Ersthelfer: „Schau nicht zu deinem Daddy, komm' zu mir!“

Vater springt mit Tochter (5) vor den Zug, sie überlebt - das sagen Fernis Mutter und Retter

26. September 2019 - 11:13 Uhr

Mutter dankt "Gott und den Engeln, die sie beschützt haben"

Es ist ein kleines Wunder inmitten eines menschlichen Dramas: Die fünfjährige Ferni bleibt nahezu unverletzt, nachdem ihr Vater in New York mit seiner Tochter im Arm vor einen einfahrenden Zug gesprungen und gestorben ist. Augenzeige Jairo Torres ist sofort bei ihr, sagt: "Schau nicht zu deinem Daddy, komm' zu mir!" Ihre überglückliche Mutter Niurka Caraballo kann es kaum fassen: "Mein kleines Mädchen ist in bester Verfassung, dank Gott und den Engeln, die sie beschützt haben." Der ergreifende Moment, in dem die Kleine unter dem Zug hervorkrabbelt, was die Mutter und der Retter sagen – in unserem Video!

Passanten brechen in Tränen aus

Mutter Niurka Caraballo
Niurka Caraballo, die Mutter der fünfjährigen Ferni.

Als das kleine Mädchen auf den Bahnsteig gehoben wird, brechen Passanten in Tränen aus. Eine Frau schlägt die Arme über dem Kopf zusammen. Entsetzen. Fassungslosigkeit. Und mittendrin die fünfjährige Ferni, deren Vater mit ihr vor einen einfahrenden Zug gesprungen war. Das Kind hat wie durch ein Wunder überlebt!.

"Daddy hat geweint"

Am Morgen sei Fernando Balbuena noch wie immer gewesen. Nichts habe auf die Katastrophe hingedeutet, die sich wenige Stunden später ereignen sollte, erzählt Niurka Caraballo (41), die Mutter des Kindes, der "New York Post". Ihr Mann (†45) habe Ferni zur Schule begleitet. Wie jeden Morgen. Doch gegen acht Uhr an der Haltestelle Kingsbridge Heights in New York City (Bronx) änderte sich offenbar etwas. Fernando habe seine Frau angerufen. Sie habe nicht verstanden, was er sagte, aber "gespürt, dass etwas sehr falsch lief", so Luis Sanchez, der Patenonkel eines Sohnes des Ehepaares. Mehrere Male habe sie versucht, Fernando zu erreichen. Schließlich war es Ferni, die ihren Anruf annahm und sagte: "Daddy hat geweint", wird eine Polizeiquelle zitiert.

Niurka rannte sofort los, aber als sie bei der Haltestelle eintraf, war es bereits zu spät. Ihr Mann hatte vor den Augen Dutzender Pendler seine Tochter in den Arm genommen und war mit ihr vor die einfahrende U-Bahn-Linie 4 Richtung Manhattan gesprungen. "Ich sah, wie der Zug um die Ecke bog. Ich sah, wie der Mann sprang. Und da sah ich den kleinen Fuß heraushängen", berichtet eine geschockte Augenzeugin der "NY Post".

Körper des Vaters „in zwei Hälften zerteilt“

Der Zug kam zum Stehen und sofort hechteten zwei Männer ins Gleisbett. Einer von ihnen ist Jairo Torres, "Ich habe das Kind gesehen und bin gesprungen", erzählt der 36-Jährige dem Blatt. "Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht." Passanten filmten die dramatische Szene. Eine Stimme ist zu hören. Jemand ruft dem Mädchen beruhigend etwas zu: "Ganz langsam, meine Kleine, ganz langsam." Und tatsächlich. Auf dem Bauch liegend kriecht Ferni unter dem Zug hervor. Sie trägt noch immer ihren pinkfarbenen Schulrucksack, ein winziger Blutstropfen rinnt von ihrer Stirn, abgesehen davon ist sie körperlich unversehrt. Ihr Vater jedoch ist tot. Die tonnenschwere Bahn hat seinen Körper "in zwei Hälften zerteilt", wie Augenzeugen und Polizisten berichten.

Ferni scheint nicht verstanden zu haben, was ihr Papa getan hat. Ihrer Mutter sagte die Fünfjährige, sie und ihr Vater seien "auf die Gleise gefallen", wie eine Quelle beim New York Police Department (NYPD) der "New York Post" erzählte. Fotos zeigen die Kleine lächelnd, ihre Mutter dankt Gott, sagt: "Zum Glück ist ihr nichts passiert." Doch wer weiß schon, was sich hinter dem tapferen Lächeln verbirgt. Ferni hat ihren Vater verloren. Hat ihn vielleicht sterben sehen. Und zwar auf grausamste Weise. Hat vielleicht die Verzweiflung gespürt, als er weinte, als er sie schließlich packte und mit ihr vor den donnernden Zug sprang. Seine Verzweiflung und ihre eigene Angst.

Kinder, die täglich missbraucht werden - und trotzdem lachen

Dr. Katharina Ohana
Psychologin Dr. Katharina Ohana: Für das Kind ist es wichtig, schnellstmöglich Normalität herzustellen.
© deutsche presse agentur

Um das Kind zu schützen, sei es gut, ihm zunächst die Vorstellung von einem Unfall zu lassen, meint Psychologin und Buchautorin Dr. Katharina Ohana im Gespräch mit RTL.de. Später, im Erwachsenenalter, oder auch schon früher, wenn es die nötige Reife dafür habe, könne man ihm dann reinen Wein einschenken. Es gehe explizit nicht darum, das Kind zu belügen, sondern es zu schützen. Und nur, weil ein Kind lache, heiße dies nicht, dass es nicht traumatisiert sei und keinen Schaden davongetragen habe. Es gebe Kinder, die täglich missbraucht werden und trotzdem lachen, so Ohana.

