Pädophilie: Nicht jeder gibt gefährlichen Neigungen nach

Präventions-Therapie "Kein Täter werden" zeigt Erfolg

Schätzungsweise 250.000 bis 300,000 Männer in Deutschland haben pädophile Neigungen.
Schätzungsweise 250.000 bis 300,000 Männer in Deutschland haben pädophile Neigungen.
© picture-alliance/ dpa, Lehtikuva

05. März 2021 - 10:11 Uhr

Pädophilie und Pädokriminalität: Nicht dasselbe

Caspar (Name geändert) ist 60 Jahre alt und fühlt sich schon länger zu Kindern hingezogen. Jahrelang arbeitete er als Hausmeister an einer Grundschule. Seine große Sorge war, dass er seinen Neigungen eines Tages nachgeben könnte. Vor einigen Jahren suchte er sich deshalb Hilfe beim Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden". Das Angebot gibt es seit 2005 an der Berliner Charité. Über 11.300 Menschen haben sich dort bis heute gemeldet, um zu verhindern, dass sie Kindern wegen ihrer eigenen sexuellen Neigung schaden – denn pädophil sein heißt nicht automatisch, pädokriminell zu werden, also sexuelle Gewalt gegen Kinder auszuüben. Eine Studie belegt, wie erfolgreich das Programm ist.

Tabuthema Pädophilie

Caspar ist einer von schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Männern in Deutschland, die eine sexuelle Vorliebe für Kinder haben. Doch längst nicht jeder setzt seine Fantasien auch in die Tat um. Viele Betroffene leiden unter ihren Neigungen. Depressionen und Angsterkrankungen sind bei ihnen doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung. Das Problem: Pädophilie ist noch immer ein Tabu und Hilfe zu bekommen, gar nicht so leicht. Therapeuten, die nicht auf das Thema spezialisiert sind, lehnen eine Behandlung oft ab. Laut "Kein Täter werden" wird eine Pädophilie fast ausschließlich bei Männern diagnostiziert – wie häufig sie bei Frauen vorkommt, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

Mehr über Pädophilie können Sie hier nachlesen.

Wir haben Caspar 2018 zum Interview getroffen. Im Video spricht er über die innere Zerrissenheit durch seine pädophile Neigung.

Studie: Präventions-Therapie "Kein Täter werden" zeigt Erfolg

"Kein Täter werden" - Das Bettenhaus des Krankenhauses Charitè
"Kein Täter werden" entstand 2005 an der Berliner Charité
© dpa, Jörg Carstensen

Um Betroffenen zu helfen und somit Kindesmissbrauch zu verhindern, entstand "Kein Täter werden" und ist inzwischen ein Netzwerk mit mehreren Standorten bundesweit. Nach eigenen Angaben suchten bisher mehr als 11.300 Menschen unter Schweigepflicht Hilfe (Stand: 31.12.2020). Die einzige Voraussetzung ist, dass kein Gerichtsverfahren gegen sie läuft. Aktuell haben 1.388 Personen eine Therapie begonnen.

Auch mehrere Jahre nach dem Ende ihrer Therapie sind viele Männer mit pädophilen Neigungen einer Nachuntersuchung von 2018 zufolge nicht zu Tätern geworden. Alle bis auf einer von 56 Teilnehmern berichteten laut "Kein Täter werden", keinen sexuellen Missbrauch begangen zu haben. Die Nachuntersuchung beruht auf Befragungen im Schnitt sechs Jahre nach Therapieende. Jeder Zweite der Männer hatte vorher einen oder mehrere Übergriffe begangen. Nach Therapieende hatte keiner der Teilnehmer Kontakt mit der Justiz.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Therapiekosten von Krankenkassen übernommen

"Kein Täter werden" - Prävention hilft Pädophilen
Das Netzwerk bietet inzwischen auch Hilfe für Jugendliche und jüngere Männer mit pädophilen Neigungen an, die oft noch nicht mit dem Konsum von Kinderpornos begonnen haben.
© picture alliance / Photoshot

Die Therapie sorge auch dafür, dass viele Männer keine kinderpornografischen Bilder und Videos mehr nutzen oder den Konsum einschränken, sagte Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier. Die meisten Therapieteilnehmer geben an, in ihrem Leben bereits Kinderpornos angeschaut zu haben. Ein Problem sei, so Beier, dass darin der Eindruck erweckt werde, dass Kinder Sex wollen. Um dem Übergang zur Tat vorzubeugen, zielt die Therapie etwa auf die Korrektur dieser Annahme ab. Daneben geht es etwa um die Kontrolle sexueller Impulse.

Die Therapie dauert durchschnittlich 1,5 Jahre mit wöchentlichen Sitzungen. Ein Jahr kostet 8.000 Euro. Seit Anfang 2018 werden die Kosten in einem auf fünf Jahre angelegten Modellprojekt, das extern durch die Universität Chemnitz evaluiert wird, von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Ende 2022 wird das Modellvorhaben voraussichtlich abgeschlossen – dann sollen neue umfassende Erkenntnisse veröffentlicht werden.

Wie Sie Ihre Kinder schützen können, erfahren Sie hier.