aus gemörserten Tabletten und einer Flüssigkeit hergestellt.
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Ist die "Handmade"-Notlösung bezahlbar?

Handgemachte Dinge sind ja erfahrungsgemäß immer teuer, gilt das auch bei den selbst hergestellten Fiebersäften? Laut Verband der Ersatzkassen in Hessen müssen sich Eltern über zusätzliche Kosten keine Sorgen machen – sofern sie ein Rezept vom Kinderarzt vorlegen: „Die gesetzlichen Krankenkassen haben gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände schnell und lösungsorientiert vereinbart, die Kosten für die individuell durch die Apotheken gefertigten Rezepturarzneimittel mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen zu übernehmen, sofern eine ärztliche Verordnung vorliegt und diese seitens der Apotheken korrekt abgerechnet wird. Damit ist die Versorgung mit Fiebersäften für die Versicherten sichergestellt und die Versicherten müssen nicht draufzahlen“, so Heike Kronenberg vom hessischen Verband der Ersatzkassen. (mle/gmö)