Schock-Diagnose in jungen Jahren

„Ich dachte ich habe nur fettig gegessen“ - junger Mann (34) erkennt Darmkrebs-Symptome nicht

Nick macht Selfie
Nick Summerfield bekam mit gerade einmal 33 Jahren die Diagnose Darmkrebs.
Nick Summerfield

Dass Darmkrebs nicht nur ältere Menschen treffen kann, beweisen inzwischen viele traurige Beispiele. So wie zuletzt auch der tragische Tod von Deborah James. Die BBC-Moderatorin (†40) hat am Dienstag (28.6.) den jahrelangen Kampf gegen den Darmkrebs verloren. Aber auch Nick Summerfield aus England hätte niemals mit dieser Diagnose gerechnet. Er ist ein lebensfroher Mann im besten Alter, als ihn die schreckliche Diagnose auf einmal komplett aus der Bahn wirft. Aber Nick kämpft und erzählt seine Geschichte, vor allem um andere zu ermutigen und das Bewusstsein für die schlimme Krankheit zu sensibilisieren. Denn irrtümlicherweise denken noch immer viele Menschen, dass Darmkrebs vor allem eine Alterskrankheit ist.

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Plötzlich verändert sich Nicks Stuhlgang

Nick ist heute 34 Jahre alt, sportlich und verwaltet Airbnb-Vermietungen und Ferienunterkünfte in ganz Großbritannien. Er ernährt sich gesund, trinkt fast keinen Alkohol und geht viel an die frische Luft. Aber um die Weihnachtszeit macht auch Nick mal eine Ausnahme und schlemmt mal ungesunde Sachen, so wie im Jahr 2020. „360 Tage im Jahr hielt ich mich fit und aß gesund, aber über die Weihnachtszeit nahm ich mir eine Woche lang eine Auszeit und genoss all die typischen festlichen Speisen und Leckereien. Dann bemerkte ich, dass sich meine Stuhlgewohnheiten veränderten“, schreibt Nick auf seinem Instagram-Account.

Da Nick, wie er selbst sagt, normal einen sehr regelmäßigen Stuhlgang habe, fiel ihm das natürlich sofort auf, aber er schob die Sorgen beiseite und schrieb sie seinem Ausbruch von Maßlosigkeit zu. Aber im Januar bemerkt er dann plötzlich auch Blut in seinem Stuhlgang. „Nach einiger Ermutigung durch meine Mutter rief ich meinen Hausarzt an und bekam noch am selben Tag einen Termin angeboten“, so Nick. Der denkt jedoch zunächst, dass es sich lediglich um einen harmlosen Infekt handele, schickt Nick jedoch vorsorglich zur Darmspiegelung.

Nick sportlich und fit macht Selfie
Nick hatte sich immer gesund ernährt und viel Sport getrieben, die Diagnose Darmkrebs hat ihn völlig aus der Bahn geworfen.
Nick Summerfield

"Nur alte Menschen bekommen Darmkrebs, richtig?" - Falsch.

„Die Prozedur war ziemlich schmerzhaft und ich fand es nicht gut, auf dem Monitor mitverfolgen zu können, was die Kamera, die in dir drin war, zeigte. Aber trotzdem hätte ich nie gedacht, dass dies der Beginn der grausamen Reise sein würde, die der Krebs für mich bereithielt“, so Nick.

Aufgrund der Covid-Einschränkungen muss der Wohnungsverwalter den Termin alleine wahrnehmen. Aber nach der Spiegelung bittet eine Krankenschwester Nick, seine Eltern herbeizuholen. „Ich wurde gebeten, dem Arzt mit meiner Familie in einen privaten Raum zu folgen, als er mir sagte: ‚Das sieht nach Krebs aus.'“.

Dem jungen Mann gehen tausend Dinge durch den Kopf. „Wie konnte ich Krebs haben? Was werden meine Freunde und Familie sagen? Was wird die Arbeit sagen? Wie wird mein Leben jetzt aussehen? Ich bin 33 Jahre alt. Nur alte Menschen bekommen Darmkrebs, richtig?“. Falsch.

  • Laut der britischen Wohltätigkeitsorganisation „Worldwide Cancer Research“ wurde im Jahr 2020 bei 2.700 Menschen unter 50 Jahren Darmkrebs diagnostiziert – über 700 starben.

Nick unterzieht sich vielen weiteren Untersuchungen, doch sie alle bestätigen den Verdacht. Der Krebstumor hatte bereits die Größe eines Golfballs, der nicht nur Nicks Darmwand durchbrochen hatte, sondern kurz davor war, sich an seiner Blase festzusetzen. „Es fühlte sich an, als wäre ich in einem schrecklichen Alptraum und ich wünschte, jemand würde mich einfach aufwecken“, beschreibt Nick sein Gefühl.

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Die Pandemiebeschränkungen belasten Nick zusätzlich

Innerhalb weniger Stunden wandelt sich Nicks komplettes Leben. Er beginnt eine sechswöchige Strahlentherapie und eine orale Chemotherapie. Die Behandlung schlägt an und der Tumor schrumpft, sodass Nick operiert werden kann. „Obwohl mich die Ärzte und Krankenschwestern gut auf die Operation vorbereiteten, hätte ich nie gedacht, was noch kommen würde. Ich wachte mit vielen Narben, Schläuchen und Geräten auf, die an meinem Körper waren. Und ich hatte einen Stomabeutel (ein Beutel, der den Kot auffängt – Anm.d.Red.), den ich „Zippy“ nannte. Es war eine Menge zu verarbeiten, und ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass der Körper, in dem ich aufwachte, mir gehörte“, sagt Nick.

