Von der Gründung bis zum Bürgerkrieg

Rassismus in den USA: Der Geburtsfehler einer Nation

"Slave Pen", Alexandria, Virginia, 1863.
© Heritage Art/Heritage Images, Andrew Joseph Russell

23. Februar 2021 - 7:57 Uhr

Der Grundstein für Rassismus

Am 4. Juli 1776 erklärten 13 Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent einstimmig ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. 300 ereignisreiche Jahre waren seit der Entdeckung vergangen. Dieses neue Land beheimatete nun eine diverse Bevölkerung: Die indigenen Völker, die Einwanderer verschiedener europäischer Länder und die Menschen, die aus Afrika als Opfer des transatlantischen Sklavenhandels nach Amerika gebracht worden waren. Eine Konstellation, von der wir heute wissen, dass die Väter der amerikanischen Verfassung sie nicht ausreichend berücksichtigt haben.

Sklaven waren Statussymbol

Die Sklaverei und den Handel mit Sklaven gab es schon lange vor der Entdeckung Amerikas, geschichtliche Aufzeichnungen reichen zurück bis ins 18. Jahrhundert vor Christus. Sklaverei war ein Ausdruck von Macht, menschenverachtend, aber in ihrem Ursprung nicht unbedingt rassistisch. Im Laufe der Kolonisierung Amerikas bekam die Sklaverei jedoch eine rassistische Komponente.

Neben dem Besitz von Ländereien entwickelte sich der Besitz von Sklaven bald zu einem Statussymbol. Die Arbeit der Sklaven war von immenser wirtschaftlicher Bedeutung, da sie die Sklavenbesitzer kaum etwas kostete. Und schließlich war Sklaverei ein Symbol der Klassengesellschaft und diente deren Aufrechterhaltung. Die aus ihrer Heimat verschleppten und ihrer Kultur entrissenen Menschen fanden sich in einem völlig fremden Umfeld wieder, ohne Sprachkenntnisse, ohne Chance, sich anpassen oder integrieren zu können. Sie waren ihren plötzlichen Besitzern vollkommen ausgeliefert und auf deren Wohlwollen angewiesen – in einem unüberwindbaren Abhängigkeitsverhältnis.

Das Dilemma des Thomas Jefferson

Diesem Missstand war sich der Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, durchaus bewusst. In dem späteren dritten Präsidenten der USA, der ein Verfechter der Aufklärung war, manifestierte sich gewissermaßen der Widerspruch zwischen umfassender Freiheit für jeden Menschen und dem System der Sklaverei. Er lehnte die Sklaverei ab, hatte sich in den Jahren vor der Unabhängigkeitserklärung politisch sogar für eine Gleichstellung der Sklaven eingesetzt, besaß als südstaatlicher Grundbesitzer jedoch selbst Sklaven. Er selbst formulierte es in einem Brief aus dem Jahre 1820 so: "Wir halten den Wolf an den Ohren, wir können ihn nicht festhalten, wir können ihn aber auch nicht gefahrlos gehen lassen, Gerechtigkeit ist das eine, Selbsterhaltung das andere."

Beim Verfassen der Unabhängigkeitserklärung hatte Jefferson seinen aufklärerischen Idealen entsprechende Absichten und entwarf einen Passus, der die Sklaverei anprangerte. Dieser wurde jedoch gestrichen, da der Kontinentalkongress um die Zustimmung der südlichen Staaten fürchtete. Schon zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung hatte die Arbeit der Sklaven im Süden eine wirtschaftlich weit größere Bedeutung als Im Norden, wo es zwar ebenfalls Sklaven gab, gemessen an Einwohnerzahl war ihr Anteil jedoch sehr viel geringer.

Einfach ausgedrückt war das Dilemma aus Sicht der Entscheidungsträger um Jefferson folgendes: Die Notwendigkeit, im Kampf um die Unabhängigkeit mit einer Stimme zu sprechen, machte in ihren Augen eine Abkehr von der Sklaverei unmöglich. Und so stand nun ein Widerspruch zwischen den Zeilen der Unabhängigkeitserklärung.

Ein Riss, der bis heute existiert

Die Erklärung "Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit" forderte in der Theorie universelle Freiheit und unveräußerliche Menschenrechte für jeden ein. Durch das Akzeptieren der Institution Sklaverei schrieb sie in der Praxis den Rassismus fest, denn selbst freien Schwarzen blieben die Grundrechte verwehrt. Es war so etwas wie der Geburtsfehler der Vereinigten Staaten, der die Voraussetzungen für den Riss zwischen Nord und Süd schuf, der in den ersten 80 Jahren des Landes immer größer wurde und schließlich 1861 zum Bürgerkrieg führte – und bis heute nicht verschwunden ist.