Für Eltern sei es in einer solchen Situation wichtig, schnellstmöglich Normalität herzustellen und die Augen offenzuhalten: Nässt das Kind plötzlich wieder ein? Wird es von Albträumen gequält, entwickelt Phobien oder andere heftige Trennungs- und Verlustängste? Depressionen? Wird es aggressiv und malt nur noch verstörende Bilder? In diesen Fällen sollte spätestens ein Psychologe hinzugezogen werden, der das Kind bei der Bewältigung des Traumas begleitet.

"Er war ein guter Ehemann, ein guter Vater"

Theresia Höynck
Professorin Theresia Höynck hat zu Tötungsdelikten an Kindern geforscht.
© picture alliance / dpa, Holger Hollemann, hoh kde

Später einmal wird sich Ferni wahrscheinlich mit der Frage auseinandersetzen müssen, was ihren Vater dazu getrieben hat, mit ihr vor einen Zug zu springen. Beim sogenannten erweiterten Suizid, der höchst selten vorkomme, gebe es zwei Formen, sagt Ohana. Auf der einen Seite seien Menschen, die das Kind töten, damit der Partner es nicht kriege. Ein Akt der Rache, der Bestrafung, purer Egoismus. Es gehe um Kontrolle, Macht. Täter, die diesem Profil entsprechen würden (überwiegend Männer), seien meist schnell gekränkt, massiv narzisstisch veranlagt und hätten eine niedrige Frustrationsschwelle. Meist gehe diesen Fällen eine Trennung, Betrug oder eine andere tiefe Kränkung voraus, in der Beziehung gebe es im Vorfeld oft Gewalt und Eifersucht.

Wird die Tat - oder auch ein "einfacher" Suizid - spektakulär inszeniert, zum Beispiel wie hier medienwirksam in der Öffentlichkeit, sei es dem Täter offenbar ein Bedürfnis gewesen, ein letztes Mal ein Zeichen zu setzen "an die schlimme Welt. Alle sollen sehen, was mich umtreibt. Ich will noch einmal sichtbar sein, noch einmal gesehen werden in meiner Verzweiflung", sagt Professorin Theresia Höynck von der Universität Kassel, die zu Tötungsdelikten an Kindern geforscht hat.

Der Fall von Fernando Balbuena spricht nach Einschätzung von Psychologin Ohana jedoch eine andere Sprache. Der Verdacht liege nahe, dass die Tat der zweiten Form des erweiterten Suizids zugerechnet werden müsse: Nämlich der, dass der Mann psychisch krank war. Fernando könnte einen psychotischen Schub gehabt haben, Wahnvorstellungen, die ihn glauben machten, einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt zu sein. Einer Gefahr, der er in seiner Phantasie nur entrinnen konnte, indem er mit seiner Tochter die Flucht über das Gleisbett antrat? Fakt ist, dass der 45-Jährige wegen psychischer Probleme schon sechs Mal ins Krankenhaus eingeliefert worden war, Medikamente nahm. Zudem gab es keine Scheidungspläne, die Ehe war Fernandos Frau zufolge glücklich. Niurka Caraballo sagt: "Er war ein guter Ehemann, ein guter Vater, ein guter Ernährer und ein guter Mann. Ich hatte keine Ahnung, dass das passieren würde."

„Wie kann es sein, dass wir die Zeichen nicht gesehen haben?"

Vater springt mit Tochter (5) vor den Zug, sie  überlebt - das sagen Fernis Mutter und Retter
In der „Generation Selfie" ist es für Menschen, die sich mit Suizidgedanken tragen, schwer, Krisen zuzugeben und Hilfe zu suchen.
© imago/Ikon Images, imago stock&people

Was nach einer solchen Horrortat bleibt sind viele Fragen - und die Angehörigen, die wie Niurka schwer an der Last ihrer Schuldgefühle zu tragen haben.

Leider gebe es keine pauschalen Frühwarnsignale, die man nur beherzigen müsse, um Tragödien wie diese abzuwenden, sagt Höynck. Die Fälle seien höchst individuell und "die Vorstellung, man könne das irgendwie sehen oder erkennen, ist naiv. Auch Angehörige verdrängen. Verdrängen, dass Oma dement wird. Verdrängen, dass Papa säuft oder dass es Mutti schlecht geht. Das ist ziemlich normal und das sind keine unsensiblen, bösen oder dummen Menschen", so die Professorin. "In vielen Fällen ist es so, dass sich die Menschen hinterher selbst fragen: Wie kann es sein, dass wir die Zeichen nicht gesehen haben?"

In unserer "Selbstdarstellergesellschaft", der "Generation Selfie" sei es für Menschen, die sich mit Suizidgedanken tragen, zudem schwer, Krisen zuzugeben und Hilfe zu suchen, so Höynck. Sie seien oft sehr gut darin, Probleme vor ihrem Umfeld zu verbergen. "Es geht darum, eine Fassade aufrecht zu erhalten und auch um die Angst, welche Büchse der Pandora da womöglich geöffnet werden könnte."

Die Frage nach Frühwarnsignalen ist im Übrigen so wichtig wie problematisch. Welche Folgerungen zieht man aus der Erkenntnis, dass Eltern in psychischen Krisen sind? Das, was später als Frühwarnsignal erkennbar zu werden scheint, ist im der aktuellen Situation oft nicht klar zu deuten. Konsequenz könne aber nicht sein, psychisch instabilen oder kranken Personen sozusagen präventiv die Kinder wegzunehmen. "Das wäre absurd."

Hier finden Sie Hilfe!

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.