Der einst so lebensfrohe Mann versucht das neue Ich zu verstehen. Doch eine zusätzliche Infektion und die damaligen Pandemiebeschränkungen erschwerten seine Situation zusätzlich. Denn durch sein ohnehin schon geschwächtes Immunsystem durfte Nick auch keine Freunde treffen.

„So lange isoliert zu sein, war wirklich schwierig, zumal ich früher so aktiv war. Die Ansteckung mit COVID-19 hätte meine gesamte Behandlung gestoppt, und da mein Immunsystem so schwach ist, hätte es einen echten Einfluss auf meine Gesundheit haben können. Das Risiko war einfach zu hoch“, erklärt der Darmkrebs-Patient.

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Mit seiner Geschichte will Nick andere warnen

Dann ein weiterer Schock: Denn Tests nach der Operation zeigen, dass Krebszellen in Nicks Blutgefäßen sind. Es folgen sechs weitere Monate Chemotherapie – 14 Tage Behandlung, sieben Tage Pause, und das Ganze wieder von vorne. Aber die Behandlung schlägt an. Im März 2022 dann eine weitere Operation, bei der der Stomabeutel gewechselt wird.

Aber die Freude währt nicht lange. „Ein weiterer Scan zeigte einen besorgniserregenden Knoten auf meiner Lunge. Ich wusste nicht, ob ich die Kraft habe, das alles noch einmal durchzumachen. Aber als die Ergebnisse am 12. April kamen, war klar, dass es nichts Schlimmes war und ich jetzt krebsfrei war! Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte den Krebs besiegt.“

Doch Nick weiß, dass er auch Glück hatte und will mit seiner Geschichte andere warnen. Denn Darmkrebs ist keine Krankheit, die nur alte Menschen betrifft – auch wenn dies noch immer von vielen jungen Menschen so wahrgenommen wird. „Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Darmkrebs Menschen jeden Alters betreffen kann und dass wir alle auf unseren Stuhlgang achten sollten“, erklärt Nick.

Zwar habe sich laut Nick die Überlebensrate bei Darmkrebs in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert, Darmkrebs sei aber noch immer der zweitgrößte „Krebskiller“.

Dr. Christoph Specht schaut in die Kamera.
Wir haben bei Dr. Christoph Specht nachgefragt, wer besonders von Darmkrebs gefährdet ist.
Moritz Jansen, photoMo

Dr. Christoph Specht rät vor allem bei bereits bekannten Darmkrebs-Fällen in der Familie zur Vorsorge

Nick selbst will nach seiner Erfahrung jetzt regelmäßig zur Vorsorge gehen. „Ich werde meine nächsten Scans und eine Koloskopie im Juli haben. Danach werde ich alle sechs Monate einen Ganzkörperscan machen und danach jährlich eine Darmspiegelung.“

Wie wichtig die Vorsorge ist, weiß auch Allgemeinmediziner und Medienjournalist Dr. Christoph Specht und ordnet die Krankheit auf RTL-Nachfrage ein. „Darmkrebs ist eine Erkrankung, deren Risiko, dass man diesen Krebs bekommt, ab 50 Jahren zunimmt. Bei Männern tendenziell noch etwas früher als bei Frauen. Deswegen wird die Vorsorge bei Frauen ab 55 empfohlen. Wesentlich seltener kommt es vor, dass Menschen unter 50 an Darmkrebs erkranken. Das kann aber bei genetischer Disposition der Fall sein.“ Sind in der Familie bereits Darmkrebs-Fälle bekannt, plädiert Specht dafür, schon möglichst früh mit der Vorsorge zu beginnen. „Bei einer Darmkrebs-Historie in der Familie, zahlt die Krankenkasse die Darmkrebs-Vorsorge auch schon bei Patienten mit 20 Jahren“, erklärt der Mediziner.

Darmkrebs-Erkrankungen unter 50 Jahren kämen laut Specht zwar eher selten vor, doch es gibt Ausnahmen, wie auch Nicks Fall zeigt. Außerdem gibt es beispielsweise das „Lynch-Syndrom, eine der häufigsten erblichen Tumorerkrankungen des Magen-Darm-Trakts. Ursache ist nicht – wie bei anderen Krebserkrankungen des Darms – eine Vielzahl an Polypen, sondern genetische Veränderungen der Erbinformationen“, beschreibt Specht.

„Klassische Frühsymptome gibt es bei Darmkrebs nicht. Wenn Patienten Symptome haben, dann ist der Krebs schon sehr weit fortgeschritten. Auch Blut im Stuhl ist kein klassischer Hinweis. Hier liegen oft andere Gründe vor“, sagt der Allgemeinmediziner. Doch in solchen Fällen sollten Patienten ihren Stuhl untersuchen lassen, im Labor könnte der Ursache dann auf den Grund gegangen werden. Doch vor allem die Darm-Spiegelung biete eine sichere und gute Diagnostik und sei die beste Vorsorge, die man machen kann. (kko/mjä)

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