Prozess in Lüneburg

Juwelier wird überfallen: "Ich konnte dem nur in den Kopf schießen"

Der Juwelier, der auch als Zeuge und Nebenkläger auftritt, sagt vor Gericht: "Ich wollte ihn nicht umbringen."
Der Juwelier, der auch als Zeuge und Nebenkläger auftritt, sagt vor Gericht: "Ich wollte ihn nicht umbringen."
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31. Mai 2021 - 10:42 Uhr

Juwelier wehrt sich gegen Einbrecher

Es war wohl einer der spektakulärsten Raubüberfälle des vergangenen Jahres: Im September 2020 wird das Juweliergeschäft von Karin und Bernd Heinrichs in Celle überfallen. Der Juwelier erschießt die beiden Einbrecher. Ein dritter Täter soll den Fluchtwagen gefahren haben und steht deswegen nun vor Gericht. Im Prozess vor dem Landgericht Lüneburg haben die Eheleute am Freitag als Zeugen ausgesagt.

Juwelier: "Wir wollen eine gerechte Bestrafung"

Er und seine Frau wollen Gerechtigkeit, sagt Bernd Heinrichs. Der Juwelier wirkt entschlossen bei seiner Zeugenaussage: "Unser Juweliergeschäft ist immer geschlossen. Man muss klingeln", beginnt der Kaufmann. Auch am 14. September 2020 klingelt es. Es ist 15:45 Uhr. Bernd Heinrichs sieht hinten gerade fern. Vorne im Verkaufsraum des Juweliergeschäfts hört er plötzlich seine Frau schreien: "Pass auf! Pass auf!" Der 73-Jährige greift seinen 38er Revolver. Im Verkaufsraum entdeckt Bernd Heinrichs, wie einer der Täter seine Frau im Würgegriff hält. Ein zweiter Täter zielt mit einer Schusswaffe auf den Senior. "Das war eine absolute Mörderpistole, so was hat kein normaler Mensch", sagt der Goldschmied vor Gericht aus. Der 73-Jährige schießt mit seiner Waffe auf beide Täter. "Ich konnte dem nur in den Kopf schießen", sagt Bernd Heinrichs vor Gericht. Und weiter: "Ich wollte ihn nicht umbringen. Ich bin nicht der Typ, der anderen Leid zufügt. Es tut mir in der Seele leid." Ein Täter stirbt am Tatort, der weitere Beteiligte erliegt später seinen Verletzungen.

Angeklagter sollte den Fluchtwagen fahren

Der Angeklagte steht vor Gericht
Ein 38-Jähriger ist wegen gemeinschaftlich begangenen versuchten schweren Raubes angeklagt
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Bei der Schilderung von Bernd Heinrichs weint der Angeklagte im Gerichtssaal, er ist sichtlich mitgenommen. Einer der Getöteten war sein Bruder. Der 38-jährige Angeklagte soll der Fluchthelfer gewesen sein. Er soll das Fluchtfahrzeug vor dem Juweliergeschäft geparkt und Kontakt gehalten haben. Jetzt ist er wegen gemeinschaftlich begangenen, versuchten schweren Raubes angeklagt. Die Staatsanwaltschaft legt dem 38-Jährigen zur Last, sich mit seinem Bruder und einem weiteren Beteiligten verabredet zu haben, um den Juwelier in Celle auszurauben. Während der Angeklagte in dem Fluchtauto gewartet haben soll, sollen die beiden Komplizen mit Handschellen, einer Schusswaffe, einem Handbeil und einem Messer das Geschäft betreten haben. Dort sei, laut Staatsanwaltschaft, einer der Täter über den Tresen gesprungen und habe sich auf die Ehefrau von Bernd Heinrichs gestürzt, um diese zu würgen und zu fesseln.

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Juwelier wurde schon vor 23 Jahren überfallen

Im Gerichtssaal schildert Juwelier Bernd Heinrichs, wie er und seine Frau schon einmal überfallen wurden: "Das war vor 23 Jahren. Etwa eine Million Euro waren weg. Wir waren nicht versichert." Auch damals sei seine Frau gefesselt worden. Heinrichs erzählt, wie die Täter von damals laut Polizeibericht geprahlt haben sollen: "Nach Celle fahren wir noch einmal. Das war so einfach. Kein Wachdienst", sollen die Täter damals gesagt haben. Die Polizei selbst rät dem Kaufmann daraufhin, dass er sich bewaffnen solle. "Ich wollte erst nicht, aber es hat sich ausgezahlt", sagt der Juwelier vor Gericht.

Ermittlungen wegen Totschlags gegen den Juwelier eingestellt

Bernd Heinrichs macht 1998 einen Waffenschein. Die dramatischen Szenen bei dem Überfall auf sein Juweliergeschäft im September 2020 dauern nur wenige Sekunden. Vor Gericht erinnert er sich: "Das ist das Schlimmste im Leben. Auf seine Frau mit einer Waffe zu zielen. Aber nur so konnte ich meine Frau retten." Bernd Heinrichs hält kurz inne, bevor er fortführt: "Heute verstehe ich Wilhelm Tell, der auf sein eigenes Kind schießen musste."

Nach den tödlichen Schüssen auf die Räuber war lange unklar, ob gegen Bernd Heinrichs Anklage wegen Totschlags erhoben wird. Dann entschied die Staatsanwaltschaft Lüneburg, das Verfahren gegen den Juwelier einzustellen. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass der Senior in Notwehr gehandelt hatte. (mtu)