Oberarzt der Kinder-Intensivstation schlägt Alarm: Kinder sterben, weil wir sie nicht aufnehmen können

25. Oktober 2018 - 18:09 Uhr

"Das ist für Eltern die Hölle"

Die Wahrheit ist schonungslos und Doktor Michael Sasse spricht sie aus: Es sterben Kinder, weil in seiner Klinik die Fachkräfte fehlen. Sasse ist leitender Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Er arbeitet dort in der Kinder-Intensivstation. Die Patienten hier haben Krebs, Herzfehler oder schwere Infektionen. Wer hier aufgenommen werden soll, schwebt in der Regel in akuter Lebensgefahr. Dennoch musste die MHH im vergangenen Jahr trotz freier Betten 417 Kinder ablehnen, die dort gerettet werden könnten - mehr als eins pro Tag. Jetzt schlagen Sasse und seine Kollegen wegen der irrsinnigen Situation Alarm.

Operation fünfmal verschoben

"Es gibt Eltern, die sich an uns wenden und darum bitten, dass ihr Kind bei uns operiert wird", sagt Sasse im Interview mit Stern TV. Der zweifache Vater weiß, wie sich Eltern in diesen Momenten fühlen. "Vor drei Wochen habe ich auf unserer Station mit einer Mutter ein einstündiges Gespräch geführt, bei deren Kind wir fünfmal die Operation verschieben mussten. Das war sehr intensiv." Sasse habe ihr erklären müssen, dass immer wieder andere Kinder Vorrang hatten, deren Situation noch schlimmer war. "Das ist für Eltern natürlich die Hölle", fährt er fort. Auch Pfleger und Mütter klagen an - lesen Sie hier, wie sie den belastenden Alltag auf der Kinder-Intensivstation erleben.

Die pädiatrische Intensivstation der MHH ist deutschlandweit die größte ihrer Art. Doch statt der verfügbaren 18 Plätze werden dort seit längerem nur noch zwölf bis 15 Betten belegt - mehr können Sasse und sein Team nicht leisten. Denn jeder Patient, der hier liegt, braucht die volle Aufmerksamkeit des Personals, es geht um Leben und Tod. "Wir müssen auch eine Qualität anbieten", sagt er. Es gebe eine klare Regel: Eine Pflegekraft darf maximal zwei Patienten betreuen. Diesen Schlüssel empfiehlt auch die deutsche Vereinigung für Intensivmedizin.

"Wir müssen morgens entscheiden, wer hier die besseren Überlebenschancen hat"

Doktor Michael Sasse
Oberarzt Michael Sasse spricht über den Pflegenotstand in der Kinderintensivmedizin.
© dpa, Ole Spata, ole cul

Von den 54 Pflegestellen der Abteilung sind drei Vollzeitstellen unbesetzt. Sasse findet kein neues Personal, sein Team muss das kompensieren. Die Folge: Die Mitarbeiter sind überarbeitet und müssen sich krankmelden. Auch Elternzeiten können kaum aufgefangen werden. Zwar bemühen sich Sasse und sein Team, die Patienten anderweitig unterzubringen. Doch anderen Kliniken geht es genauso.

Laut Sasse umgehen viele Krankenhäuser das Problem, indem sie festlegen, dass eine Pflegekraft vier bis fünf Patienten betreut. "Das können wir uns bei diesen schwer kranken Kindern überhaupt nicht leisten", so Sasse. Auch wenn es darum geht, welches Kind aufgenommen wird, bleibt ihm kein Raum für Emotionen: "Es ist ein erheblicher ethischer Konflikt. Wir müssen morgens teilweise entscheiden, wer hier die besseren Überlebenschancen hat." Wie Doktor Sasse mit der Situation umgeht, sehen Sie im Video.