Er kämpft vor deutschem Gericht um Freiheit und Sicherheit

Weil ein Kollege Abdelkarim als homosexuell outete: "Ich hab' Angst, in meiner Heimat Algerien ermordet zu werden"

"Ich hab' Angst,  in meiner Heimat ermordet zu werden." Er kämpft vor deutschem Gericht um Freiheit
03:05 min
Er kämpft vor deutschem Gericht um Freiheit
"Ich hab' Angst, in meiner Heimat ermordet zu werden."

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Alles nur, weil er Männer liebt: Seine Familie in Algerien hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, sein Umfeld bedroht und erpresst ihn in seiner Heimat – und trotzdem muss Abdelkarim Bendjeriou möglicherweise zurück nach Algerien. Das Frankfurter Verwaltungsgericht verhandelt derzeit seinen Fall. Was dort am 16. August passierte und wie die Chancen des 35-Jährigen stehen – im Video!

Arbeitskollege erpresst ihn mit Fotos

Immer ein Lächeln auf den Lippen, aber die Angst sitzt tief: Abdelkarim Bendjeriou erinnert sich im RTL-Interview an sein Leben in Algerien.
Immer ein Lächeln auf den Lippen, aber die Angst sitzt tief: Abdelkarim Bendjeriou erinnert sich im RTL-Interview an sein Leben in Algerien.
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Vor über drei Jahren geschieht etwas, das Abdelkarim aus seinem Heimatland vertreibt und ihn seine Familie für immer verlieren lässt: Sein Arbeitskollege kommt an Fotos, die Abdelkarims Homosexualität beweisen. Der Mann erpresst den heute 35-Jährigen: Abdelkarim muss ihm seinen kompletten Lohn zahlen, damit er die Bilder nicht veröffentlicht und damit das Leben des homosexuellen Mannes zerstören würde.

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Abdelkarim hat Angst, macht alles, um seine Sexualität zu verheimlichen. „Ich wusste nicht, wie ich das bewältigen soll“, erinnert er sich im RTL-Interview an die prekäre Situation. Er wusste: Wenn das herauskommt, hat er richtige „Probleme“, also zahlt er das Geld an den Erpresser. „In Algerien wird man diskriminiert und sogar ermordet, wenn man homosexuell ist. Es ist ein Riesenunterschied: Diskriminierung gibt es zwar auch in Deutschland, aber hier kann ich ganz normal rumlaufen, ohne Angst zu haben, dass mich jemand ermordet oder mir was antut.“

Abdelkarims Familie wendet sich ab

Abdelkarim hält den Druck nicht mehr aus, das Geld eines Freundes, mit dem er sich statt seines Gehalts eine Zeitlang so gerade über Wasser halten kann, reicht nicht mehr. Im Februar 2019 entschließt er sich, nach Deutschland zu fliehen. Schon einmal hatte das Land ihm und seiner Familie während des Bürgerkriegs in den 90ern Schutz geboten. Doch diese Mal flieht er alleine – seine Familie wendet sich von Abdelkarim ab, als dessen Arbeitskollege die Fotos letztendlich doch veröffentlicht und sie von der Homosexualität ihres Familienmitglieds erfahren.

Einsatz vor den Regenbogenfarben: Knud Wechterstein, Koordinator Rainbow Refugee Support, unterstützt Abdelkarim bei seinem Kampf für die Freiheit.
Einsatz vor den Regenbogenfarben: Knud Wechterstein, Koordinator Rainbow Refugee Support, unterstützt Abdelkarim bei seinem Kampf für die Freiheit.
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"Ich bin so, wie ich bin: ein Mensch"

In Deutschland ist er endlich frei und glücklich. Er hilft anderen Algeriern mit seinen Sprachkenntnissen bei Arztbesuchen und Behördengängen, er engagiert sich in der queeren Community. „Warum soll ich meine Identität verstecken? Ich bin so, wie ich bin: ein Mensch. In Algerien ist Homosexualität ein Tabuthema und strafbar. Ich müsste mich immer verstecken, damit mir nichts passiert.“ Und das wird er eventuell jetzt bald wieder tun müssen, wenn das Gericht entscheidet, ihn nach Algerien zurückzuschicken. Seine Chancen stehen schlecht, wie Jonathan Leuschner, Rechtsanwalt von Abdelkarim, nach dem Gerichtstermin am 16. August bestätigt: „Wir haben nur sehr klare Hinweise darauf, dass das Gericht die Klage abweisen wird. Wir haben vor allen Dingen – und das ist die wirklich bittere Erkenntnis heute - noch mal die klare Ansage vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bekommen, dass sie nicht abhelfen wollen und darüber sind wir massiv enttäuscht.“

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Der Gerichtsentscheid könnte sein Leben gefährden

Abdelkarim ist sich seiner vagen Situation bewusst: „Es kann morgen die Polizei bei mir anklopfen und sagen: ‘Du kehrst jetzt zurück nach Algerien.“ Ein Antrag auf Asyl wurde bereits 2020 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt. Doch Abdelkarim gab die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und Sicherheit nicht auf und stellte einen weiteren Antrag. Ob die Entscheidung des Gerichts dieses Mal doch noch anders ausfällt, wird er in den kommenden Tagen per Post erfahren. Ein Brief, der Abdelkarims Leben wieder völlig verändern oder sogar zerstören könnte...

„In meinem Heimatland musste ich jemand anders sein, um mich nicht irgendwelchen Gefahren auszusetzen“, erinnerte sich Abdelkarim noch Anfang August im RTL-Interview. Das Versteckspiel und die Angst holen den 35-Jährigen nun eventuell erneut ein – und dieses Mal hätte er in seiner Heimat noch nicht einmal seine Familie um sich…

Homophobie - ein weltweites Problem

Homosexuelle Handlungen gelten in Algerien wie in einigen anderen islamischen Ländern als Straftat und können mit einem Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren sowie einer Geldstrafe von bis zu 10.000 Dinar (etwa 85 Euro) bestraft werden. Es wird angenommen, dass das Gesetz mit der Vorstellung begründet sei, dass Homosexualität nicht mit dem islamischen Glauben zu vereinbaren sei. In Saudi-Arabien und im Iran zum Beispiel sieht das Gesetz für homosexuelle Handlungen sogar die Todesstrafe vor.

Studien vom Lesben- und Schwulenverband über weltweite Rechte zeigen in einigen islamisch geprägten Ländern zwar eine leichte Tendenz der Bevölkerung, Homosexualität mehr zu akzeptieren, doch noch immer überwiegt die homophobe Einstellung.Bei der Befragung galten Spanien und die Niederlande als toleranteste Länder weltweit. (gmö)