"Fass mich nicht an"

Nach Mord an Sarah Everard: Jede Frau hat das Recht, nachts allein nach Hause zu gehen

Auch Frauen haben das Recht, alleine nachts im Dunkeln nach Hause zu gehen. (Motivbild)
Auch Frauen haben das Recht, alleine nachts im Dunkeln nach Hause zu gehen. (Motivbild)
© picture-alliance / Frank Duenzl, Frank Duenzl

15. März 2021 - 14:13 Uhr

Von Johanna Grewer

Hunderte Frauen haben sich am Wochenende in London versammelt. Wegen der aktuellen Corona-Maßnahmen hätten sie das eigentlich nicht gedurft, aber ihre Wut war größer. Sie wollten Sarah Everard gedenken, die nur 33 Jahre alt wurde. Als sie abends im Dunkeln von einer Freundin zu Fuß nach Hause lief, wurde sie entführt und ermordet – tatverdächtig: ein 48 Jahre alter Polizeibeamter. Die Initiative "Reclaim These Streets", übersetzt: "Erobert diese Straßen zurück", hatte zu der Mahnwache aufgerufen. Ich kann die Wut der Frauen gut verstehen, denn auch ich kenne das ungute Gefühl, immer wieder über die Schulter blicken zu müssen, wenn ich nachts alleine unterwegs bin. Und ich bin kein ängstlicher Mensch.

Gedenken an Sarah Everard
Menschen haben zum Gedenken an die ermordete Sarah Everard in London Blumen niedergelegt.
© REUTERS, HANNAH MCKAY, ELO/zuz/CRH

Warum kann fast jede Frau eine ähnliche Geschichte erzählen?

Ich wurde belästigt – ich glaube, fast jede Frau kann diesen Satz sagen. Mir ist es vor einigen Jahren am Wochenende passiert. Es war nicht das erste Mal, es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Und das ist es, was mich wütend macht. Warum nehmen wir das einfach hin? Warum muss ich mir als Frau immer Gedanken darum machen, wie ich sicher nach Hause komme? Ich bin erwachsen und habe das Recht, nachts alleine nach Hause zu gehen. Auch Sarah Everard hatte dieses Recht. Und trotzdem gibt es noch immer Menschen, die Frauen, die im Dunkeln allein unterwegs sind, als Freiwild zu betrachten scheinen. Das muss aufhören.

"Bist du alleine hier?" - sexuelle Belästigung beginnt oft mit harmlosen Fragen

Es war sehr früh am Morgen, ich war damals auf dem Weg von einer Party nach Hause. Irgendwann hörte ich Schritte hinter mir. "Entschuldigung, eine Frage: Bist du alleine hier?" Und schon fasste mich der Mann am Unterarm. Och nö!

Ich blieb stehen, streifte seine Hand weg und sagte in aller Ruhe: "Bitte, fass mich nicht an." Ich hatte aber sofort das Gefühl, dass ich das mit ihm nicht in Ruhe ausdiskutieren konnte, denn er kam mir sofort mit seinem Gesicht so nahe. Unangenehm! Also ging ich weiter. Aber so leicht ließ er sich nicht abschütteln. Ob ich einen Freund hätte, wollte er wissen, und ob ich nicht ihn nehmen wollte. Und dann verstellte er mir den Weg.

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Ich riss mich aus seinem Griff und rannte einfach los

Ich sagte: "Nein! Ich gehe jetzt nach Hause". Als ich an ihm vorbei wollte, packte er mich am Oberarm. Langsam war ich wirklich genervt. "Man wird ja wohl noch fragen dürfen", sagte er. "Man wird aber auch nein sagen dürfen", schleuderte ich zurück und riss mich los. Dann legte er von hinten seinen Arm um mich und versuchte, mich an sich zu ziehen.

Es dauert lange, bis ich wütend werde, aber in diesem Moment wurde ich wütend. Ich wand mich aus seiner Umklammerung. Er griff noch einmal nach mir und bekam mein Handgelenk zu fassen. Ich riss mich aus seinem Griff und rannte einfach los. Er folgte mir nicht. Vielleicht war es mein Glück, dass ich mit der Polizei gedroht hatte, vielleicht auch, dass er nicht größer und kräftiger war – ich weiß es nicht. Als ich dann Zuhause ankam, fragte ich mich plötzlich: Warte mal, muss ich jetzt eigentlich die Polizei rufen? Es ist ja nichts passiert. Ich hatte fast ein bisschen Mitleid mit dem Mann.

Ich habe das Recht, nachts alleine nach Hause zu gehen

Ich rief die Polizei – nicht so sehr meinetwegen, sondern weil ich in dem Moment Sorge hatte, dass er der nächsten Frau auflauern könnte. Im Nachhinein ärgert es mich, dass ich überhaupt gezögert habe. Was der Mann gemacht hat, war nicht in Ordnung. Ich habe ihm deutlich signalisiert, dass ich keine Lust hatte, mich mit ihm zu unterhalten oder andere Dinge zu tun. Das hat er ignoriert und das geht einfach nicht.

Und dann bekommt man auch noch geraten, dass man sich als Frau doch besser mit Pfefferspray ausstatten sollte, wenn man schon nachts alleine im Dunkeln unterwegs sein muss. Das will ich nicht akzeptieren! Ich habe das Recht, zu jeder Tages- und Nachtzeit alleine draußen herumzulaufen, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen muss – egal welches Geschlecht ich habe. Das ist keine Einladung für irgendwen, sondern meine Freiheit, die ich mir nicht nehmen lasse. Das bin ich gerade Frauen wie Sarah Everard schuldig. Denn die Straßen gehören allen.